Notenbank : Leitzins rauf und runter

Die US-Notenbank Fed hat den Leitzins schon wieder kräftig gesenkt. Kann sich Amerika diese Politik leisten?

Die Zinssenkungen der US-Zentralbank Fed sind so etwas wie eine Notbremse. Sie sollen die amerikanische Wirtschaft vor einer Rezession bewahren. Je niedriger die Zinsen, desto billiger werden Kredite für Unternehmen und Verbraucher. Das soll Investitionen und den Konsum ankurbeln und wird deshalb von Politikern und Anlegern als gutes Zeichen gewertet.

Doch es gibt auch Kritiker, die das billige Geld für die falsche Lösung halten. Einer von ihnen ist der Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar. Er bezeichnet die Zinssenkung der Fed als Fehler. „Kurzfristig mag sie helfen, vor allem die Börsenkurse zu stabilisieren“, sagte Straubhaar im Deutschlandfunk. „Mittel- und längerfristig ist das keine gute Lösung.“ Denn so werde die „Wirtschaft mit zu billigem Geld versorgt“ und die Fehler der Vergangenheit wiederholt.

Viele Ökonomen teilen Straubhaars Sorge. Die Politik von Ben Bernanke, dem mächtigen Chef der Fed, weckt bei ihnen schlechte Erinnerungen an die seines Vorgängers Alan Greenspan. Der hatte in der letzten großen Krise der US-Wirtschaft, zwischen 2001 und 2003, die Zinsen dramatisch gesenkt und damit nach Meinung vieler Experten den Grundstein für die heutige Immobilienkrise gelegt.

Zwischen dem 3. Januar 2001 und dem 25. Juni 2003 hatte Greenspan den wichtigsten Leitzinssatz von 6,5 Prozent auf das historisch niedrige Niveau von 1,0 Prozent gesenkt. Dadurch konnte die US-Wirtschaft ihre Krise relativ schnell wieder in den Griff bekommen. Unternehmen und Verbraucher schoben Investitionen und Konsum mit geliehenem Geld wieder an.

Doch der Kreditboom hatte unerwünschte Nebeneffekte. Die Verbraucher verschuldeten sich zu stark. Weil das Geld so billig war, kauften sie Autos, Fernseher und Häuser auf Pump, ohne daran zu denken, dass die Zinsen bald wieder steigen und die Kredite verteuern könnten. In den USA gelten bei Verbraucher- und Immobilienkrediten meist flexible Zinssätze. Steigt der Leitzins, steigen also auch die Schulden der Verbraucher. Und genau das passierte: Zwischen Juni 2004 und Juni 2006 hob die Fed den Leitzins wieder auf 5,25 Prozent an.

Selbst in dieser Zeit der steigenden Zinsen kauften viele Amerikaner trotzdem weiter Häuser auf Pump. Zu verlockend schien die Wertentwicklung auf dem US-Immobilienmarkt. Von 2000 bis 2006 stiegen die Preise für Einfamilienhäuser in den USA um durchschnittlich 58 Prozent. Dagegen wirkte ein Zinsniveau von drei Prozent, wie es noch Mitte 2005 herrschte, lächerlich niedrig.

Mittlerweile steigen die Häuserpreise nicht mehr, dafür platzen reihenweise Kredite, die in der Zeit des billigen Geldes leichtfertig gewährt wurden. Weil die Kredite von den Banken als Wertpapiere verpackt und rund um die Welt weiterverkauft wurden, haben sie das gesamte Finanzsystem ins Wanken gebracht.

Nach diesem Desaster wäre für die Amerikaner nun eigentlich Sparen angesagt, meinen Experten. „Der enorme Schuldenberg muss abgebaut werden“, sagt Henrik Enderlein, Professor für Politische Ökonomie an der Hertie School of Governance in Berlin. „Für jeden Dollar, den die amerikanischen Haushalte verdienen, sind sie mit 1,33 Dollar verschuldet“, rechnet er vor. Mehr als 70 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts wenden die amerikanischen Privathaushalte inzwischen für den Konsum auf. Dieser Konsumrausch hat auch die Schieflage der US-Leistungsbilanz verstärkt. Die Amerikaner müssen viel mehr importieren als sie exportieren und besorgen sich das nötige Geld dafür im Ausland, zum Beispiel in China. Auf Dauer kann so etwas nicht gutgehen, warnen Kritiker.

„Alles was an übermäßigen Konsumausgaben getätigt wurde, muss nun zurückgeschraubt werden“, fordert USA-Kenner Enderlein. Doch genau das dürfte schwierig werden, wenn die US-Notenbank die Zinsen weiter so stark senkt, wie in den vergangenen Tagen. Schon jetzt ist der Leitzins wieder bei drei Prozent angelangt. Und die Aussagen von Fed-Chef Bernanke deuten darauf hin, dass der Schritt vom Mittwoch nicht der letzte nach unten gewesen ist.

Auch in den USA werden deshalb die Stimmen lauter, die Bernanke zur Vorsicht mahnen. „Nimm den Fuß vom Gas, Ben Bernanke“, forderte der frühere Fed-Manager und heutige Chefökonom der Bank Bear Stearns, Wayne Angell, im US-Fernsehen. „Alles prima gemacht, aber jetzt nicht mitreißen lassen.“ Auch das „Wall Street Journal“ warnte Bernanke, „es jetzt nicht zu übertreiben“.

Bernankes Entscheidung wird durch mehrere Faktoren erschwert. Der eine ist die Unsicherheit: Niemand kann heute genau sagen, wie schlimm es um die US-Wirtschaft tatsächlich steht. Ist sie vielleicht schon in der Rezession angelangt oder wird sich das Wachstum nur verlangsamen? Der zweite Faktor ist die Zeitverzögerung: Zinssenkungen wirken frühestens nach einem halben Jahr, weil die Banken einige Zeit brauchen, bis sie günstigere Zinssätze an Verbraucher und Unternehmen weitergegeben haben. Dann kann die Rezession aber schon wieder vorbei sein.

Bernanke bewegt sich auf einem schmalen Grat. Senkt er die Zinsen zu stark, droht eine weitere Verschuldung der Haushalte. Senkt er sie nicht stark genug und lässt die US-Wirtschaft in eine Rezession abgleiten, wird man ihm das später vorwerfen.

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