Zeitung Heute : Norbert Lammert?

Robert Birnbaum

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Norbert Lammert (CDU) könnte nach der Wahl Kulturstaatsminister werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Er steht meist ein bisschen im Hintergrund, dabei gehört der Mann mit dem markanten Asketenschädel zu den Mächtigen in der Union. Norbert Lammert führt den CDU-Bezirk Ruhr, mitgliederstärker als mancher Landesverband, und er führt die Landesgruppe der NRW-Abgeordneten im Bundestag. Die ist so groß wie die der CSU und fast so mächtig, macht davon aber weniger Aufhebens. Auch Lammerts Amt als Bundestagsvizepräsident wirkt unbedeutender als es ist: Der Posten verschafft dem 57-Jährigen Zugang zu allen zentralen Gremien der Partei. Wo er stets aufmerksamer Zuhörer sicher sein kann. Denn Lammert – seit 1980 im Bundestag, Ex-Parlamentarischer Staatssekretär für Bildung wie für Wirtschaft – versteht von vielen Dingen etwas und versteht das auszudrücken. Und das von Rot-Grün geschaffene Amt des Kulturstaatsministers verteidigte er schon früh gegen Kritiker aus der eigenen Partei, die darin einen kulturpolitischen Sündenfall sahen.

AMBITIONEN: Lammerts Liebe hat immer schon weniger der Macht gegolten als der Kultur. Wer die Texte und Zwischenrufe des Doktors der Sozialwissenschaften nur überfliegt, findet immer wieder Auseinandersetzungen mit Fragen der Kulturpolitik – zuletzt eine Replik auf einen Zeitungsaufsatz, der die Großintellektuellen der Republik ausschließlich im rot-grünen Lager verortete. Was Lammert ärgerte, weil es nicht stimme und, schlimmer, nichts bedeute: „Wir denken selbst. In der Regel zumindest. Nicht immer gründlich genug, nicht immer überzeugend, aber mit dem bescheidenen Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen“, sagte er.

AUSSICHTEN: Bei der Kanzlerkandidatin Angela Merkel hat Lammert einiges gut. Und ein Bundeskultur(staats)minister Lammert mit der NRW-Hausmacht im Rücken wäre alles andere als ein Alibi-Intellektueller im Kanzleramt. Noch mehr reizen könnte ihn allerdings ein anderer Posten: der des Bundestagspräsidenten.

WAHRSCHEINLICHKEIT: Für den Kulturstaatsminister – sehr hoch

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