Zeitung Heute : NS-Zwangsarbeiter: Holocaust-Opfer wollen von IBM Schadensersatz

Friedemann Diederichs

Die erste Vorwarnung gab es für die rund 307 000 US-Beschäftigten des weltgrößten Computerkonzerns IBM schon am Freitagmittag, kurz vor Feierabend: "In Kürze wird ein Buch veröffentlicht werden, in dem festgestellt wird, dass Hollerith-Rechenmaschinen vom Nazi-Regime benutzt worden sind und in dem weiterhin über die Aktivitäten der deutschen IBM-Tochtergesellschaft Dehomag während des Dritten Reichs spekuliert wird," war in einer elektronischen Hausmitteilung zu lesen. Weiter ließ die Firmenleitung die irritierte Belegschaft wissen: "Wir teilen die Auffassung, dass das Buch ein wichtiges, aber auch schmerzhaftes Thema für manche Angestellten, ihre Familien und die Weltgemeinschaft darstellt."

Schmerzhaft könnte das 500 Seiten starke Buch für den Konzern tatsächlich werden. Denn parallel zum weltweiten Erscheinen des Buches von Edwin Black "IBM und der Holocaust" am Montag (in Deutschland verlegt bei Propyläen) reichten amerikanische Anwälte im Auftrag von fünf jüdischen Mandanten vor einem Bezirksgericht im New Yorker Stadtteil Brooklyn Klage gegen IBM ein. Ziel des Verfahrens ist Schadensersatz in mehrstelliger Millionenhöhe. "Ohne Hilfe von IBM wäre Hitler niemals in der Lage gewesen, so schnell und effizient Juden und andere Minderheiten zu identifizieren, sie als Arbeitssklaven zu missbrauchen und sie schließlich zu töten," formulierte US-Anwalt Michael Hausfeld von der Kanzlei Cohen, Milstein, Hausfeld & Toll in Washington, die bereits an den Verhandlungen zur Schaffung des Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft für die Zwangsarbeiter des Dritten Reiches beteiligt war.

Nach den Worten von IBM-Sprecherin Carol Makovich ist die Nutzung von Lochkarten-Rechenmaschinen der Dehomag durch die Nazis "seit Jahrzehnten bekannt" und Teil der Holocaust-Gedenkausstellung in Washington. Makovich wies darauf hin, dass Dehomag wie Hunderte andere ausländische Unternehmen während des Krieges unter die Kontrolle des Regimes geraten sei.

Der Journalist Black beschreibt in dem Werk vor allem den Einsatz der Hollerith-Maschinen zur Datengewinnung und Auswertung in Volkszählungen in den Jahren 1933 und 1939, mit denen - so die Schlussfolgerung des Autors - der Holocaust langfristig vorbereitet worden sei. IBM hätte, auch aufgrund der umfangreichen ständigen Serviceleistungen für die Geräte, diese Zielsetzung bekannt sein müssen. In dem Buch wird auch dargestellt, wie in Konzentrationslagern die Opfer mit Hilfe der US-Technologie in einzelne Gruppen wie Homosexuelle, Zigeuner und Juden eingeteilt wurden.

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