Zeitung Heute : „Nordkorea ist durchaus für Druck empfänglich“

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Nordkorea soll kurz vor dem Start einer Langstreckenrakete stehen. Welche Gefahr würde von einem solchen Raketentest ausgehen, Herr Hilpert?

Die Langstreckenraketen Nordkoreas haben eine Reichweite von 3500 bis 4300 Kilometer und könnten damit auch Hawaii oder Alaska erreichen. Damit wären die USA direkt von nordkoreanischen Raketen bedroht. Das wäre in der amerikanischen Risikowahrnehmung eine ganz neue Dimension. Nicht nur die in Südkorea und Japan stationierten amerikanische Soldaten wären bedroht, sondern auch die Bevölkerung in den USA selbst.

Die US-Regierung zeigt sich sehr besorgt. Präsident Bush telefonierte wegen des erwarteten Tests bereits mit mehr als einem Dutzend Staatschefs. Welche weiteren Schritte sind seitens der USA zu erwarten?

Die US-Regierung hat relativ wenig Möglichkeiten, direkt auf das Regime in Nordkorea einzuwirken. Falls es zu einem Raketenabschuss kommt, werden die USA versuchen, eine neue Drohkulisse gegenüber Nordkorea aufzubauen. Sie werden ihre Sanktionsbemühungen verschärfen und einen internationalen Schulterschluss versuchen. Aber letztendlich sind die Nordkoreaner dadurch nicht in die Knie zu zwingen.

Welches Interesse hat das nordkoreanische Regime überhaupt an einem solchen Raketentest?

Zum einen sind es innenpolitische Gründe. Es geht um den Nachweis der eigenen militärischen und technologischen Fähigkeiten – das würde Kim Jong Il und auch das Militär in Nordkorea stärken. Zweitens ist die Trägertechnologie vor allem bei Kurzstreckenwaffen wohl das bedeutendste Exportprodukt Nordkoreas. Sie könnten damit gewissermaßen ihre weltweite Vermarktung stärken. Und drittens dürfte der Hauptgrund sein, den USA die Botschaft zu übermitteln, dass ihre Politik des „böswilligen Vernachlässigens“ Nordkoreas zu nichts führt. Die Aussage ist: Auch Nordkorea verfügt über Druckmittel und Drohpotenzial und es liegt an den USA, Nordkorea entgegenzukommen.

Die internationale Gemeinschaft hat sich in letzter Zeit sehr stark mit dem iranischen Atomprogramm beschäftigt. Nordkorea geriet aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. War das ein Fehler?

Es war auf jeden Fall Nordkorea nicht recht. Die Sechser-Gespräche stecken in einer Sackgasse und Nordkorea ist durch die amerikanischen Finanzsanktionen doch etwas unter Druck geraten. Deshalb versucht man, aus der Ecke herauszukommen und beschreitet nun den Weg der Eskalation, um die USA zu Zugeständnissen zu zwingen.

Nordkorea behauptet ja selbst, Atomwaffen zu besitzen. Für wie realistisch halten Sie das?

Nordkorea dürfte über atomwaffenfähiges Material verfügen. Die Wiederaufbereitung in der Anlage in Yongbyon lief bereits schon einmal Anfang der 90er Jahre. Fraglich ist allerdings, ob das Land auch über Sprengköpfe verfügt.

Welche Druckmittel hat die internationale Gemeinschaft gegen Nordkorea in der Hand?

Nordkorea ist durchaus für Druck empfänglich. Das Land ist von internationaler Nahrungsmittelhilfe abhängig, es bedarf der Kooperation, vor allem mit Nachbarstaaten wie Südkorea und China. Aus Sicht der USA ist es allerdings ein Problem, dass gerade diese Staaten von ihrer Politik der humanitären und wirtschaftlichen Kooperation nicht ablassen wollen.

Allerdings kann China doch selbst kein Interesse an nordkoreanischen Raketentests haben.

Das stimmt, allerdings wird Nordkorea an der nuklearen Rüstung festhalten, weil sie eine Letztversicherung gegen den eigenen Untergang darstellt.

Hanns Günther Hilpert ist Asienexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

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