Zeitung Heute : Noch hat das Spaziererlebnis doppelte Grenzen

Der Tagesspiegel

Die Sonne bescheint vor dem Reichstag die übliche Besucherschlange. Noch können die geduldig Wartenden nicht auf eine gepflegte Grünanlage blicken, zu der das riesige Areal vor dem Hauptportal gerade gestaltet wird. Wie kleine Soldaten sieht man hinter der Umzäunung unzählige Büsche in Blöcken stehen. Blaue, gelbe und rote Schilder flattern an den noch dürren Ästen, die sich einmal zum kräftigen Gebüsch entwickeln sollen. Auch Rasen wird es natürlich wieder geben, wer hat die Picknicks vergessen, mit denen hier vor Jahren Christos Reichstagsverhüllung gefeiert wurde...

Auf der Seite, wo die künftige Grünanlage entlang der Paul-Löbe-Allee führt, flanieren an diesem Sonntag nicht nur neugierige Touristen, die man meist am Reiseführer oder Stadtplan erkennt. Nein, auch viele Berliner selbst scheint die sehnlichst erwartete Sonne auf Entdeckungspirsch gelockt zu haben – zu Fuß, mit Kinderwagen und viele auch per Rad. Am Paul-Löbe-Haus halten zwei Frauen vom Wachdienst ihre Gesichter in die Sonne. Der junge Mann, der vorn am Friedrich-Ebert-Platz Wache schiebt, hat es nicht so gut – er steht im Schatten, und da ist es gestern noch recht frisch. Sonne satt können sicher auch die jungen Bäume auf dem Mittelstreifen der Paul-Löbe-Allee vertragen, die noch nicht den kleinsten Hauch Grün aufweisen, mit dem sie dem Areal aus Beton und Glas ein wenig Wärme verleihen könnten. Und noch sind auch dem ungehinderten Spaziergang im Gebiet des Spreebogens bauseitige Grenzen gesetzt. Doppelte Grenzen.

Die eine Grenze ist an der Marschallbrücke. Hier hat das Reichstagufer sein vorläufiges Ende. Ein Bauzaun sperrt das neue Stück ab, das dort an der Ecke Wilhelmstraße in Richtung Reichstag entsteht. Statt auf sauber verlegte Gehwegplatten blickt man an dieser Stelle noch auf aufgerissenes Erdreich, allerlei Baugeräte und ein mobiles Klohäuschen, das für „Schusters Mietservice“ wirbt. Im Hintergrund sieht man, wie sich die Besucherscharen etagenweise in die Höhe der Reichstagskuppel winden. Ganz klein nur zu erkennen sind von hier aus auch die Spaziergänger auf dem Friedrich-Ebert-Platz – dort ist das andere vorläufige Ende eines künftigen Berliner Spaziererlebnisses, das einmal vom Schloss Bellevue bis zur Friedrichstraße führen soll.

Auf der Marschallbrücke erklärt jetzt eine Radfahrerin im bayrischen Janker ihrem Begleiter die Gebäude vor ihren Augen „in dem Haus der Parlamentarischen Gesellschaft da hinten links haben wir ein Mal jährlich eine Veranstaltung“, sagt sie wichtig. Auf der Brücke, von der kürzlich, wie berichtet, ein Auto in die Tiefe stürzte, macht jetzt eine Familie von ihrem Berlin-Besuch Erinnerungsfotos. Im Bildhintergrund wird sie die S-Bahn haben, die justament gerade auf der anderen Seite der Spree aus dem S-Bahnhof Friedrichstraße herausfährt. Auf der Spree selbst ist gestern auch reger Verkehr. Mit voll beladenen Aussichtsdecks kreuzen sich die Ausflugsschiffe – von der „Havelperle“ winkt einer lachend zur Brücke hoch. Auf der bleiben gestern immer wieder die Passanten stehen und zeigen sich mit ausgestreckem Arm, wie der Spazierweg an der Spree an dieser Stelle später einmal weitergeht.

Von der Brückenmitte aus blickt man schon auf fertige Teile der neuen Uferbefestigung – die helle Quadermauer macht richtig was her. „Wie an der Seine in Paris“, schwärmt ein junges Mädchen von der künftigen Möglichkeit, sich auch an der Spree mitten in Berlin romantisch zu verabreden. Nur die auch schon fertigen Treppen, die an dieser Stelle des neuen Reichstagufers künftig wohl zu einer Anlegestelle hinab führen, erscheinen einem Betrachter recht steil und schmal dazu – „wenn man da nicht aufpasst“, murmelt er und korrigiert sich zugleich - „naja, noch fehlt ja das Geländer.“ Heidemarie Mazuhn

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