Zeitung Heute : Nu

Wo der Gast selber würzt

Bernd Matthies

Nu, Schlüterstraße 55, Charlottenburg, Tel. 88 70 98 11. Täglich von 11 bis 2 Uhr, alle Kreditkarten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Was wird denn nun bloß aus der deutschen Gastronomie? Wer sich – Los des Restaurantkritikers – überwiegend in gehobenen Gaststätten konventionellen Zuschnitts aufhält, wird Bedenken kaum unterdrücken können. Deren Gäste, so scheint es, werden immer älter, während junge Leute offenbar weder Geld noch Lust haben, sich zwischen Eichenholztäfelungen über das Dreierlei von der Gänsestopfleber herzumachen. Doch zumindest das mit dem Geld scheint nicht zu stimmen, schaut man nur in erfolgreiche Szenerestaurants wie das Frankfurter „Silk“, das allabendlich brummt wie verrückt. Dort allerdings machen sie auch alles richtig, von der Einrichtung über die Musik bis zur perfekten Küche. Szenegastronomie in Berlin dagegen ist in aller Regel ein Projekt schlechter Köche für ahnungslose Gäste, die den betreffenden Laden nach einem Besuch aber trotzdem oft satt haben und nie wieder kommen.

Ist das „Nu“ die Ausnahme von der Regel? Das neue Restaurant in Charlottenburg fügt ein paar aktuelle Rezepte zusammen, die karge Einrichtung mit viel Beton und harten Hockern an großen quadratischen Tischen, die wummernde Lounge-Musik und die asiatische Küche. „Nu“ deutet übrigens auf ein Primat der asiatischen Nudel hin, der auf den T-Shirts der Kellner angebrachte Schriftzug „Eatdrinkmanwoman“ dagegen auf irgendeine verschwurbelte cineastische Verbindung zum großen Ganzen.

Frauen und Männer essen und trinken hier weitgehend das Übliche, und sie sind gut beraten damit. Denn die zwei zähen Stücke Seeteufel an der Zimtstange, umgeben von Currysauce und einem kreischsüßen Gemüsekompott namens Chutney, waren keineswegs der Stoff, aus dem panasiatische Träume sind, auch wenn das Rezept aus Singapur stammen soll. Solche strandenden Extravaganzen mal ausgenommen, kann hier jeder Gast schon deshalb glücklich werden, weil vier vorgefertigte Saucen ihm die Würzung in die eigene Hand geben. Das gleicht die eher fade Grundstimmung der Gerichte aus und erinnert ein wenig an die Gründerzeit der deutschen Gastronomie mit dem unsterblichen Dreiteiler aus Pfeffer, Salz und Maggi.

Die Vorspeisenplatte hält also, würzt man nur selbst, sehr anständigen Standard, ist gut bestückt mit korianderlastigem Glasnudel-Shrimps-Salat, mit zartem Huhn am Spieß mit individueller Erdnuss-Sauce, mit sanft geschärften Fleischbällchen sowie Salat aus etwas trockenem Rindfleisch. Die Suppen wirken dagegen ein wenig blass, vermutlich, weil ihnen eine solide Brühgrundlage fehlt; immerhin kommen die thailändischen Basisgewürze wie Kaffir-Limonenblätter, Zitronengras und Koriander angemessen zur Geltung.

Die Nudelzubereitungen, die, Nu, den größten Teil der Hauptgerichte ausmachen, wirken entsprechend bausatzmäßig konstruiert und austauschbar. Ob mit Tofu und Huhn oder mit Huhn und Kokosmilch: Durch entschlossenes Nachwürzen wird eine ganz angenehme Mahlzeit draus, die sich nach dem Essen alsbald aus dem Gedächtnis löscht. Das erinnert ein wenig an bestimmte Italiener; auch bei denen wird der Gast nach und nach von einem undurchdringlichen, mit lauter Musik gemischten Stimmengewirr eingehüllt, das den vagen Eindruck trendgemäßer Gemütlichkeit hinterlässt.

Das finanzielle Risiko eines Nu–Besuchs hält sich in Grenzen. Die moderaten Preise übersteigen die 15-EuroGrenze nicht, und auch die kundig ausgesuchten Weine machen niemanden arm. Ich würde zwar nicht wieder aus eigenem Antrieb hingehen, es aber, gestützt auf eigene Erfahrung, all jenen warm ans Herz legen, die mit ihren halb- bis ganzwüchsigen Kindern essen gehen wollen – die mögen das, garantiert. Und wenn dann am Freitag und Sonnabend ein gnädiger DJ mit zupackender Musik alle Unebenheiten übertüncht, dann haben auch Ältere das Gefühl, irgendwie mit dem Zeitgeist in Direktverbindung zu stehen.

Das ist alles nicht unbedingt exemplarisch, aber es markiert einen Trend, der sich in der Gastronomie durchsetzen wird. Mit Feinschmeckerei sollte man ihn dennoch nicht verwechseln.

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