Nostalgie : Vom Verschwinden des Adressbuchs

Im Zeitalter von Facebook und Outlook stirbt das Adressbuch. Und mit ihm die Erinnerung an Dramen zwischen den Zeilen. Ein Nachruf mit berühmten Beispielen.

Einst beliebt, nun verschmäht: Wählscheibentelefon und Adressbüchlein.
Einst beliebt, nun verschmäht: Wählscheibentelefon und Adressbüchlein.Foto: Thilo Rückeis

Neulich verfluchte ich wieder mein Leben. Ich versuchte, mein elektronisches Adressbuch von einem alten PC auf einen Laptop zu exportieren. (Für Experten: Das Adressbuch befand sich im E-Mail-Programm Outlook Express, das es nicht mehr gibt, und sollte übertragen werden nach Outlook 2003.) Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten. 1. Man googelt so lange, bis man die einzige Person auf der Welt findet, die dasselbe Problem hatte und die Lösung ins Netz stellte. 2. Man tippt alle 400 Adressen und Telefonnummern mit der Hand ab.

Während ich entnervt durch Computerforen surfte und sinnlos Programme herunterlud, fiel mein Blick auf das schwarze Büchlein im Regal. Zusammengehalten von einem ausgeleierten Gummiband und auch sonst sehr mitgenommen. Der Buchrücken war mit schwarzem Klebeband verstärkt, jede Seite mit Tesafilm geklebt. Mein altes Adressbuch. Ich schlug eine Seite auf. Namen, Straßen, Telefonnummern, in weiser Voraussicht mit Bleistift notiert, die meisten bei M, die wenigsten bei I. Keine Einträge unter Q und X.

Unter E der Freund, den ich vor zehn Jahren aus den Augen verloren hatte. Unter N die Freundin, der ich nach acht Einträgen drohte, ich würde sie aus dem Adressbuch streichen, wenn sie noch mal umzieht. Das kommt mir inzwischen so seltsam vor, wie einen Stift zu zücken, wenn man Telefonnummern austauscht. Ich blätterte weiter. Internationale Vorwahlen, durchgestrichene Arbeitgeber, eingeklammerte Bekannte. Mein Adressbuch, eine Chronik von Umzügen, Karrieren, Trennungen. Und wer war noch mal „Arno der Maler“?

Wäre ich Künstlerin, würde ich die Nummer jetzt einfach anrufen. So wie es die französische Künstlerin Sophie Calle 1983 gemacht hat. Calle fand auf der Straße zufällig ein Adressbuch, rief die Leute an, die darin standen, und verwickelte sie in ein Schwätzchen. So rekonstruierte sie Stück für Stück die Identität des Besitzers. Der war Dokumentarfilmer und drohte Calle prompt, sie wegen Eingriffs in die Privatsphäre zu verklagen. Das Leben ist nun mal keine Konzeptkunst. Ich selbst habe eines Tages aufgehört, mein Adressbuch zu führen – siehe Outlook Express. Es gibt keine Verbindung ins Heute, keine Nummern von neuen Nachbarn, Kindergärten, der Rheumatologin. Es ist, als sei das Leben irgendwann abgerissen.

Man muss es ja nicht so machen wie Marlene Dietrich, die in ihr winziges rotes Adressbüchlein immer mal wieder „mort“ eintrug, tot. Aber ich hätte gerne notiert, wo der Freund unter A einmal landen würde. Seine Frau musste ich von der gemeinsamen Anschrift ausradieren, als sie mit einem Amerikaner durchbrannte.

Wie viele Adressbücher werden eigentlich noch verkauft? Anfrage in Mailand. Dort sitzt die Firma Moleskine, Hersteller der schwarzen Notizbücher, die angeblich schon Hemingway, Chatwin und Picasso benutzten. Moleskine nimmt Fragen nur schriftlich entgegen, immerhin muss man sie nicht per Hand schreiben. Zahlen verrät die Firma nicht. Nur dass die Adressbücher vier Prozent des Umsatzes ausmachen. Am besten verkaufe sich das kleine schwarze Notizbuch.

Wien, Ringstraße. Im Rathaus führen verschlungene Gänge in die Wien-Bibliothek. Hohe Räume, steinerne Spitzbögen, knarrende Bögen, genauso muss es vor 100 Jahren ausgesehen haben. Das Schöne: In einer Stadt, in der die Zeit still zu stehen scheint, wird auch nichts weggeschmissen. Die Wien-Bibliothek ist vollgestopft mit alten Telefonbüchern, Handelsregistern, Stadtplänen. Auch private Adressbücher gibt es, von Leuten wie Max Reinhardt, dem Komponisten Franz Léhar oder dem Schriftsteller Franz Theodor Csokor. In Csokors zerfleddertem Büchlein spielen sich subtile Dramen ab. Unter B wie „Bachmann Ingeborg“ sind die verschiedenen Adressen der rastlosen Schriftstellerin vermerkt, die sich nirgendwo zu Hause fühlte, weder in Wien noch in Berlin, München, Zürich, Rom. Einmal ist mit Bleistift zögerlich „Max Frisch“ ergänzt.

Und erst die Beziehungsgeflechte, die sich in den Adressbüchern ausbreiten. Jeder ist mit jedem verbandelt, kein Wunder, dass die Berliner Historikerin Christine Fischer-Defoy vom „Facebook des 20. Jahrhunderts“ spricht. Fischer-Defoy hat einige private Adressbücher durchforscht. Die 537 Kontakte von Hannah Arendt, das sauber geführte Adressbuch von Heinrich Mann, das grüne Buch von Walter Benjamin, das kleiner ist als eine Visitenkarte. Die wechselnden Adressen seiner Bekannten, die wie er ins Exil gehen mussten, kritzelte er auf Postkarten. Und wie reichhaltig die Bücher von Marlene Dietrich und Frida Kahlo. Liebschaften, Lippenstift-Küsse und Kunstwerke hat Fischer-Defoy darin gefunden.

Fischer-Defoy erreicht man unter ihrer E-Mail-Adresse, sie ist gerade bei ihrer Schwester in St. Pete Beach in Florida. Zu den Adressbüchern sei sie zufällig gekommen, aber dann haben sie diese nicht mehr losgelassen. Allein Marlene Dietrich, „das sinnlichste Rechercheerlebnis“, wie Christine Fischer-Defoy sagt. Monatelang saß sie im Berliner Filmmuseum über Dietrichs Nachlass, blätterte durch alte Briefe, die noch nach Parfüm rochen und aus denen auch mal eine Haarlocke fiel. Das Adressbuch offenbarte ihr eine andere Dietrich. Eine, die sorgsam ihre Friseure, Beleuchter und Schneider eintrug, zu denen sie eine liebevolle Freundschaft pflegte.

Nicht weniger aufregend war die Arbeit an Frida Kahlos Ringbüchern. Fischer-Defoy musste in Mexico City die drei Adressbücher zuerst mal finden, sie entdeckte sie in einem Tresor der Banco de México. Lesen durfte sie diese in Frida Kahlos Haus, am gelben Küchentisch. Das Adressbuch: Schwarze und rote Sterne, Aztekentempel, ein Yin-Yang-Zeichen, Namen mit Lippenstift geschrieben. Dazu die Namen von 23 Ärzten, von Pflegerinnen, Apotheken, Korsettherstellern und Orthopäden, die allesamt Kahlos zahlreiche Krankheiten behandelten, die sie von einem schweren Busunfall davongetragen hatte. Und unter K hat sie ihre eigene Nummer vermerkt.

Wie hält es die Adressbuch-Forscherin selbst? Moleskine, sagt Fischer-Defoy. Der Taschenkalender mit dem kleinen Adressbüchlein hintendrin. Aber natürlich verwende sie auch einen Laptop und ein Handy. Einträge mit Bleistift oder Kugelschreiber? „Was gerade zur Hand ist.“ Alte Adressen durchstreichen oder ausradieren? „Durchstreichen, da bin ich eher so wie Frida Kahlo und nicht so ordentlich wie Heinrich Mann, der immer radiert hat. Auch die durchgestrichenen Adressen erzählen ja eine Geschichte: Ist dieser Mensch gestorben oder umgezogen? Oder ist eine Freundschaft zu Bruch gegangen?“

Kommuniziert man anders, wenn man ein Adressbuch führt? „Vielleicht kommt man mit einem Adressbuch eher auf die Idee, von einer Reise so etwas Altmodisches wie eine Postkarte zu schreiben.“

Und welches Adressbuch würde sie gerne mal in Händen halten? „Das von Ulrike Meinhof.“ Wenn sie auch bezweifelt, dass es das überhaupt gibt.

Ich selbst habe es nach fünf Stunden übrigens geschafft, mein elektronisches Adressbuch von einem Computer auf den anderen zu übertragen und am Ende auch noch auf mein Handy. Schade eigentlich, mein altes Adressbuch hätte es verdient, reaktiviert zu werden. Vielleicht mache ich es ja so wie jene ältere Dame, deren Mobiltelefon ich neulich im Netz sah. Auf der Rückseite des Handys klebte ein Zettel. Darauf waren alle Adressen und Telefonnummern der älteren Dame notiert.

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