Zeitung Heute : Nochmal auf die Schulbank

6000 Berliner haben es im vergangenen Jahr gewagt: Ein Abschluss auf dem zweiten Bildungsweg eröffnet neue Jobchancen

Silke Zorn

Was haben Bundeskanzler Gerhard Schröder, Boxprofi Dariusz Michalczewski und die Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer gemeinsam? Alle drei verließen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, die Schule zunächst ohne Abitur – und holten den Abschluss später nach. Fast 6000 Berlinerinnen und Berliner haben es ihnen im vergangenen Schuljahr nachgemacht und an Lehrgängen im so genannten Zweiten Bildungsweg teilgenommen, 3400 mit dem Fernziel Abitur.

Zum Abitur führen in Berlin zwei Wege: der Besuch eines Abendgymnasiums oder eines so genannten Kollegs mit Vollzeitunterricht. Berufsbegleitende Kurse an Abendgymnasien dauern zwischen dreieinhalb und vier Jahren. Für den Unterricht an einem Kolleg muss man zwischen drei und dreieinhalb Jahre einplanen. Unter bestimmten Voraussetzungen kann man auch gleich in die zwei Jahre dauernde eigentliche Kursphase einsteigen.

Daniel Müller ist einer von denen, die es gewagt und geschafft haben. Seit der vergangenen Woche hat er sein Abi-Zeugnis in der Tasche. Im Herbst startet der 27-Jährige dann ins Jurastudium. An der renommierten Privathochschule Bucerius Law School hat er sich beworben – und die erste Hürde, das schriftliche Auswahlverfahren, bereits genommen. Seine zweite Schulzeit am Charlotte-Wolff-Kolleg in Charlottenburg hat er sehr genossen. „Schwer gefallen ist mir der Unterricht nie“, sagt Müller. „Aber meine eigentliche Schulzeit lag ja auch gerade mal drei Jahre zurück. Wer zwischendurch länger im Beruf steckt, hat es sicher nicht ganz so leicht.“ Sein Ziel war ganz klar ein späteres Studium. „Davon abgesehen hatte ich aber auch das Bedürfnis, meinen Kopf mal wieder richtig anzustrengen.“ Und dass er dabei ziemlich erfolgreich war, erzählt Daniel Müller ganz bescheiden in einem Nebensatz: Abi-Note 1,0.

Später mal studieren, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, aber auch den inneren Schweinehund überwinden und sich selbst beweisen, dass man es schaffen kann – all das motivierte Daniela Abel dazu, nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau ins Klassenzimmer zurückzukehren. Ganz so leicht wie Daniel Müller fiel es ihr zu Anfang nicht. „Im ersten halben Jahr fand der Unterricht noch abends statt und ich habe tagsüber gearbeitet – das war ganz schön stressig.“ Seit Sommer 2003 geht die 24-Jährige wieder zur Schule. Wenn sie das Abitur erst einmal in der Tasche hat, will auch sie an die Uni gehen, für ein Lehramtsstudium.

Finanzieren konnten Daniel und Daniela ihren Schulbesuch dank BAföG. Denn die Kurse im Rahmen des Zweiten Bildungsweges sind an öffentlichen Schülen zwar kostenlos und auch Bücher und Lehrmittel müssen in der Regel nicht selbst bezahlt werden. Doch wer ein Tageskolleg besucht, kann und darf keiner geregelten Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Daher besteht grundsätzlich ein Anspruch auf so genanntes Schüler-Bafög, das unabhängig vom Einkommen der Eltern gewährt wird und nach Ende der Schulzeit nicht zurückgezahlt werden muss. Wer noch zuhause lebt kann laut Auskunft des BAföG-Amtes Charlottenburg-Wilmersdorf mit einem so genannten Grundbedarfssatz von maximal 354 Euro monatlich rechnen, wer einen eigenen Haushalt führt mit maximal 443 Euro. Hinzu kommen unter Umständen noch Zuschüsse zu Miete, Kranken- und Pflegeversicherung.

Auch an Abendgymnasien besteht grundsätzlich die Möglichkeit einer Ausbildungsförderung mit identischen BAföG-Sätzen. Ausnahme: An einigen Schulen besteht während der ersten Semester eine Pflicht zur Berufstätigkeit. Für diesen Zeitraum ist eine staatliche Förderung ausgeschlossen.

Schließlich kann man sämtliche Schulabschlüsse auch per Fernlehrgang nachholen. Fast alle großen Anbieter von Fernunterricht haben entsprechende Kurse im Programm. Die erworbenen Abschlüsse sind absolut gleichwertig. Per Fernunterricht zum Abitur, „das kann man, bei durchschnittlich 15 Wochenstunden, je nach Vorkenntnissen in zweieinhalb bis dreieinhalb Jahren schaffen“, sagt Dörte Giebel vom Fernlernanbieter ils. „Wer länger braucht, kann sich die Zeit natürlich auch nehmen.“

Anders als die staatlichen Angebote sind private Fernkurse kostenpflichtig – und zwar je nach Schulabschluss rund 120 bis 130 Euro im Monat. Unter bestimmten Voraussetzungen gibt es auch hier eine Ausbildungsförderung. Attraktiv dürfte diese Variante des Zweiten Bildungswegs aber vor allem für Berufstätige sein, die unabhängig von Ort und Zeit lernen möchten. Das Abitur ist dabei eindeutiger Spitzenreiter. Rund 4300 Anmeldungen hatte etwa ils im vergangenen Jahr, 30 Prozent mehr als noch 2003.

Auch Alter schützt nicht vorm Abi – das bewies vor einigen Jahren der damals 71-jährige Martin Pagel und holte am Berliner Charlotte-Wolff-Kolleg mit der Traumnote 1,9 seine Hochschulreife nach. Wer weiß – vielleicht schlendert er ja heute über einen Uni-Campus.

Natürlich gibt es nicht nur Kurse, die zum Abitur führen. Der Hauptschulabschluss kann meist nur in Abendlehrgängen erworben werden, die rund eineinhalb Jahre dauern. Unter bestimmten Voraussetzungen können die Kurse aber auch auf ein Jahr verkürzt werden. Tageslehrgänge für ausländische Jugendliche werden von den Volkshochschulen Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg angeboten. Für arbeitslose Jugendliche bis 25 Jahre führen einige Volkshochschulen Tageskurse durch. Auch für den Realschulabschluss muss man sich rund eineinhalb Jahre Zeit nehmen. Eine Verkürzung auf ein Jahr ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich.

Wer sich mit dem Gedanken trägt, die Fachhochschulreife nachzuholen, hat in der Hauptstadt die Wahl zwischen Abend- und Tageslehrgängen. Abendkurse dauern in der Regel zwei Jahre. Bei Tageskursen variiert die Dauer je nach Aufnahmevoraussetzungen der jeweiligen Schule zwischen ein und zwei Jahren. Der Unterricht findet an so genannten Fachoberschulen statt, die es für verschiedene Fachbereiche gibt, zum Beispiel Ernährung und Hauswirtschaft, Technik, oder Sozialwesen. Wer durchhält und den Abschluss schafft, dem steht der Weg zum Studium an einer Fachhochschule offen.

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