Zeitung Heute : Norbert Röttgen?

Robert Birnbaum

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Norbert Röttgen (CDU) könnte nach der Wahl vielleicht Kanzleramtsminister werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Der Posten ist so unauffällig wie zentral. Dabei übertreibt der Titel sogar ein wenig: Nach Funktion und Stellung ist der Chef des Kanzleramts eine Sonderform des Staatssekretärs. Allerdings eine extrem wichtige. Denn bei ihm laufen alle Drähte zusammen, die das Kanzleramt mit der politischen und ökonomischen Landschaft verbindet. Der Kanzleramtschef ist Frühwarnsystem und Krisenmanager, Streitschlichter und Organisator, Aktensichter und Kabinettstagesordner, Verbindungsmann zu Wirtschaft, Ländern und Fraktion – und meistens alles dies gleichzeitig. Wer nicht notfalls mit drei Stunden Schlaf auskommt, ist da fehl am Platz. Wer sich selbst wichtig nimmt, ist auch falsch.

AMBITIONEN: Eigentlich ist Norbert Röttgen nicht unzufrieden mit dem Job, den er seit Januar 2005 hat. Als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion zählt er heute schon zu den Chef- Strippenziehern im Berliner Politikgeschäft, und das Amt gewinnt noch an Bedeutung, wenn die CDU/CSU demnächst Regierungsfraktion sein sollte. Der 40-jährige Jurist aus Meckenheim bei Bonn gehört zu jenem Club der „Jungen Wilden“, die dem Kanzler Kohl in dessen letzten Amtsjahren mit dem Ruf nach einem Zuwanderungsgesetz auf die Nerven gingen und in der „Pizza-Connection“ chiantiselige Kontakte zu Grünen-Jungspunden pflegten. Die Pragmatikertruppe ist beim Marsch durch die Institutionen zu den „Merkel-Boys“ mutiert, dem engeren Kreis von Vertrauten, mit denen die Partei- und Fraktionschefin zu Rate geht.

AUSSICHTEN: Ginge es nach dem, was alle Welt sagt, ist der Posten eigentlich anderwärts vergeben. Denn der wichtigste direkte Zuarbeiter einer Kanzlerin Angela Merkel will ihr heutiger Generalsekretär Volker Kauder werden. Eigentlich. Es könnte allerdings passieren, dass Kauder sich anderswo als unentbehrlich erweist: als Fraktionschef, wenn sehr knappe Mehrheiten zusammengehalten werden müssten. Dann wäre Röttgen als erster Mann im Kanzleramt vorstellbar. Denn er gilt zwar einerseits als ein wenig zu jung und im Geschäft unerfahren für die Schaltstelle im Kanzleramt. Aber andererseits ist der freundliche Rheinländer ein heller Kopf und, wie auch die gelegentlich durchbrechende Lust an Ironie verrät, durchaus ein Genießer taktischer Winkelzüge um Ecken herum. Auch ein gewisser Mangel an Parteisoldatentum, also Scheuklappendenken, ist in dem Job nützlich – siehe oben bei „Frühwarnsystem“.

WAHRSCHEINLICHKEIT: Ungefähr fifty- fifty, vielleicht. Für genauere Prognosen stecken in der Gleichung zu viele „wenn“ und „falls“. Nur eins ist sicher: Röttgen bleibt, wo auch immer, einer von Angela Merkels wichtigen Helfern.

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