Zeitung Heute : NS-Zeit: Eine Reise in die Vergangenheit

Ljiljana Nikolic

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht schaut der ältere Herr in die Kamera und erzählt. Er zieht eine Geburtsurkunde aus einem alten ledernen Koffer und hält sie vor die Kamera. Paul Freund ist Jahrgang 1909. Vielleicht liegt es an diesem schelmischen Lächeln eines Buben, aber er wirkt nicht wie ein 91-Jähriger. Sein gut gelauntes Gesicht erlischt auch nicht, als er von damals erzählt.

Für die Altstudenten aus der Zeit, als die Humboldt-Universität noch den Namen Friedrich-Wilhelms-Universität (FWU) trug, war ein Gang durch ihre Flure nicht gerade leicht. Paul Freund hält jetzt ein anderes Dokument vor die Linse: Sein Entlassungsschreiben aus dem Jahr 1933. Damals ging der studierte Jurist nach Jerusalem, mit einem Staatsexamen der FWU in der Tasche und nach nur zwei Monaten als Referendar. Erst viel später, in den Fünfzigern, konnte Freund seine juristische Ausbildung beenden. Bis dahin arbeitete er als Fotograf.

Nach zwei Stunden Interview schaltet HU-Mitarbeiter Peter Nolte seine Videokamera aus und macht sich im sonnendurchfluteten Jerusalem auf den Weg zu anderen ehemaligen Studierenden der FWU. Die Humboldt-Universität hat eine schwierige Vergangenheit. Viele ihrer Angehörigen waren ein williges Werkzeug der Nazis. Ihre jüdischen oder politisch anders denkenden Kollegen und Kommilitonen wurden gezwungen, die Universität zu verlassen. Studenten wurden aus politischen und rassistischen Gründen relegiert, Professoren aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 die Lehrerlaubnis entzogen.

Halbjude? Vierteljude? Ein Fragebogen und eine Unterschrift entschieden über Verbleib oder Vertreibung. Einer Reihe ehemaliger Dozenten und Forscher wurde die Doktorwürde aberkannt. Nach bisherigen Recherchen waren es 80 Personen. Dieser Akt wurde 1998 vom damaligen Universitätspräsidenten Hans Meyer zurück genommen. Über 1000 Namen von ehemaligen Studierenden und Absolventen hat Peter Nolte nun im Rahmen des Projekts "Erforschung des Verbleibs der von 1933 bis 1945 aus politischen Gründen vertriebenen Angehörigen der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin" in den vergangenen Monaten im Universitätsarchiv am Salzufer zusammengetragen. Ein Projekt, das von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanziert und von den Professoren Rüdiger vom Bruch und Richard Schröder wissenschaftlich unterstützt wird. Peter Nolte sichtet nicht nur historische Quellen im Archiv. "Schade, dass ich nicht vor zehn Jahren mit dem Projekt anfangen konnte", bedauert der Wissenschaftler. "In den vergangenen sechs Jahren sind viele Ehemalige gestorben."

Bislang hat Nolte 25 in Israel, den USA und Deutschland lebende Zeitzeugen ausfindig gemacht und einige von ihnen auch besucht. Zu ihnen gehören der Bismarck-Biograph Ernst Engelberg, Günther Nobel und Max Kahane, der Vater von Annetta Kahane. Und Jehuda Benski aus Haifa, der als relegierter Student der Zahnmedizin später in Israel als Superintendent der Polizei die Staatsbesuche von Konrad Adenauer, Franz Josef Strauss und anderen Politikern sicherte. Einige der Ehemaligen erinnern sich noch lebhaft an ihre Berliner Zeit.

Der Wiener Chemiker Paul Löw-Beer kam mit seinem Kommilitonen, dem engagierten Kommunisten Engelbert Broda, 1930 an die FWU. Die beiden Wiener waren in einer kommunistischen Zelle aktiv. 1933 mussten sie das Land wieder verlassen. "Wir wurden von Kommilitonen im Institut für physikalische Chemie in der Bunsenstraße verhaftet", erinnert sich der 91-Jährige. Sie hätten bei einer Exkursion ins Ruhrgebiet die Arbeiter aufgewiegelt, lautete der Vorwurf der Nazis. Nach 14-tägiger Haft wurden die beiden Studenten des Landes verwiesen.

In diesen Jahren waren die politischen Fronten an der Universität nicht eindeutig. "Es war eine unruhige Zeit", erzählt der Bonhoeffer-Schüler und Berliner Altbischhof Albrecht Schönherr, der ebenfalls an der FWU studierte. Er erinnert sich, wie die Nazis versuchten, eine Hakenkreuzfahne im Audimax aufzuhängen. Sie wurden von ihren Gegnern durch die Universität gejagt. Bei einer anderen Gelegenheit prügelten sich politisch verfeindete Studenten. Der damalige Rektor Kohlrausch alarmierte die SA - die Exterritorialität der Hochschule wurde so missachtet, erinnert sich Zeev Estreicher in Bat Yam. Unvergesslich bitter ist ihm damals der Rausschmiss des Juristen Martin Wolff durch die SA in Erinnerung geblieben.

An den 1932 regelmäßig stattfindenden Prügeleien in der Vorhalle des Hauptgebäudes hat auch Günther Nobel teilgenommen. "Rechts standen die Rechten, links Juden, Linke, Katholiken", erinnert sich der Berliner. "Wir haben zuerst die Frauen durch die Fenster zum Hinterhof in Sicherheit gebracht." Bei einer solchen Gelegenheit habe er auch seine Frau Genia kennen gelernt, sagt der 88-Jährige. Als Nobel 1933 von Studenten mit Fußtritten aus dem Gebäude traktiert wurde, beschloss er, sein Studium der Jura und Volkswirtschaftslehre abzubrechen. Er blieb in Berlin und war lange in der Kommunistischen Partei aktiv.

1939 konnten sich die Nobels nach mehrjährigen Zuchthausaufenthalten nach Shanghai retten. Seit 1947 leben sie wieder in Berlin. Jüdische Studierende der Medizin bekamen in den Jahren 1934, 1935 und 1936 ihr Diplom erst in die Hand, nachdem sie schriftlich auf ihre Approbation verzichteten und eine Arbeit im Ausland nachweisen konnten, erinnert sich Gerda Zondek, die heute in Jerusalem lebt. Sie und 60 weitere Ärzte wurden 1934 nach ihrer Promotion zur Emigration gezwungen. Vorher konnte sie ihr praktisches Jahr in der Ziegelstraße bei Geheimrat Krückmann absolvieren. "Es war eine wunderbare Zeit", erinnert sich die 94-jährige Frau. Als nach sechs Monaten ein bekannter Nationalsozialist Krückmann auf seinem Posten nachfolgte, befürchtete die junge Ärztin, ihre Stelle aufgeben zu müssen. "Doch Löhlein wollte die Entscheidungen seines Vorgängers nicht revidieren. Ich konnte mein praktisches Jahr zu Ende machen."

Peter Noltes Kontakt zu 13 ehemaligen Studierenden der FWU in Israel hat Elly Freund, eine 91-jährige Kinderärztin, die heute in Bat Yam lebt, hergestellt. Sie konnte 1937 als letzte Jüdin das medizinische Staatsexamen an der Charité machen. In jenem Jahr übernahm sie in Berlin die Aufgabe, jüdische Eltern zu überzeugen, ihre Kinder nach Palästina zu schicken. Sie und ihr Mann emigrierten 1938. Die Erinnerungen und Lebensläufe der Ehemaligen der Friedrich-Wilhelms-Universität sollen nicht nur in schriftlicher Form festgehalten werden. Die Universität plant, ehemalige Studierende aus dieser Zeit Ende Oktober nach Berlin einzuladen. Die Schirmherrschaft für diese Veranstaltung hat Bundespräsident Wolfgang Thierse, auch ein Absolvent der HU, übernommen.

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