Zeitung Heute : Nölen

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

Sonja Niemann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Als Studentin habe ich eine Zeit lang in einem kleinem Call-Center gejobbt, wo wir Beschwerden von Firmenkunden entgegennahmen, deren Computer aus irgendeinem Grund nicht funktionierte. Ich hatte nie wieder einen Job, der so schlechte Laune machte. Mein Kollege gegenüber hatte einen großen Zettel neben seinem Telefon liegen, auf dem stand: „Reg dich nur über Lohnendes auf.“

Ein guter Rat. Ich persönlich halte mich nicht immer daran.

Es gibt Tage, da bekümmert es mich zutiefst, dass mein bei Aldi gekauftes Olivenbäumchen täglich so viel Grün verliert, als wolle es sich aus stillem Protest komplett entblättern, als sei es ein streikender Student zu Demozeiten. Meinem Weihnachtsbaum im Topf dagegen geht es immer noch prächtig. Ich frage mich, was mit ihm nicht stimmt. Mein Weihnachtsbaum ist in diesem März meine einzige gesunde Zimmerpflanze. Ich habe keinen Garten, und ich kann die arme Tanne doch nicht in Neukölln aussetzen, wo sie als Hundetoilette endet. Aber das nur nebenbei.

Ich finde, man sollte sich einmal im Monat einen kompletten Tag cholerisch schlechter Laune auch aus geringstem Anlass gönnen, damit man dann den Rest des Monats auch bei echten Ärgernissen gelassen bleiben kann. Daher erkläre ich den heutigen Donnerstag zum Tag meiner schlechten Laune. Gleich nach dem Aufwachen, wenn ich durch den Olivenlaubhaufen im Wohnzimmer stapfen muss, brülle ich meinen Baum an: „Was passt dir eigentlich hier nicht in meiner Wohnung, he?“ Im Supermarkt wird mich die muffelige Käseverkäuferin wie gewohnt nicht grüßen, und ich werde diesmal aus Rache einen Einkaufswagen klauen, um ihn im Sommer als Grillrost in der Hasenheide zu verwenden. Auf dem Weg ins Büro werde ich dem U-Bahn-Spinner zuvorkommen und einfach selbst mal lautstark das U-Bahn-Fernsehen kommentieren. Und dann meine Mitfahrer fragen, ob sie die fliegenden Leguane hier im Waggon auch so irritieren.

Im Büro schreibe ich dann erst mal einen Brief an die Kollegen vom Stadtmagazin, in dem ich mich darüber beschwere, dass in ihrer letzten Filmkritik das großartige Melodram „21 Gramm“ tatsächlich schlechter wegkam als „Autobahnraser“, die Verfilmung eines Computerspiels. Dann lamentiere ich ein wenig über meine Arbeit und gräme mich, dass ich nie mehr nach Südamerika fahren kann, weil Ronald Schill jetzt dorthin auswandern will (okay, ich kann jetzt wieder nach Hamburg, aber wer will schon in Hamburg Urlaub machen).

Abends im Tangokurs werfe ich meinem Tanzpartner, der ein Ausbund an Liebenswürdigkeit ist, chauvinistisches Verhalten vor, weil er immer führen will, und das nur, weil er zufällig ein Mann ist. Auf dem Weg nach Hause halte ich schließlich in Neukölln den nächstbesten Hundebesitzer auf der Straße an und schimpfe: „Leute wie Sie und Ihr Köter sind schuld, dass ich im März immer noch mit einem Weihnachtsbaum zusammenleben muss!“

Wenn ich dann ins Bett gehe, werde ich mich viel, viel besser fühlen. Vor Mitternacht sollte ich mich darüber aber noch nicht freuen.

Gehen Sie mir heute lieber aus dem Weg.

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