Notlandung in New York : Das Wunder vom Hudson

Er wusste genau, was passiert, wenn es schiefgeht. Und es blieben ihm nur Sekunden, um die richtige Entscheidung zu treffen. Chesley Sullenberger hat es dennoch gewagt: die Notwasserung. Und hat damit 150 Passagieren das Leben gerettet

Matthias B. Krause[New York]
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Wenn die Stadt New York nicht aus Millionen einzelnen Menschen mit ihren Millionen einzelnen Leben bestehen würde, wenn also eine Stadt wie diese mit einer einzigen Stimme sprechen könnte, dann würde sie nun sagen: Das war endlich einmal eine gute Nachricht. Nach all dem, was geschehen ist in den vergangenen Jahren, nach 9/11 und dem erbarmungswürdigen Streit um neue Hochhäuser und eine Gedenkstätte auf Ground Zero, nach der Vertreibung der Mittelschicht aus Manhattan, nach Lehman-Brothers-Pleite und Madoff-Skandal. Ein Flugzeug ist kaputt, etliche Wildgänse sind tot, aber Menschen nicht.

Am Donnerstagnachmittag, um 15 Uhr 03 Ortszeit, verlässt der Airbus A 320 der Fluggesellschaft US Airways sein Gate auf dem New Yorker Flughafen LaGuardia, mit etwa 20 Minuten Verspätung. Er erreicht die Startbahn, um 15 Uhr 26 hebt er ab. Sein Ziel ist Charlotte im Bundesstaat North Carolina, 150 Passagiere hat er an Bord und fünf Besatzungsmitglieder. Es sind acht Grad minus, der Wind ist eisig.

Die Maschine überfliegt die Bronx in 500 Metern Höhe, sie steigt rasch, über der Nordspitze Manhattans hat sie 1000 Meter erreicht. Vor ihr der Hudson River und das amerikanische Festland, New Jersey. In diesem Moment meldet einer der beiden Piloten einem Fluglotsen am Boden einen „doppelten Vogelschlag“. Man müsse sofort umkehren, zurück nach LaGuardia.

Selbst federleichte Vögel können tonnenschwere Flugzeuge massiv beschädigen und sogar zum Absturz bringen. Grund dafür ist die enorme Geschwindigkeit, mit der die Flieger aufeinandertreffen. Axel Raab von der Deutschen Flugsicherung sagt: „Kritisch wird es, wenn Vögel in die Triebwerke geraten.“ Dann können einzelne Schaufeln verbogen werden oder gar abbrechen, das Triebwerk blockiert oder muss abgeschaltet werden.

Meist treten die Kollisionen in der Nähe von Flughäfen auf, denn nur dort kommen die Flieger in die niedrigen Luftschichten herab, in denen Vögel unterwegs sind. Deshalb vertreiben auf deutschen Flugplätzen sogenannte Vogelschutzbeauftragte Vögel mit Schüssen. Manchmal lassen sie sich auch von Tieren helfen. So sind zum Beispiel am Berliner Flughafen Schönefeld Füchse angesiedelt worden.

Doch auch in geringen Höhen wird einiges unternommen, um Zusammenstöße zu vermeiden. So wird beispielsweise der deutsche Luftraum von der Bundeswehr mit einem Bodenradar überwacht, auf dem Vogelschwärme und – je nach Größe – auch einzelne Tiere zu erkennen sind

. Der Fluglotse empfiehlt, Richtung Süden zu fliegen und dann einen Schwenk zurück nach Norden zu machen. Der Pilot Chesley B. Sullenberger III. sieht eine kleine Landebahn vor sich, „Der kleine Flughafen da unten, was ist das für einer?“ – „Teterboro Airport“, ist die Antwort. Sullenberger bittet um die Erlaubnis, dort landen zu dürfen.

Mittlerweile wissen auch die Passagiere Bescheid, eines der Triebwerke brennt, die Maschine verliert schnell an Höhe. Als sie auf 100 Meter gesunken ist, hat Sullenberger seine Entscheidung getroffen. Er meldet dem Lotsen am Boden, dass er die Maschine jetzt in den Hudson setzen werde. Und die Passagiere hinten in der Kabine hören seine Durchsage aus den Lautsprechern: „Brace for impact!“ – „Gefasst machen auf den Aufprall!“ Sullenberger brüllt die Worte, Kasernenhofton, klare Worte und eine Sprache, die allen, die hinterher davon berichten, den Zweifel nehmen, dass das hier nicht ernst sein könnte.

Chesley B. Sullenberger wusste genau, was passiert, wenn die Sache schiefgeht. Und ihm blieben nur Sekunden, vielleicht eine Minute, um eine Entscheidung nach der anderen abzuwägen und schließlich die richtige zu treffen. Teterboro ansteuern? Oder doch lieber im kalten Wasser des Hudson landen, dass sich zwischen den Ufern von Manhattan und New Jersey unter ihm hinzog? Ein Flugzeug im Wasser notzulanden, ist extrem gefährlich. Es gibt kaum Beispiele, in denen das ohne Tote abging. Auf dem Flughafen stehen Rettungsmannschaften bereit, die wissen, was zu tun ist. Doch wenn er es nicht bis dahin schaffte, dann würde sein Airbus in ein dicht besiedeltes Gebiet stürzen. Flughafen? Wasser? Flughafen? Wasser!

Knapp sechs Minuten nach dem Start setzt Sullenbergers Flugzeug in Höhe der 50. Straße Manhattans auf dem Hudson auf. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder kommen – von einigen Knochenbrüchen abgesehen – mit dem Schrecken davon. Und die Stadt feiert einen Helden. „Mr. Sullenberger hat eine Meisterleistung vollbracht“, lobt New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg. Die „Daily News“ tauft Sullenberger „Hero of the Hudson“. Die „New York Post“ kürt den „Superhero“ zum Mann der Stunde. Bloomberg ließ es sich nicht nehmen, ausführlich zu schildern, wie der Pilot nach der Notlandung zweimal durch das langsam sinkende Flugzeug gegangen sei, um sicherzustellen, dass es alle nach draußen geschafft haben. „Er ist als letzter von Bord gegangen.“

Während der Bürgermeister so von ihm spricht, sitzt Sullenberger nicht weit weg von ihm, die Uniform makellos, die Pilotenmütze auf dem Kopf, in der Hand einen Kaffee. Ein Polizist berichtete der „Daily News“: „Er schien unerschütterlich zu sein, die Kleidung saß perfekt. Man konnte sich leicht vorstellen, wie er den Gang hinuntergegangen ist, um sicher zu sein, dass alle raus sind.“ Sullenberger selbst sagt nichts. Er wird nun als Zeuge von der Luftfahrtbehörde vernommen, die die Ursachen des Unfalls untersucht. Die Prozedur kennt der 57-Jährige genau, mehrfach hat er auf der anderen Seite des Tisches gesessen.

Sullenberger startete seine Karriere bei der US Air Force in den 70er Jahren. Nach seinem Ausscheiden aus dem Militär arbeitete er als Pilot von Passagierflugzeugen, unterrichtete junge Kollegen und war Sicherheitsspezialist und Unfall-Ermittler. In dieser Funktion untersuchte er mehrere Abstürze für den National Transportation Safety Board, der für die Sicherheit des Flugverkehrs in den USA zuständig ist. Seit zwei Jahren leitet Sullenberger neben seiner Pilotentätigkeit für US Airways eine kleine Beratungsfirma für Fragen der Flugsicherheit. Zudem lehrt er am Institut für Katastrophenforschung der Universität Berkeley in Kalifornien.

Robert Bea, ein Ingenieur, der zu den Gründern des Katastrophenzentrums in Berkeley gehört, kennt Sullenberger als einen besonnenen, in jeder Lage kühl denken Kollegen: „Wenn ein Flugzeug mit vielen Leuten an Bord abzustürzen droht, dann ist das der ultimative Test als Pilot. Er hat das studiert, er hat dafür trainiert, er hat das verinnerlicht.“ Sullenberger habe absolute Ruhe ausgestrahlt, als er dem Tower gemeldet habe, dass Vögel in die Triebwerke geraten seien, sagte ein Fluglotse der „Daily News“.

„Was er unter den gegebenen Umständen getan hat, ist fantastisch“, sagt sein Kollege Pick Freeman, ein US-Airways-Pilot im Ruhestand. „Es gab so viele Dinge, die hätten schiefgehen können. Wenn zuerst eine der Flügelspitzen das Wasser berührt hätte, hätte das Flugzeug ein Rad geschlagen.“ James Ray von der Gewerkschaft US Airways Pilot Union sagt: „Er hat sehr schnell die richtige Entscheidung getroffen und die Notwasserung hervorragend ausgeführt.“

Bei Notwasserungen kommt es darauf an, die Geschwindigkeit des Flugzeugs durch das Ausfahren der Landeklappen an den Tragflächen drastisch zu reduzieren und die Maschine mit angehobener Nase zu landen. Setzt die Maschine zu schnell oder mit einem zu geringen Anstellwinkel auf, besteht die Gefahr, dass sie beim Aufprall auf das Wasser wieder hoch geschleudert und beim zweiten, unkontrollierten Aufprall zerschmettert wird, auseinanderbricht.

Lorine Sullenberger sagte dem Nachrichtensender CNN, ihr Mann habe sie zu Hause im kalifornischen Danville vor den Toren San Franciscos nach dem Unglück angerufen und in der ihm typischen Art unterrichtet: „Er sagte, es habe einen Unfall gegeben. Ich dachte zunächst, es handle sich um eine kleine Sache.“ Erst als er ihr genauer erklärte, was geschehen war, begann sie am ganzen Körper zu zittern: „Ich habe ihn oft zu Leuten sagen hören: ,Es ist sehr selten für einen Piloten, während seiner Karriere einen Unfall zu haben.’“

Der Held des Tages ist Sullenberger. Schlagzeilen machte aber noch ein anderer Amerikaner. Janis Krums, Unternehmer, früherer Sportler und nun auf der Suche nach der nächsten großen Sache, schoss eines der ersten Fotos von dem glimpflich ausgegangenen Unglück und verbreitete es über den Internet-Telegrammdienst Twitter. Krums war an Bord einer der Fähren, die den Menschen im Wasser zu Hilfe kamen, als er auf den Auslöser seiner Handy-Kamera drückte. Viele Menschen stehen schon auf den Tragflächen, andere bahnen sich gerade über die Notrutschen ihren Weg ins Freie. Weit über 100 000 Mal wurde sein Twitter-Foto mit den Flecken auf der Handy-Linse inzwischen angesehen und von anderen Medien übernommen, die Krums als Bürgerjournalisten feiern.

„Flight 1549“ stand beim Twitter-Dienst – zu deutsch Zwitschern – ganz oben auf der Themenliste. Über 150 Seiten muss man beim Stichwort „Hudson River“ zu den ersten Kurznachrichten zurückblättern. Bereits Minuten nach dem Unglück verbreitete Twitter die Nachricht von dem Unglück, und dass alle Passagiere überlebt hatten.

Für die Internet-Generation ist Twitter ein wichtiger zusätzlicher Nachrichtenlieferant. Für die anderen Medien zudem ein Weg, um Augenzeugen zu finden: „Wer kennt jemanden an Bord von US Airways Flight 1549?“ Krums selbst wurde bereits eine Dreiviertelstunde nach seinem Foto von MSNBC per Telefon zu der Rettung interviewt.

Die meisten Twitter-Nutzer freuen sich über den glimpflichen Ausgang, andere Einträge sind eher verwunderlich. Ein Twitter-Fan ist die Absturzroute der US-Airways-Maschine mit einem PC-Flugsimulator nachgeflogen und hat das Video dazu auf Twitter verlinkt.

Mitarbeit Rainer W. During, Klaus Kurpjuweit, Ralf Nestler und Kurt Sagatz

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