Zeitung Heute : Noiquattro

Slalom in Friedrichshain

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Allmählich wird die Berliner Gastronomie ein Fall fürs Kartellamt, jedenfalls, was die regionale Konzentration angeht. Mitte und Prenzlauer Berg auf der einen, die West-City auf der anderen Seite sind die spannenden Gegenden; außerhalb dagegen blüht die kulinarische Langeweile immer prächtiger, mit Serien-Chinesen, Allerwelts-Italienern und International-Kroaten, als hätten wir immer noch 1975. Doch plötzlich wird uns ausgerechnet in Friedrichshain offensiv „La nouva cucina italiana" versprochen. Ein etwas ausgeblichenes Etikett, zugegeben - aber wir sind, neugierig, trotzdem schneller hingefahren, als sich das eigentlich gehört, in das frisch eröffnete „Noiquattro" am Strausberger Platz.

Eigentlich der logische Ort für ein städtisches Ristorante. Denn wenn man nicht ganz genau hinsieht, verströmt die kastige Säulenarchitektur der einstigen Stalinallee durchaus einen Hauch norditalienischer Strenge, nur dass dort die Rasenflächen vermutlich aus Granit wären. Vor der Tür eine gewaltige Platane, Korbstühle in gemessenem Abstand vom Verkehr, kurz: ein Ort mit einer gewissen Aura, den die Leute zu mögen scheinen. Drinnen ist der Platz eher knapp, und der hohe Raum erzeugt am Abend ganz von selbst jenen diffusen Lärmpegel, der die guten italienischen Restaurants auszeichnet.

Die neue Küche indessen schien uns so neu nicht, aber doch einigermaßen interessant. Wenn ich es richtig sehe, steckt der frühere Küchenchef des „Treviso" dahinter, und das ist ja eine durchaus interessante Adresse. So gibt es sehr zarte Lammzunge mit einer dezenten Speckvinaigrette, der Ziegenkäse wird in dünnen Zucchinischeiben gebacken (je 7,20 Eueo) , und die Salate dazu sind akkurat gemacht und...

Jetzt kommt der Haken des ganzen Essens, den ich mit einer gewissen Vorsicht formuliere, weil im Noiquattro sicher noch nicht alles rund läuft: Alles, durchweg alles, war mit einer so großen Vorsicht gewürzt, dass es einen permanenten Slalom zwischen langweilig und fad absolvierte, und das, obwohl sonst technisch kaum etwas auszusetzen war. Gewiss: Man kann nachsalzen, aber das ist nie dasselbe, und schließlich sind die Gäste ja nicht dazu da, die Arbeit der Küche zu machen.

Insofern freuten wir uns über den Parmesan, der generös über die Nudelgerichte gehobelt wurde und so wenigstens dort die richtige Würze lieferte: Spaghettini Carbonara und Safrantagliolini mit Zander und Kirschtomaten, als Vorspeisenportionen mit fünf bis sieben Euro angenehm kalkuliert. Dass die versprochenen Flusskrebse zu den Carbonara ausblieben, war schade; es brachte uns Gratis-Desserts als Entschädigung ein.

Als Hauptgang gibt es beispielsweise Loup de Mer, einen kleinen aus der Zucht, der aufwändig in Salzteig gegart und am Tisch zerlegt wird (16,50 Euro). Doch wenn das nicht mit absoluter Akkuratesse gemacht wird, ist Grätenspucken angesagt, so auch hier. Das (noch zu harte) Fenchelrisotto und die dezente weiße Tomatenbutter kamen deshalb nicht richtig zur Geltung.

Zu den Anlaufschwierigkeiten dürfte auch gehören, dass der Küchenrhythmus nicht stimmte: Die Wartezeiten waren durchweg zu lang, und vor dem Hauptgang stellte man plötzlich Tassen mit (nicht bestelltem, aber sehr gelungenem) Karottensüppchen mit Dörrtomaten auf den Tisch, zur Überbrückung. Doch wir hatten sie noch nicht zur Hälfte gelöffelt, da kamen die Hauptgänge... „Noiquattro" heißt zu deutsch „Wir vier". Es wäre schön, wenn die vier das Dogma des ns aufgeben und noch ein paar Leute einstellen würden, zumal für die Terrassensaison.

Sonst noch: Sehr schön zarte geschmorte Kalbshaxe mit Lauchzwiebeln und einer wiederum sehr dezenten Schalottensauce, abschließend Ricotta-Semifreddo, sehr eisig serviert, mit einer kleinen Apfellasagne und Erdbeeren. Der Service absolviert seine Arbeit freundlich und aufgeschlossen und den Umständen entsprechend nahezu fehlerfrei, und auf der Weinkarte erfreut eine recht große Zahl vor allem norditalienischer Abfüllungen zu angenehmen Preisen: Der Masetto Bianco von Endrizzi (Trentino) kostet 21,50 Euro.

Das kann also was werden, und für die Gegend ist es schon nahezu konkurrenzlos. Dennoch ist eine Menge Feinschliff nötig, damit das „Noiquattro" nicht am Ende doch im italienischen Mainstream hängenbleibt.

Bernd Matthies

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