Zeitung Heute : Noch Stunden bis zur Flucht

In jordanischen Hilfslagern werden Tausende erwartet, die den Bomben im Irak entkommen wollen

Andrea Nüsse[Ruweished]

Das riesige sandfarbene Zelt steht offen. Drinnen, im rötlichen Wüstensand sind vier Tische aufgebaut. Hier warten die Mitarbeiter der Jordanischen Haschemitischen Wohlfahrtsorganisation, vor sich Bögen mit Fragen zur Identität der erwarteten Flüchtlinge. Auf den Tischen stapeln sich rote, gelbe, grüne und blaue Pappkarten mit schwarzen Plastikbändern dran.

Hier im Lager – etwa 60 Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, nahe dem jordanischen Dorf Ruweished – werden Flüchtlinge aus Drittländern aufgenommen. Doch bislang haben die Helfer noch nicht viel zu tun. Nur ein einzelner Mann wird befragt. Der 27-jährige Student Abdel Rahim aus Somalia ist mit ein paar Landsleuten im Taxi aus Bagdad gekommen. Neun Stunden haben sie für die etwa 600 Kilometer weite Reise an die Grenze gebraucht. Dort sind sie vier Stunden lang von den jordanischen Grenzbeamten befragt worden und durften schließlich nach Jordanien einreisen.

Der feingliedrige junge Mann bekommt eine grüne Pappkarte umgehängt – das heißt: Er ist gesund und reisefähig. Doch Abdel Rahim will nicht reisen. Er steht kurz vor dem Abschluß seines vierjährigen Studiums der Telekommunikation an der Universität von Bagdad. „Ich will hier warten und schnell zurückkehren“, sagt er. Im Mai sind die Abschlußprüfungen. Wenn er die nicht absolviert, sind die vier Studienjahre umsonst gewesen. Deshalb will Rahim hier warten, in einem der 200 Zelte, die den Aufdruck des iranischen Roten Halbmondes tragen.

„Wir schicken niemanden weg“, versichert David John von der „Internationalen Organisation für Migration“ (IOM). Aber eigentlich sollen die Menschen höchstens 24 Stunden im Lager bleiben, denn die jordanischen Behörden haben klargestellt, dass sie keine Flüchtlinge aus Drittländern im ihrem Land dulden wollen. Das haben Mitarbeiter der UN-Organisationen auch den 50 Sudanesen unmissverständlich beigebracht, die auf keinen Fall in ihre Heimat zurückkehren wollten. „Wir haben eine halbe Stunde lang mit ihnen gesprochen, danach wollten alle ein Flugticket für den Heimflug nach Sudan haben“, berichtet ein anderer Mitarbeiter der IOM. 400 Flüchtlinge aus Drittstaaten sind bisher in Jordanien eingetroffen – hauptsächlich Sudanesen, Somalis, auch einige aus Mali und Ägypten. 149 Sudanesen sind bereits am Freitag vom Flughafen Amman in ihr Land zurückgeflogen.

Das Mobiltelefon des Helfers David John klingelt: Acht Männer können am nächsten Morgen um 9.15 Uhr das Flugzeug der „Emirates Airlines“ in die jemenitische Hauptstadt Sanaa nehmen. Einer der sechs Touristenbusse, die von IOM angemietet wurden, soll sie zum Flughafen bringen. „Wir sollten einen Begleiter aus unseren Reihen mitschicken, keinen der ad hoc eingestellten Fahrer“, sagt John. Um sicher zu stellen, dass die Flüchtlinge wirklich aus Jordanien ausreisen.

Schnurgerade Zeltreihen in der Wüste

Während David John und seine 35 Mitarbeiter im Lager A für die so genannten Drittstaatler Sorge tragen, liegt das Lager B sechs Kilometer weiter noch völlig verlassen da. Bisher ist kein einziger irakischer Flüchtling über die Grenze gekommen. 150 Zelte mit jeweils fünf Plätzen waren am Sonnabend schon aufgebaut. In schnurgeraden Reihen ziehen vom Straßenrand bis in die Wüste hinein. Mitglieder der jordanisch-taiwanesischen Freundschaftsgruppe ziehen gerade ein weiteres Zelt hoch. Etwas weiter sind etwa 40 Toilettenhäuschen aus Aluminium mit Waschbecken aufgebaut.

Am Eingang des Lagers prangt ein großes Photo von Jordaniens König Abdallah II. „Die Jordanier haben phantastische Arbeit geleistet“, lobt der Verantwortliche des UN-Flüchtlingswerks Douglas Osmond. Vier Brunnen wurden gebaut, die Bohrlöcher sind 440 Meter tief, die Anlagen wurden mit Apparaten zur Wasserentsalzung versehen. Aber beim Blick über das leere Lager gibt Osmond zu, doch ein bisschen überrascht zu sein, dass bisher kein einziger irakischer Flüchtling angekommen ist. Auch in Syrien und im Iran sind bis Sonntag nach UN-Angaben keine irakischen Flüchtlinge eingetroffen. Warum das so ist, kann auch Osmond vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR nicht sagen. Im letzten Golfkrieg waren über eine Million Menschen nach Jordanien geflüchtet.

Die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Amman hatten schon vorausgesagt, dass diesmal in den ersten zwei Wochen kaum Flüchtlinge zu erwarten seien: Die Luftbombardements wollten viele Iraker in ihren Häusern oder Bunkern abwarten, in der Hoffnung, dass die Wohnviertel verschont blieben. Auch wollten viele Menschen ihre älteren Angehörigen nicht allein lassen.

Wenn es aber zu massiven Straßenkämpfen in den Städten oder zu bürgerkriegsähnlichen Situationen kommen würde, könne sich das ändern. Lediglich im Nordirak sind schon jetzt Zehntausende auf der Flucht. Den Aufbau des Lagers in Jordanien – das für 10000 Menschen geplant ist – wollen die UN nun jedoch erst einmal etwas langsamer vorantreiben, erklärt Osmond pragmatisch.

So geht das Warten immer weiter. Erst hat alle Welt monatelang auf den Beginn des Krieges gewartet, und nun, fünf Tage nach Ausbruch des Krieges, warten die Helfer noch immer auf ihren Einsatz. Bei manchen zerrt das an den Nerven. Die Mitarbeiter der deutschen Nichtregierungsorganisation „Cap Anamur“ haben im Vorhof der Poliklinik am Ortseingang von Ruweished ihr Feldlazarett aufgebaut. In zwei Zelten sind Feldbetten für 40 Verletzte oder Kranke aufgestellt. In zwei weiteren Zelten sind Behandlungsräume und Material für Wundversorgung und Infusionen untergebracht.

Am richtigen Ort, zur falschen Zeit?

„Seit Mittwoch waren wir damit beschäftigt, unsere Zelte im Sandsturm aufzubauen“, berichtet der Arzt Werner Höfner. Die beiden leuchtend roten Zelte, in denen die Mitarbeiter schlafen, seien dabei vor den Kameras des ARD-Fernsehteams wie Heißluftballons durch die Luft geflogen. Doch nun sind die Männer bereit. „Dies ist mein zehntes Projekt“, erklärt der ruhige Höfner, der in Deutschland eine Arztpraxis betreibt. Während seiner Auslandsmissionen kümmert sich seine Frau um die Patienten zu Hause . Er sei es gewöhnt, zu warten, sagt Höfner. Sich immer wieder zu fragen, ob man auch am richtigen Ort sei.

Der Techniker der Mannschaft, Andreas Herrmann, war zuvor im Kosovo und in Afghanistan im Einsatz. Auch er leidet unter der Untätigkeit. Er sei natürlich froh, wenn es keine Katastrophe gebe. „Aber ich bin zum Helfen hier, also will ich auch was tun“, klagt er. „Das Warten zerreißt einen.“ So lauschen die deutschen Helfer den Kriegsnachrichten aus dem kleinen Weltempfänger auf dem Esstisch. „Im Geiste bauen wir unsere Zelte schon wieder ab“, gibt der Arzt Höfner freimütig zu. Denn die Mannschaft will so schnell wie möglich in den Irak, wo ihre Hilfe dringend gebraucht wird.

Plötzlich fährt ein Krankenwagen vor die Poliklinik von Ruweished vor. Alle vier Mitarbeiter von „Cap Anamur“ rennen aus dem Zelt, um besser sehen zu können: Es ist ein jordanischer Soldat in grüner Militärhose, der auf einer Bahre hineingetragen wird. Die deutschen Helfer müssen weiter auf ihren Einsatz warten.

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