Noch einmal Ypsilanti : Zusammenbruch in die Soziale Moderne

Helmut Schümann

Manchmal ist es hilfreich, dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Auf dass es nicht einrostet. Also gut, ein kleines Fragespiel: Wie hieß noch gleich jene Beinaheministerpräsidentin von Hessen, die das aber nicht wurde, weil ein paar Beinahefreunde meinten, sie, die gesuchte Person, spiele zu gerne mit den Schmuddelkindern? Nun?

Richtig! Andrea Ypsilanti. War aber knapp, fast wäre die gute Frau schon ins Vergessen geraten. Was in diesem speziellen Fall nicht zu sehr erstaunt, weil sie selbst mitunter auch heute nicht mehr weiß, was sie gestern gesagt hat. Bevor abtretende Politiker nur noch eingefleischten Historikern ein Begriff sind, muss schnell noch etwas Bleibendes her, ein Buch zum Beispiel. Sie folgen damit dem gleichen Instinkt anderer bekannter Menschen, die am Ende ihrer Karrieren noch schnell etwas aufschreiben lassen, Stefan Effenberg zum Beispiel. Andrea Ypsilanti hat das auch gemacht, das heißt, sie hat die schnelle Lösung gesucht, die Recyclingvariante. Hat den Schreibtisch aufgeräumt und alte Reden und Schriften gebündelt. Gegen das Vergessen sozusagen.

Das Cover zeigt Frau Ypsilanti mit erhobener rechter Faust, so erhoben, wie die Fäuste der Menschen, die im Januar regelmäßig Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gedenken. Wie die Geschichte gelehrt hat, war diese Gestenanpassung eher kontraproduktiv. Frau Ypsilanti ist aber ohnehin weniger rückwärtsgewandt, sondern mehr so „Im Aufbruch in die Soziale Moderne“. So nämlich der Titel ihres Buches. Fetzen tut dieser Titel eher nicht, „Abbruch“ wäre vielleicht auch treffender gewesen oder „Die Sozialdemokratie im Zusammenbruch“. Zu loben ist indes, dass Frau Ypsilanti offensichtlich nicht aufs Geld aus ist und den verkaufsfördernden Titel „Wie ich der SPD den Garaus machte“ wählte.

Der Verlag hat sich dann auch im Begleittext kongenial bemüht, jeden Verdacht auf zu erwartende spannende Lektüre zu vertuschen. Dort heißt es, dass Folgendes im Büchlein beschrieben wird: „ihre“ (Frau Ypsilantis) „politischen Handlungs- und Gestaltungsmotive für die Konzipierung und Umsetzung einer sozial-ökonomischen und sozial-ökologischen Politikwende – und die Konflikte darüber“. Danach muss man erst einmal Luft holen. Aber vielleicht bricht sie mal wieder ihr Wort und das Buch ist ein Knaller. Eher nicht. Und in zwei Monaten weiß wirklich niemand mehr, wie diese Beinaheministerpräsidentin hieß.Helmut Schümann

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