Zeitung Heute : Noch ein Gedicht

Misia ist Portugals berühmteste Sängerin – und isst auch ziemlich außergewöhnlich. Eine kleine kulinarische Heimatkunde.

Susanne Kippenberger

Wie eine Nonne, so sieht sie auf der Bühne aus: im langen schwarz-weißen Gewand, die Augen geschlossen zum schwermütigen Gesang, die Füße nackt wie eine Büßerin. Eine japanisch-portugiesische Nonne, mit streng geschnittenem schwarzen Haar, zerbrechlich, ätherisch, elegant. „Die traurige Madonna des portugiesischen Blues“, so hat ein Kritiker Misia genannt.

An diesem Sonntagmorgen steigt ein ziemlich irdisches Wesen die Hamburger Hoteltreppe herab, die Haare verstrubbelt, von einer Mütze bedeckt. Es ist spät geworden am gestrigen Abend. Mit Musikern und Freunden war Misia nach der Vorstellung noch essen, wie immer. Nach jedem Konzert fühlt die Fado-Sängerin sich ausgelaugt, braucht Gesellschaft und Energie und isst. Isst „eine Menge“, sagt sie und lacht. „EINE MENGE! Ich esse nicht, ich schlinge. Nach dem Auftritt habe ich ein richtiges Loch im Bauch.“ Nie würde sie sich nach der Vorstellung allein aufs Hotelzimmer zurückziehen. „Ich brauche das. Das Leben, die Gefühle, die Erfahrungen.“ Was soll sie denn sonst in ihre Lieder stecken, die von Liebe und Sehnsucht und Schmerz erzählen?

Beim Japaner sind sie gestern Abend gewesen, japanisch isst die Portugiesin am liebsten. Sie liebt die Ästhetik der Speisen, die Farben, den Geschmack. Und dass japanisches Essen gesund ist. Wenig Schlaf und viel Hektik, das ewige Reisen, unregelmäßiges Essen, Rotwein um Mitternacht – das Leben einer Musikerin, wie die 47-Jährige es beschreibt, klingt ziemlich unbekömmlich. „Was wir mit unserem Körper machen, ist richtig gewalttätig“, sagt Misia und strahlt; auch die Gewalt hat ihre genussvollen Seiten. Seit Wochen ist die Portugiesin jetzt schon auf Tournee, „also essen wir immer zu gut und zu viel und am Ende passe ich nicht mehr in meine Kleider“.

Eigentlich ist Misia ja so etwas wie Miss Portugal: Es gibt nichts Portugiesischeres als den melancholischen Fado, und keine Sängerin ist international so bekannt wie sie. Aber in Hamburg zum Beispiel in ein portugiesisches Restaurant zu gehen – auf die Idee käme sie nie. „Neineinein, ich will doch überall das probieren, was es dort gibt.“ Außer in Amerika: „Die ändern von allem den Geschmack. Da haben sie eine Pizza Erdbeere, aber keine Pizza Margerita.“ So nimmt sie sich an diesem Hamburger Sonntagmorgen vom Büffet, was man in Deutschland so zum Frühstück isst, Käse, Wurst und Brot, bringt Orangensaft mit. Aber: Kaffee verträgt sie nur in der deutschen Form mit viel Wasser, nicht nach Art des Mittelmeers, klein und schwarz. „Wenn ich Espresso trinke, kriege ich mich mit allen Leuten in die Haare. Er ist zu stark, er macht mich unharmonisch.“ Sagt’s und lacht sich kaputt.

Suppe zum Dessert

Misia bestellt sich grünen Tee. „In Spanien“, sagt die Tochter einer Katalanin und eines Portugiesen, „trinkt man Tee nur, wenn man krank ist.“ In Portugal dagegen haben die Engländer ihre Spuren hinterlassen, die nachmittägliche Tea Time gehört dazu. Die allerdings ist nichts für Misia, „ich esse nicht nach Stunden, ich esse, wenn ich Hunger habe. Ich esse chaotisch“ – zumindest, wenn sie alleine ist. Wenn sie Lust auf Süßes hat, fängt sie mit dem Nachtisch an, fährt mit was Salzigem fort, dann wieder was Süßes und zum Abschluss vielleicht noch eine Suppe. Im Norden Portugals, wo sie aufwuchs, ist das durchaus üblich. Suppe, meint Misia, ist „wie ein Schlüssel“, der den Magen auf-, aber auch wieder zuschließen kann. Zu Hause in Lissabon hat die Sängerin einen ganzen Schrank voller Zutaten für Tees: Blumen, Rosen, Pfefferminz, alle möglichen Kräuter – „es sieht aus wie im Hexenkabinett“, sagt sie, und aus denen rührt sie sich dann was zusammen. Auch jetzt, auf der Tournee, hat sie Nelken und Ingwer dabei, einen Wasserkocher immer im Gepäck.

Und so, wie Misia Tee kocht, so kocht sie auch alles andere. Rezepte sind nichts für die temperamentvolle Genießerin. Kochbücher liest sie nur zur Inspiration, auch am Kochtopf ist Misia Künstlerin, erfindet, improvisiert. „Wenn Sie mich besuchen kommen und Ihren Regenschirm vergessen, dann würde ich am nächsten Tag Reis mit Regenschirm und PiriPiri kochen.“

Kommt sie von einer langen Tournee nach Hause, dann schnappt sie sich als erstes einen großen Topf, wirft Ingwer hinein und alles Gemüse, das sie kriegen kann, Nelken und Minze dazu, das kocht sie mit Wasser auf und Olivenöl, und diese Suppe trinkt sie dann von morgens bis abends, ein, zwei Tage lang: „um mich zu putzen, zu reinigen“. Auf Tourneen gute Suppen zu bekommen, sei so einfach nicht, die seien oft zu salzig, zu scharf. „Das ist das Schicksal der Künstler: Am Abend liegt uns das Publikum zu Füßen und applaudiert, aber wenn wir anschließend etwas essen wollen, kriegen wir oft nicht mal mehr ein Omelett, weil in vielen Städten um elf, zwölf Uhr alles zumacht. Also müssen wir nehmen, was wir kriegen, und das ist oft nicht gesund.“

Auch zu Hause ist die Sängerin ein Nachtmensch, vor zwei könnte sie nie ins Bett gehen. Sie mag das gern, nachts lesen, Musik hören. „Ooh!“ jubelt sie wie ein kleines Kind, „free time! Nachts kann ich leben.“ Oft geht sie tagsüber nicht mal aus dem Haus, wenn sie von einer Tournee zurückgekommen ist. Sie mag den Sonnenschein – „aber nicht draußen. Das ist mir zu gewalttätig.“ Sie verstecke sich wie eine Katze. Von denen hat sie übrigens selber zwei, nur dass der Kater wie ein Hund ist, nonstop redet, dauernd rumrennt und den ganzen Tag frisst. Die Katzendame ignoriert ihn einfach, guckt aus dem Fenster und philosophiert. „Wenn sie reden könnte“, sagt Misia, „sie würde Altgriechisch sprechen.“ Misia selbst hört abends auf, Katze zu sein, und geht mit ihren Freunden essen. Gerade die deftigen portugiesischen Suppen gefallen der Meisterin der Melancholie, vor allem Caldo verde, eine dicke Suppe aus Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch und Kohl und neben Bacalhao, dem Stockfisch, die bekannteste Nationalspeise Portugals.

15 Eier im Osterkuchen

Viele typisch portugiesische Erlebnisse fehlen ihr, wenn sie unterwegs ist. Die Familienfeste mit ihren rituellen Speisen, an Ostern zum Beispiel – in Portugal ein üppiges Fest der Lebensfreude – wird tagelang gekocht, allein im Oster-Kuchen stecken 15 Eier, es gibt Pudding aus Stockfisch, gespickte Lammkeule, mit Speck gefülltes Brot… Früher hatte in ihrem Elternhaus die katalanische Großmutter am Herd gestanden, von der sie dann auch kochen gelernt hat. Und von ihrem Mann, einem Basken, der inzwischen ihr Ex-Mann ist, er sei ein begnadeter Koch, sagt Misia.

Was Misia aber weit mehr noch als den Stockfisch liebt, das sind die Süßigkeiten – und die sind in Portugal richtig süß. Sie tragen so poetische Namen wie Himmelsspeck und Nonnenbäckchen – was die Sängerin aber nicht wundert: „weil wir das Land der Poeten sind. Wir verkaufen mehr Lyrikbände als jedes andere Land.“ Und gleich erzählt Misia die Geschichte aus „Asterix und Obelix“, in der jedes Volk vorführt, was es kann: „Der Spanier tänzelt natürlich, olé-olé-olé, und dann ist da ein kleiner Portugiese mit einem ganz langen Schnäuzer“ – und am Frühstückstisch macht die Musikerin sich selber ganz klein – „und der kleine Portugiese sagt“ (und sie sagt es mit trauriger, schüchterner Stimme): Ich kann nicht tanzen, aber ich kann ein Gedicht aufsagen. Wenn Sie mögen.“

Auch die Lieder, die Misia selber singt, Volkslieder ja eigentlich, werden von großen Poeten und Schriftstellern geschrieben. In Berlin tritt Misia in der Philharmonie auf, in Hamburg in der Musikhalle, in Frankfurt in der Alten Oper – aber in Lissabon wird Fadomusik meist in Kneipen zu Stockfisch und Wein serviert. Sie selber hört allerdings zu essen auf, sobald die Musik beginnt. „Das finde ich unhöflich.“ Doch, eine richtige Portugiesin ist Misia auf jeden Fall. Die Sängerin schwärmt für Sauerkraut und Apfelstrudel, Linsensuppe und Rhabarber.

Portugal, so informiert der Reiseführer, ist ein Volk von leidenschaftlichen Essern.

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