Zeitung Heute : Noch zu haben

Die Vergabe der offenen Stellen geht in die heiße Phase. Wer jetzt noch „ohne“ ist, muss sich beeilen

Andreas Monning

„Noch ist nichts zu spät“, schickt Doris Ebert, Sprecherin der Arbeitsagentur Berlin-Mitte, beruhigend vorweg: Die Vergabe der Ausbildungsplätze für das laufende Jahr komme erst allmählich in die heiße Phase. Der Agentur liegen Zahlen vor, nach denen Anfang des Monats von 9042 in Berlin gemeldeten Plätzen noch 5080 unbesetzt waren, also noch mehr als die Hälfte. Die meisten freien Stellen gab es im Bereich der Verwaltung, Organisation und Büro (1358), dazu kamen knapp 900 Ausbildungsplätze für Warenkaufleute, rund 700 für Schlosser, Mechaniker und Elektriker, 414 für Dienstleistungskaufleute und 221 für Techniker.

Auch die Lehrstellenbörse der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin wies am vergangenen Freitag knapp 600 freie Plätze in 72 Berufen aus. Dass Anfang des Monats aber noch rund 10 200 Jugendliche ohne Vertrag waren, klingt alarmierend. Klaus Fischer, Referent beim Handelsverband Berlin-Brandenburg meint aber, dass sich das Verhältnis am Ende noch relativieren wird. „Die meisten Stellen bei großen, namhaften Unternehmen sind zwar schon vergeben“, sagt er. Dafür ziehe sich die Vergabephase bei mittleren und kleinen Händlern bis in den Sommer hinein, viele würden auch noch spontan Ausbildungsplätze einrichten, unterm Strich erwarte man sogar eine Steigerung zum Vorjahr.

Weg seien dagegen die Plätze bei Banken und Versicherungen, sagt Eleonore Bausch von der IHK Berlin. „Die Branche ist sehr früh dran im Jahr.“ Grundsätzlich gelte: Begehrte und seltene Ausbildungsberufe wie beispielsweise Mediengestalter, Reisekaufmann oder Fachinformatiker würden frühzeitig von motivierten Abiturienten und guten Realschülern besetzt. Büroberufe dagegen seien noch frei, beim Handwerk gehe es erst richtig los. Ihr Tipp: „Kleinere Betriebe schätzen Eigeninitiative. Mit Bewerbungsunterlagen vorbeizugehen und Motivation zu zeigen kann sogar ein nicht so gutes Zeugnis ausgleichen.“

Das kann Manfred Löbe, Referatsleiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer (HWK) Berlin, bestätigen. „Das Handwerk ist traditionell später dran, die heiße Phase liegt zwischen Juli und September.“ Viele kleinere Betriebe entschieden kurzfristig nach der Konjunkturlage, noch Lehrstellen anzubieten. Vor allem im Nahrungsmittelhandwerk würde gesucht, bei Tischlern, Zimmerleuten und KFZ-Mechatronikern sei der Andrang allerdings zu groß, die Plätze wären eher schon vergeben. In solchen Fällen rät Löbe zum Umdenken: statt Tischler vielleicht Parkettleger, von Mechatroniker auf Zweiradmechaniker umzusatteln. „Besser nach Alternativen suchen als warten. Man weiß nie, was nächstes Jahr kommt.“

Für Jugendliche, die in der Metall- und Elektrobranche unterkommen wollen, könnte sich das Warten dagegen lohnen. Klaus-Dieter Teufel, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Metall- und Elektroverbandes Berlin-Brandenburg, glaubt nämlich, dass mehr oder weniger allen Interessenten am Ende auch ein Angebot gemacht wird. „Zu den regulär zu besetzenden Plätzen kommen noch mal doppelt so viele geförderte hinzu.“ Die Sonderplätze würden allerdings erst sehr spät freigegeben.

Taktieren hin, Umdenken her: Wichtig sei, umgehend aktiv zu werden, rät Doris Ebert, Pressesprecherin der Arbeitsagentur Berlin-Mitte. Flexiblen Jugendlichen empfiehlt sie, andere Regionen wie Bayern und Teile Nordrhein-Westfalens ins Auge zu fassen. Dort sei die Ausbildungssituation entspannter. Ansonsten gelte: „Wer jetzt noch keine Lehrstelle hat, sollte am besten sofort einen Termin beim Berufsberater machen.“ Der könne Berufsanforderungen und Bewerberprofil vergleichen und auch zu Alternativen beraten. Ergänzend finden Interessenten im Lehrstellenatlas der IHK Berlin eine Übersicht der Berufe und einen Link zur Lehrstellenbörse. Dort erfährt man, wie viele Plätze gemeldet sind und wer sie anbietet.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht: Dank einer entsprechenden Bund-Länder-Vereinbarung zum Ausbildungsplatzprogramm Ost 2006 werden in Berlin im Herbst noch einmal 3000 zusätzliche Plätze für unvermittelt gemeldete Bewerber zur Verfügung stehen, in Brandenburg könnten es fast genauso viele werden.Wer dieses Jahr allerdings trotz aller Bemühungen keine Lehrstelle findet, sollte die Wartezeit möglichst sinnvoll verbringen, sagt Doris Ebert. Von Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen bis zu Sprachkursen sei vieles möglich. „Das Einzige, was man nicht machen sollte, ist ein Jahr zu Hause rumzuhängen.“

Die Lehrstellenbörse der IHK im Netz: http://ihk.dasburo.de/bildung/lehrstellenboerse/mitte.htm

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