Zeitung Heute : Notsignale aus dem Tempodrom

Wieder einmal Bisky: Die PDS wählt einen neuen Vorsitzenden, und Gregor Gysi denkt bereits über das Ende der Partei nach

Matthias Meisner

Sie im Kostüm, er im Anzug. Grau in grau stehen sie auf der Bühne und lächeln gequält: Gabi Zimmer und Lothar Bisky, die alte und der eben neu gewählte Vorsitzende der PDS. 13 Stunden hat der Marathon dieses Sonderparteitags im Berliner Tempodrom jetzt schon gedauert, und endlich scheint der Moment für eine kleine menschliche Geste gekommen. Lothar Bisky rafft sich auf, der gescheiterten Parteichefin doch noch mal zu sagen, dass sie nicht alles falsch gemacht hat. Von der „sehr mutigen Frau“ Zimmer spricht er , einem „sensiblen Menschen, der der Partei gut tut“. Und dann der fast schon flehende Satz: „Liebe Gabi, bitte lass mich mit den Lasten dieser Welt nicht alleine.“ Und jeder im Saal versteht, dass das eigentlich ein Appell an die ganze Partei war, ein Sehnsuchtsseufzer: dass bei der PDS bitteschön endlich alles wieder seinen sozialistisch-harmonischen Gang gehen möge.

Hans Modrow hat zu diesem Zeitpunkt den Saal bereits verlassen. Nur ein paar Zeitungen liegen auf seinem Tisch in der ersten Reihe, dazu noch der rote Apfel mit dem PDS-Fähnchen, den die Tagungsleitung als Obst „der Erkenntnis“ an die Delegierten verteilen ließ. Nicht noch einmal in eine Situation geraten, die er selbst inzwischen als „blöde Pose“ ansieht, wird sich der PDS-Ehrenvorsitzende gedacht haben: Im vergangenen Oktober, drei Wochen nach der verlorenen Bundestagswahl, auf dem Parteitag in Gera, da gab es keinen, der eben wiedergewählten Vorsitzenden Zimmer zu gratulieren. Gregor Gysi war erst gar nicht nach Gera gekommen – wer übergibt nun die Blumen? Also nahm es Hans Modrow auf sich, war so anständig, „zum Schluss noch mal Balance zu spielen“. Er stand mit Gabi Zimmer auf der Bühne, die Hände vor den Kameras erhoben. Der Vorstand druckte das Foto später auf der Titelseite des offiziellen Parteitagsprotokolls.

Die Wahrheit sah anders aus als das Bild. Schon damals wusste Modrow: Mit Gabi Zimmer an der Spitze kann es für die PDS nicht gut gehen. Bereits vor ihrer Wahl in Gera sah er sie als „weitgehend isoliert“ an. „Sie wollte jedem gerecht werden, und befand sich immer zwischen den Fronten.“ Bald schon schaltete er sich in die Auseinandersetzungen in der Spitze ein, sah sich bestärkt in seiner Meinung, dass es der Vorsitzenden an Führungsqualitäten fehlt. Als später im Frühjahr Gregor Gysi und seine Freunde den Putsch gegen den in Gera gewählten Vorstand organisierten, war Modrow allerdings nicht dabei. Doch ungelegen kam er ihm nicht.

Das bedeutet aber nicht, dass Modrow inzwischen weiß, wie es weitergehen soll mit der PDS. Und da ist er in guter Gesellschaft mit den 357 Delegierten. Wut, Ohnmacht und Resignation nach dem monatelangen Streit der Spitzenfunktionäre sind nicht von einem Tag zum anderen auszutreiben. Von Aufbruchstimmung keine Spur. „Notgedrungen“ wähle man Bisky, sagt die sächsische Landesvorsitzende Cornelia Ernst. „Alles andere war keine Lösung“, sagt auch Hans Modrow. Begeisterung klingt anders.

Schon in seiner Rede, mit der Hans Modrow den Parteitag eröffnet, vermeidet er es, konkrete Empfehlungen für die neue Parteispitze zu geben. Nur ganz allgemein rät der 75-Jährige zu einem „Vorsitzenden, der Vertrauen in der Partei und Achtung in der Öffentlichkeit genießt“. Ansonsten hält er eine Lobrede auf den Pluralismus, der nicht wegreformiert werden dürfe, ohne der Partei ein Überlebenselixier zu rauben. Und gegen den Zeitgeist, der der Linken zurzeit das Leben so schwer mache.

Als Bisky redet, bleibt Modrow reserviert. Er klatscht ab und zu, der Höflichkeit halber. Und schaut ernst, als Bisky seinen Freund Gysi zu loben beginnt. Denn den will Bisky in die Politik zurückholen, will ihm die Chance eröffnen, 2006 die Rückkehr der PDS in den Bundestag zu erkämpfen. Modrow hingegen glaubt, dass die Distanz der Delegierten zu Gysi inzwischen größer ist, als dieser selbst glaube. Als Bisky ausgeredet hat und in der Grundsatzaussprache auch Sahra Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform zu Wort gekommen ist, schlendert Modrow zu den Ständen draußen vor der Halle. Er begrüßt die Genossen vom „Geraer Dialog“, die einen klaren Oppositionskurs der PDS wollen. Und fragt sogar die Sektierer aus dem Hamburger Landesverband, wie seine Worte angekommen seien. Über Biskys Kandidatenrede sagt er, er habe „viel geredet, aber zu wenig gesagt“ und damit auch „Trotz produziert“. Die Delegierten jedenfalls habe Bisky nicht mitgenommen. Modrow irrte sich nicht: Später werden 20 Prozent Bisky die Zustimmung verweigern.

Mit der neuen Harmonie bei der PDS wird es also so schnell nichts werden. Wären es nur Modrow und seine Verbündeten, Bisky könnte wohl damit leben. Doch da gibt es ja noch die anderen, die auch auf eine neue Chance warten, all jene, die die Niederlage bei der Bundestagswahl 2002 aus Ämtern und Funktionen gespült hat. Der alte Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, der frühere Fraktionschef Roland Claus – alle tummelten sie sich im Tempodrom auf der Suche nach politischer Heimat. Und sie wissen sehr genau, dass der neue Vorstand um Bisky nur als eine für ein Jahr gewählte Notbesetzung antritt.

Auch Gregor Gysi ist wieder dabei, der auf den vergangenen beiden Parteitagen gefehlt hatte. Ganz zum Schluss hat die Parteitagsregie seinen Auftritt ins Programm gehievt. Schon bevor er zu den Delegierten spricht, macht sich Gysi bei einem Kaffee im Foyer Gedanken über den Niedergang der PDS. Begeistert sei doch keiner hier, sagt er. „In Wirklichkeit sind das zwei Parteien in einer. Und auf Dauer kriegst du das nicht hin.“ Während Bisky noch hofft, dass Gysis Entzugserscheinungen nach seinem Abgang aus der Politik zu groß werden und er sich wieder einmischt, macht dieser sich bereits Gedanken über das „Vakuum“, das entsteht, wenn es mit der PDS zu Ende geht. Fast eine halbe Stunde redet Gysi dann. Noch einmal setzt er auf die Karte Erneuerung: „Wenn wir das ideologische Gerüst ständig an die Spitze der Auseinandersetzung stellen, dann organisieren wir eins: das absolute Desinteresse an uns und damit unseren Untergang.“ Noch einmal darf Gysi von der PDS anhaltenden Beifall kassieren. Selbst Hans Modrow ist diesmal im Saal geblieben.

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