Zeitung Heute : Nürnberg: Schnitte durch Raum und Zeit - die fränkische Metropole feiert sein 950-jähriges Bestehen

Sigrid Merkl

Sein Standbild thront majestätisch über dem Gassengewirr der Sebalder Seite. Wären da nicht die Pinsel in der rechten Hand und der genialische Blick, man könnte den dargestellten Albrecht Dürer (1471-1528) für einen Landesfürsten des ausgehenden Mittelalters halten. Im Ausdruck selbstbewusster Größe mag das Abbild des Nürnberger Künstlers klassizistisch überzeichnet sein, doch waren auch dem Original Selbstzweifel weitgehend fremd.

In Nürnberg, der fränkischen Metropole, kreuzten sich zu Dürers Zeiten wichtige Handelswege. Der Meister bewohnte ganz in der Nähe seines erzenen Konterfeis ein typisch fränkisches Fachwerkhaus und war sich seiner Rolle als künstlerischer Mittler zwischen den Welten - dem Italien der Renaissance und dem noch mittelalterlich geprägten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation - wohl bewusst. Dies bezeugt auch das berühmte Münchner Selbstbildnis, geschaffen zum symbolträchtigen Jahrhundertwechsel. Es ist Porträt und Ikone zugleich.

Durch eine leichte Asymetrie wirkt der Blick durchdringend, fast hypnotisch, und an den ausdrucksstarken Augen des Künstlers scheint sich, ähnlich wie in der Glaskugel einer Wahrsagerin, die Zukunft Nürnbergs ablesen zu lassen: die Reformation wie sie Dürer noch selbst miterlebte; die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, in dessen Verlauf zwei Drittel der Stadtbevölkerung starben; ebenfalls im 17. Jahrhundert der Niedergang des Nürnberger Patriziats, zu dessen Blütezeit Dürer als Maler, Kupferstecher und Zeichner tätig war; das Jahr 1806 schließlich, in dem die freie Reichsstadt an Bayern fiel; die erste Dampflokomotive und der Aufbruch ins Industriezeitalter; die Nationalsozialisten auf dem Reichsparteitagsgelände weit vor den Toren Nürnbergs, lächerlich wie Pappkameraden aus dem Spielzeugmuseum, und doch erschreckend echt.

Mit seinen Türmchen, Giebeln und Zinnen, in der Mitte des Altstadtgevierts von der doppelt gegabelten Pegnitz durchflossen, neigt Nürnberg dem Vergangenen zu. Verzerrte Spiegelbilder alter Gemäuer, zitternd auf der Wasseroberfläche, unterstreichen noch das mittelalterliche Flair, so als sei die Gegenwart nur eine wenig verlässliche Schicht, die ausdünnt wie Straßenlärm, sobald man in eine stille Gasse einbiegt. Im Rücken von Dürers Standbild führt eine Treppe hinab. Stadtführerin Annemarie Paul, die das unterirdische Labyrinth Nürnbergs bis in die vierte Sohle kennt, rät mir den Kopf einzuziehen. Die Rettungsstollen zwischen den einzelnen Felsenkellern wurden während des Zweiten Weltkriegs in aller Eile provisorisch in den Felsen getrieben und sind entsprechend knapp bemessen. Die Keller selbst, die zu den jeweils darüber befindlichen Häusern gehören und nachweislich seit 1380 bestehen, hatten ursprünglich einem weit erbaulicheren Zweck als dem Luftschutz gedient: der Gewinnung von Wasser und dem Lagern von Bier, damals noch Grundnahrungsmittel. Wasser allererster Güte und ein Keller, so lautete die Vorschrift, mussten vorhanden sein, wenn man sich um eine Braulizenz bewarb. So geräumig wie sich die Keller heute präsentieren, waren sie ursprünglich allerdings nicht. Erst als man die Einzelparzellen zusammenlegte, ergab sich die heutige Größe.

Wir sind im Agneskeller angekommen. Es riecht modrig, und der sandige Boden ist feucht. Der gesamte Burgberg und nicht nur dieser ist von unterirdischen Gängen und Kellern durchlöchert wie ein Emmentaler Käse: Die Felsengänge nehmen ein Areal von insgesamt 25 000 Quadratmetern ein, darunter auch die 900 Quadratmeter des einstigen Kunstbunkers, in dem während des Zweiten Weltkriegs die wertvollsten beweglichen Kunstschätze Nürnbergs aufbewahrt wurden. Durch ein kleines Wunder hat auch das Wohnhaus Albrecht Dürers den Bombenhagel heil überstanden.

Dürer zwinkert und hat Lust, von seinem Sockel herabzusteigen. Er möchte sein Haus wieder einmal aus der Nähe sehen, zumal eine als Dürers Ehefrau Agnes verkleidete Fremdenführerin neuerdings Touristen durch die Räumlichkeiten schleust. Sie zeigt ihnen Stube, Küche, Schlafgemach, natürlich auch die Werkstatt des Meisters, und gibt nebenher im Plauderton kleine Anekdoten zum Besten.

In der Neuzeit hat Nürnberg sich ein originelles Ausstellungskonzept auf die Fahnen geschrieben. Im Tucherschlösschen und im Dürer-Haus wurde es bereits umgesetzt, im Stadtmuseum Fembohaus gewinnt es gerade an Kontur. Gemeinsam ist allen Präsentationen das Erzählen von Geschichte in Geschichten.

Das Tucherschloss dokumentiert den sozialen Kontext des Patriziats, das Stadtmuseum Fembohaus die Lebensumstände des Nürnberger Bürgertums und das Dürerhaus einen Künstlerbetrieb der Renaissance. Mit dem Museum Industriekultur will man Technik-, Sozial- und Kulturgeschichte zusammenschweißen, denn schließlich galt Nürnberg von 1835 bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts als die bedeutendste Industriestadt Süddeutschlands.

Atemberaubend ist ein Rundgang durch das renovierte Fembohaus aus der Spätrenaissance. Er beginnt ganz oben, im Dachgeschoss, wo ein Stadtmodell aus Lindenholz einen Überblick über die Geschichte Nürnbergs gibt. Vier Holzschnitzer haben zwischen 1935 und 1939 daran gearbeitet und - ohne es zu ahnen - ein letztes Abbild der intakten Straßenzüge geschaffen. Je weiter man im Fembohaus durch die Stockwerke nach unten wandert, desto näher kommt man der Gegenwart. Als besondere Kostbarkeit ließe sich die Barockstuckdecke im zweiten Stock hervorheben, aber letztlich zählt bei dieser beschwingten Wanderung durch die Jahrhunderte vor allem der opulente Gesamteindruck.

In Nürnberg dominiert die zeitliche Dimension wie sie sich im Blick auf Vergangenes erschließt. Aber hier und dort wurde das historisch Gewachsene räumlich aufgebrochen, und so hält die Frankenmetropole zu ihrem 950-jährigen Jubiläum nicht mehr nur Beschauliches, sondern auch Überraschendes bereit. Dies gilt vor allem für die Lorenzer Seite links der Pegnitz, die nach dem gotischen Dom in ihrem Zentrum benannt ist. Vor dem Wechsel von der Sebalder auf die Lorenzer Seite sollte man aber unbedingt noch am Fluss entlang schlendern, kreuz und quer über die Brücken wandern und einen Blick auf das besonders malerische Ensemble von Weinstadel, Wasserturm und Henkersteg werfen. Antiquitätengeschäfte und edle Boutiquen verlocken zu einem Bummel in den umliegenden Gassen.

Nahe dem Hauptbahnhof schwingt sich der Baukörper "Neues Museum - Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg" haarscharf an den Häuserblocks der Luitpoldstraße vorbei.

Einen städtebaulichen Akzent setzt auch "Die Straße der Menschenrechte" in der Kartäusergasse, ein Werk des israelischen, in Frankreich lebenden Bildhauers Dani Karavan. Nur wer den Kontext kennt, ist sich darüber im Klaren, dass man an den 27 Rundpfeilern des Monuments, zwei Bodenplatten und einem Baum vorbei praktisch mitten durch das Germanische Nationalmuseum wandert. Denn die Kartäusergasse ist zwar öffentlich zugänglich, gehört aber zum 1993 erweiterten Museumsarsenal. Karavans Werk war damals als Beitrag zur "Kunst am Bau" gedacht; durch seine starke symbolische Strahlkraft hat es sich aber zu einem eigenständigen Kunstwerk ausgewachsen. Auf jedem der installierten Baukörper ist einer von insgesamt 30 Artikeln der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" aus dem Jahr 1948 eingraviert. Sie wurden von den Vereinten Nationen unter dem Eindruck der vorrangig deutschen Barbarei während des Zweiten Weltkriegs abgefasst. Karavan selbst erklärt sein Konzept folgendermaßen: "Auf jedem Pfeiler steht der Text jeweils in Deutsch und einer anderen Sprache, die speziell für dieses Projekt ausgewählt wurde. Die Plazierung jeder einzelnen Sprache innerhalb der Pfeilerreihe ist durch die geografische Distanz ihres Ursprungslandes von Deutschland bestimmt." Allein schon die Tatsache, dass der ergänzende Text auf dem ersten Pfeiler in Jiddisch abgefasst ist, regt zum Nachdenken an.

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