Zeitung Heute : Nostalgisches Nass

Im alten Stadtbad Charlottenburg zogen die Berliner schon vor über hundert Jahren ihre Bahnen

-

Von Silke Zorn Nur wenige Fahrradminuten sind es von der quirligen Fußgängerzone in der Wilmersdorfer Straße bis zum Stadtbad Charlottenburg. Das Schwimmbad in der Krumme Straße 10 ist ein echtes Kleinod in der Berliner Bäderlandschaft. Schon vor über hundert Jahren drehten die Hauptstädter hier ihre Runden. Ende der 1980er-Jahre wurde das Jugendstilbad aufwändig saniert und steht heute unter Denkmalschutz.

Schon von außen versprüht das nach Plänen von Paul Bratring errichtete Backsteingebäude den Charme der Jahrhundertwende. Die Schwimmhalle beeindruckt mit ihrem hohen Glasdach, den geschwungenen Messinglaternen und der Galerie rund um das 24 Meter lange Becken. Ursprünglich vorhandene Giebelfenster wurden Mitte der 1970er-Jahre zugemauert und mit kunstvollen Wandmalereien versehen, die eine Seenlandschaft mit nackten Badenden darstellen.

Nacktbaden, das war im „Krumme-Bad“ früher allerdings streng verboten. Frauen und Männer mussten sich sogar an unterschiedlichen Tagen in die Fluten stürzen. Erst seit 1976 dürfen zwei Mal die Woche sämtliche Textilien abgestreift werden. In den Anfangsjahren wurde das Schwimmvergnügen auch noch durch einen anderen Umstand getrübt – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn bis 1907 mussten die Besucher in braungefärbtem Brunnenwasser ihre Bahnen ziehen, da eine Filteranlage oder die Versorgung mit Leitungswasser zu teuer gewesen wären. Vier bis sechs Mal pro Woche musste das Wasser damals ausgetauscht und das Becken umständlich mit heißem Wasser und Kaliseife geschrubbt werden.

Eine echte Rarität ist allerdings bis heute erhalten geblieben: die so genannte Reinigungsabteilung, die letzte ihrer Art in der Hauptstadt. 33 öffentliche Badewannen standen den Berlinern im Stadtbad Charlottenburg einst zur Verfügung. Denn als es gebaut wurde hatten die meisten Wohnungen weder Wanne noch Dusche. Heute gibt es in der Krumme Straße nur noch drei Wannen. Sie werden vor allem von älteren Menschen benutzt, die keine eigene Bademöglichkeit oder Angst vor Kreislaufproblemen haben. Hier können sie sich darauf verlassen, dass immer jemand zur Stelle ist.

Eine Schließung des alten Stadtbads konnte vor einigen Jahren gerade noch abgewendet werden. Und so kann man auch jetzt noch in den warmen Fluten dahintreiben – zum Beispiel nach einem anstrengenden Einkaufsbummel durch die „Wilmersdorfer“.

Stadtbad Charlottenburg (Alte Halle), Krumme Straße 10, 10585 Berlin, Tel. 030/34 38 38 60. Öffnungszeiten im Schwimmbad oder im Internet abfragen (unter www.berlinerbaederbetriebe.de).

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar