Zeitung Heute : Noch weit voneinander entfernt

Der Tagesspiegel

Von Uwe Schlicht

Eigentlich wollen türkische und deutsche Eltern das Gleiche: Ihre Kinder sollen in der Schule etwas lernen – sogar so viel lernen, dass es ihren Kindern eines Tages besser geht als den Eltern. Aber wenn dieser Grundsatz konkretisiert wird, merken Deutsche und Türken nur allzu schnell, wie weit sie voneinander entfernt sind. Die Türken wollen, dass ihre Kinder auch Türkisch lernen, damit sie den Kontakt zur Heimat und deren Kultur nicht verlieren. Die Deutschen verlangen, dass in türkischen Familien Deutsch gesprochen wird und die Kinder nicht nur türkisches Fernsehen konsumieren. Auf einer gemeinsamen Tagung der Friedrich-Naumann-Stiftung und des Türkischen Bundes in den Kulturwerkstätten entgegnete Berlins Schulsenator Klaus Böger auf die Forderung nach einem gleichberechtigten Türkischunterricht an den Schulen, das würde auf eine Überfrachtung der „Öffentlichen Haushalte“ hinauslaufen. „Im allgemeinen Bildungssystem müssen wir erwarten, dass die türkischen Mädchen und Jungen Deutsch lernen – und zwar mit Freude, weil diese Sprache ein Schlüssel zu einer neuen Welt ist.“

Die Gegenposition formulierte Safter Cinar vom Türkischen Bund: Auch die türkischen Eltern hätten ein Interesse daran, dass aus ihren Kindern etwas wird. Die türkischen Eltern wollten aber, dass ihre Kinder außer Deutsch auch noch ihre Herkunftssprache und ihre Herkunftskultur lernten. „Wen ich heirate, geht den deutschen oder türkischen Staat nichts an, welches Fernsehen ich sehe, entscheide ich.“ Leider zeige die Debatte um das künftige Zuwanderungsgesetz, dass man mit einer gewissen Population machen könne, was man wolle. EU-Bürger oder deutsche Aussiedler dürften ihre Kinder bis zum 18. Lebensjahr nach Deutschland holen. „Nur die Kanaken dürfen das nicht.“ Für sie soll das 12. Lebensjahr als Grenze gelten. „Die türkischen Eltern müssen ernst genommen werden, und die Politik darf nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Nur wenn man Vertrauen schafft, kann man bei den Eltern mehr bewegen.“

Kazim Aydin, der seit 17 Jahren im türkischen Elternverein gewirkt hat, ergänzt: „Die türkischen Eltern haben wenig Akzeptanz für ihre Wünsche gefunden – viele haben resigniert, weil sie sich nicht angesprochen fühlen. “

Deutsche Leitkultur

Die ehemalige Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Cornelia Schmalz-Jacobsen, griff einen Teil dieser Kritik auf. Es gebe in Deutschland eine „Art Leitkultur, die so tut, als ob wir noch ein homogenes Land seien und es ausreicht, wenn wir eine homogene Mittelschicht heranziehen.“ Die Deutschen hätten nicht wahrgenommen, wie sehr sich durch den wachsenden Ausländeranteil und die zunehmende Armut die Gesellschaft verändert habe. Damit bezog sie sich auf die Ergebnisse der internationalen Pisa-Studie: Bei der Lesekompetenz hatten die Kinder aus Ausländerfamilien und aus der deutschen sozialen Unterschicht die schlechtesten Ergebnisse erzielt. Beide Gruppen sind daher als jene Risikokandidaten einzuschätzen, die später bei den weiterführenden Schulen scheitern, den Schulabschluss nicht erreichen und damit kaum Chancen für eine Berufsausbildung bekommen.

Die einstige Ausländerbeauftragte fragte aber auch, warum die türkischen Kinder vor allem in den Haupt- und Sonderschulen so überrepräsentiert sind, warum so viele den Schulabschluss nicht erreichen und sich nur eine Minderheit für das Gymnasium und ein Hochschulstudium qualifizieren kann. Zwei Gründe hält sie für ausschlaggebend: Psychologisch sei es verheerend, wenn man den Ausländern ständig sage, dass sie hier nur befristet Aufenthalt erhielten. Eine längerfristige Lebensperspektive sei jedoch die Voraussetzung für die Bildung. Als zweiten Grund ührte Schmalz-Jacobsen an: Deutschland habe die Sprachförderung für Migrantenkinder vernachlässigt. „Die Sprache ist der Schlüssel zur Bildung und zur Integration in Schule und Beruf.“

Was damit gemeint ist verdeutlichte Havva Engin, Erziehungswissenschaftlerin an der Technischen Universität. Die Deutschlehrer seien zwar nach dem Hochschulstudium hoch gebildete Germanisten, die sich in Alt- und Mittelhochdeutsch, in der Linguistik und der Literaturinterpretation auskennten, aber im Unterricht scheiterten, wenn sie vor Klassen stehen, deren Schüler in der Mehrheit Ausländer sind. Dort müssten sie eigentlich Deutsch als Zweitsprache unterrichten, und das hätten sie nicht gelernt. Die Kurse, die dafür an den Hochschulen angeboten würden, seien für die Staatsprüfung leider nicht relevant.

Berlins Schulsenator Klaus Böger kontert mit Zahlen : Berlin stelle 734 Stellen für Lehrer bereit, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten. In Berlin gibt es jedoch 365 000 Schüler nichtdeutscher Herkunft. Zur Überbrückung dieser Diskrepanz will Böger erreichen, dass die Türken, die das Gymnasium geschafft und anschließend ein Lehrerstudium an einer Universität erfolgreich absolviert haben, bevorzugt in den Schuldienst übernommen werden. Böger meint zu Recht, dass in den schwierigen Situationen Lehrer mit Türkischkenntnissen mehr Erfolge erzielen können als Deutsch sprechende Germanisten und Fachlehrer.

Der Schulsenator machte deutlich, dass das Ausländerproblem von Bezirk zu Bezirk sehr unterschiedlich ist. In Hellersdorf liegt der Ausländeranteil bei 1,7 Prozent. In Wedding und Kreuzberg beträgt der Anteil nichtdeutscher Schüler 60 Prozent und in Tiergarten 47 Prozent. Große Sorgen bereitet die Reaktion der deutschen Bevölkerung besonders aus den gebildeten und einkommensstarken Schichten, weil diese aus den Problembezirken wegziehen und Schulen mit zu hohem Ausländeranteil meiden. Dieser Tendenz versucht der Berliner Senat mit dem Konzept der sozialen Stadtentwicklung entgegenzuwirken. Große Hoffnungen setzt Böger auf ein Programm, das die Anmeldung türkischer Kinder in den Kindergärten mit Volkshochschulkursen für türkische Mütter verbindet. Böger hofft, dass die Volkshochschulen diese Herausforderung aufgreifen. Helfen könnte auch eine Briefoffensive. Böger möchte die türkischen Eltern zu Schulbeginn in der ersten Klasse und an der Schwelle zu den weiterführenden Schulen in der sechsten Klasse ansprechen, um sie darauf hinzuweisen, wie wichtig die deutsche Sprache für die Integration ist.

Geldverschiebung geplant

Nicht zuletzt denkt Böger daran, Gelder von der besonders gut ausgestatteten gymnasialen Oberstufe zugunsten der Grundschulen umzuschichten. Denn auf die frühe Sprachförderung kommt es an. Er verweist darauf, dass im internationalen Vergleich der OECD die deutschen Grundschulen unterdurchschnittlich ausgestattet sind, aber die Sekundar- und die Oberstufe besonders viel Geld erhalten. „Ohne stabile Rahmenbedingungen werden wir die bitteren Ergebnisse von heute nicht verbessern können.“

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