Zeitung Heute : Nostalgie-Fahrten zu Seelower Höhen und Adonisröschen

Der Tagesspiegel

Von Christoph Villinger

Bad Freienwalde. „Damals kamen jedes Wochenende mit dem Zug zwischen sechs- und achttausend Berliner Ausflügler“. Wolfgang Schulze, Leiter der Touristeninformation in Bad Freienwalde, gerät ins Schwärmen. Vom Berliner Bahnhof Gesundbrunnen führte seit 1866 bis 1945 eine zweigleisige Strecke über Eberswalde in das nördliche Oderbruch. Zwölf parallele Gleise im Bahnhof von Bad Freienwalde zeugen noch davon. „In der Euphorie jener Zeit wurde im Nachbarort Falkenberg (Mark) ein richtiger Palast als Bahnhof mit drei Wartesäalen hingesetzt, erste, zweite und dritte Klasse.“ Auf einem Bild von der Eröffnung 1907 sind neun Eisenbahner in Galauniform zu sehen. Der Reichskanzler von 1909 bis 1917, Theobald von Bethmann Hollweg, wohnte im nahen Hohenfinow auf seinem Landsitz.

Jetzt verfällt das zugemauerte Gebäude, das Transparent einer Immobilienfirma flattert im Wind. Alle zwei Stunden hält an den Wochenenden hier ein Zug der Regionalbahn 60, der Wartestand ist eine bessere Bushaltestelle. Nicht mal ein Fahrkartenautomat ist zu finden. Noch im März 2000 stand die 86 Kilometer lange Strecke von Eberswalde nach Frankfurt/Oder auf einer „Kann-weg-Liste“ der Bahn. Doch jetzt ist hier der Zugverkehr vom Land Brandenburg ausgeschrieben, damit mehr Fahrgäste die Bahn benutzen. Fünf Privatbahnen, aber auch die Bahn AG, bewerben sich.

„Wer hat heutzutage keine Angst um seinen Arbeitsplatz“, platzt es auf Nachfrage aus einer Zug-Schaffnerin heraus. Mehr kann und will sie nicht sagen. Eine andere Schaffnerin lächelt nur vielsagend. Für den Sprecher der Eisenbahnergewerkschaft Transnet, Michael Klein, fragen sich die Beschäftigten der Bahn AG zu Recht, ob ihr Unternehmen genug unternimmt, um die Arbeitsplätze zu erhalten. „Grundsätzlich begrüßt Transnet den Wettbewerb auf der Schiene“, so Klein. Falls einer der Konkurrenten der Bahn AG den Zuschlag erhält, wollen sie darauf achten, dass ähnliche Tarifbedingungen gelten wie bei der Bahn AG.

An die zwei Jahre alte Streichliste mag sich Burkhard Ahlert, Regionalsprecher der Bahn AG, nicht so gerne erinnern. Seit Jahresbeginn hat die Bahn AG sogar eine extra Arbeitsgruppe mit 20 Mitarbeitern für das insgesamt 460 km große Ostnetz in Brandenburg gebildet. Sie sollen größere Investitionen in die alten Gleisanlagen vorbereiten. Dies wird aber auf jeden Fall einen „sozialverträglichen Arbeitsplatzabbau“ bedeuten, denn die alten Stellwerkanlagen sind recht wartungs- und personalintensiv.

Ein Bahnhofsvorsteher zeigt die alten Weichen- und Schrankenanlagen, oft werden sie noch per Handbetrieb bedient. Große Handkurbel und Telephonanlagen mit Steckverbindungen. „Alles uralte Technik von anno dazu mal, aber wir haben auch neue Technik hier“, und zeigt stolz auf seinen Palm-Top. Der gehöre ihm allerdings privat. Von der Ausschreibung der Strecke hat er noch nichts gehört, „aber dieses Gerümpel hier will doch eh keiner“, meint er, und zeigt auf die vor sich hinrostenden Schienenanlagen.

Doch inzwischen schätzen alle Bewerber die Chancen der Strecke anders ein. Zehn Kilometer hinter Eberswalde führt sie am Schiffshebewerk von Niederfinow vorbei, der zweitwichtigsten Touristenattraktion in Brandenburg. Über das älteste Kurbad der Mark Brandenburg in Bad Freienwalde führt die Strecke durch die Seelower Höhen. In Seelow erinnert die Gedenkstätte an die Schlacht im Frühjahr 1945. Und noch weiter südlich kann man an den Oderhängen jedes Frühjahr eine botanische Seltenheit bewundern. Bei Mallnow blühen die zur südeuropäischen Steppenvegetation gehörenden Adonisröschen und bilden einen gelben Blütenteppich. Außerplanmäßig halten deshalb die Züge der Bahn AG bis einschließlich 12. Mai auch im Bahnhof Schönfließ.

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