Zeitung Heute : Nordische Abräumer

Bei den Sommerparalympics hat sie schon Gold gewonnen - jetzt legt Andrea Eskau bei den Winterspielen nach. Routinier Josef Giesen krönt seine Laufbahn mit Bronze im letzten Rennen seiner Karriere. Und Tino Uhlig freut sich einfach nur, dabei zu sein

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dpa

Andrea Eskau kann es kaum fassen. Nach Bronze über zehn Kilometer im Biathlon lässt sie nur einen Tag später im Fünf-Kilometer-Langlauf sensationell Silber folgen. „Ich könnte heulen vor Freude“, hatte die seit einem Fahrradunfall 1998 querschnittsgelähmte Sportlerin schon nach ihrer ersten Medaille gejubelt. Diesmal drückt sie sich kürzer, aber nicht weniger euphorisch aus und nennt ihre Leistung einfach nur „supergeil“.

Ihr Betreuerteam ist mindestens genauso überrascht, galt Eskau doch nie als Medaillenaspirantin im deutschen Team. „In so kurzer Zeit so erfolgreich zu werden, das ist unglaublich“, freut sich Bundestrainer Werner Nauber. Erst im September 2009 hat Andrea Eskau mit dem Wintersport begonnen. Drei Tage nach dem Sieg bei der Weltmeisterschaft im Handbiken, ihrer eigentlicher Paradedisziplin, in der sie bei den Sommerparalympics in Peking bereits Gold gewann, absolvierte die Diplompsychologin ihren ersten Ski-Lehrgang. Der Bundestrainer erklärt, sein Schützling sei von Anfang an in Bestform gewesen und bei der Vorbereitung auf die Winterspiele habe man sich genau am Trainingsplan für die Handbike-WM orientiert. „Wir mussten bei einer solchen Ausnahmeathletin natürlich nicht ganz bei Null anfangen“, sagt Nauber und fügt hinzu: „Vor allem ihre herausragende körperliche Verfassung und ihre Intelligenz, mit der sie trainiert, zeichnen Andrea Eskau aus.“

Maßgeblichen Anteil an den tollen Ergebnissen in den Loipen von Whistler hatten auch ihre gut präparierten Ski. „Meine Ski waren viel schneller als die der anderen. So konnte ich einfach ganz ruhig mein Ding machen“, kommentierte Eskau selbst ihre Leistungen. Im nassen Schnee, der besonders langsam und träge ist, fuhr sie den Konkurrentinnen regelrecht davon.: „Ich musste mich bei der Abfahrt bloß hinsetzten und lenken.“

Für ihre Karriere im Wintersport erhofft sich Andrea Eskau nun noch mehr Rückenwind. „Ich weiß gar nicht, ob das jetzt schon mein Toplevel ist. Ich denke, dass da sogar noch bisschen mehr gehen kann.“ Beim ihrem nächsten großen Triumph wäre dann aber wohl niemand mehr überrascht. Tassilo Hummel, 18 Jahre

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Im letzten Paralympics-Rennen seiner Laufbahn will Josef Giesen „einfach nur irgendeine Medaille erkämpfen“. Unddas gelingt dem 48-Jährigen dann tatsächlich auch. Auf der 12,5-Kilometer-Strecke läuft die Biathlet vom VfL Herzlake als Dritter über die Ziellinie. Giesen spielt seine ganze Routine aus und leistet sich nur einen Schießfehler. „Ich wollte zeigen, was ich in den Jahren gelernt habe. Der letzte Schuss sollte zwar besonders genau gezielt sein, dass er nicht traf, ändert aber nichts“, sagte er nach dem Rennen zufrieden.

Das Kapitel Paralympics ist damit für Josef Giesen definitiv beendet – zumindest als Sportler. Bei den kommenden Spielen im russischen Sotschi wäre er über 50 und könnte sich allenfalls vorstellen, als Zuschauer mitzufiebern.

Doch das ist Zukunftsmusik. Im Moment genießt Giesen noch die Atmosphäre im aktuellen Gastgeberland. Er hat Kanada in sein Herz geschlossen, dabei viele nette Leute kennengelernt, die meinten „komm doch mal wieder“. Irgendwann möchte er noch einmal zurückkehren, um Freundschaften zu pflegen und sein Englisch zu verbessern. „Jetzt habe ich endlich Zeit Dinge nachzuholen, die sonst zu kurz kamen“, sagt der mit Fehlbildungen an den Armen auf die Welt gekommene Medaillengewinner. Wandern, Gartenarbeit, die Schwiegereltern im entfernten Leipzig besuchen – Vorhaben, die nun auf seiner „To-Do-Liste“ stehen. Mit Josef Giesen hat ein sympathischer Sportsmann die paralympische Bühne für immer verlassen.Anne Balzer, 18 Jahre

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Die Sonne strahlt vom Himmel, der Schnee blendet und Tino Uhlig kämpft in seiner Paradedisziplin, dem 10-Kilometer-Langlauf, um eine vordere Platzierung. Der Industriemeister aus Baiersbronn ist begeisterter Behindertensportler, obwohl er erst seit einem halben Jahr aktiv ist. Die Paralympics sind eine Premiere für ihn, eine ganz neue Erfahrung. Trotzdem will der aufgrund einer Nervenschädigung der rechten Hand gelähmte Sportler in seinem Rennen nicht nur hinterherlaufen. „Mein Ziel war es, unter die ersten Zehn zu kommen, und das habe ich erreicht“, sagt der 34-jährige nach dem Wettkampf zufrieden.

Der Schwarzwälder ist neben dem Sport berufstätig, arbeitet als Metallbaumeister. Daher kann er nur am Wochenende auf Lehrgängen und Trainingslagern oder nach Feierabend trainieren. Nicht viel Zeit, um sich auf die Paralympics vorzubereiten. Doch Uhlig schlägt sich gut. Er lässt sich während des Rennens nie weit zurückfallen, so dass ihn letztlich nur 79 Sekunden von einer Medaille trennen. Sein fünfter Platz zeigt ihm, wo er steht – und wo er sich noch verbessern kann. „Demnächst kann ich viel zielgerichteter trainieren“, freut sich der Vater zweier Kinder. Bis zu den kommenden Spielen hat er dazu vier Jahre Zeit. Und vielleicht jubelt Tino Uhlig in Sotschi ja dann über eine Medaille.

Anne Balzer, 18 Jahre

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