Zeitung Heute : Nürnberger Erinnerungsprozesse

Mirko Weber

Es ist seltsam. In Nürnberg passiert etwas, und sofort ist die Vergangangenheit wieder da. In der Nacht von Sonntag auf Montag letzter Woche zum Beispiel hat es einen Brand gegeben, und es würde wohl sonst weiter kein großes Aufhebens darum gemacht, wenn es nicht gerade neben dem neuen "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" gewesen wäre. Ein Selbstmörder habe sich angesteckt, sagt die Polizei, man fand die Leiche in einem verkohlten Kleinbus. Aber es hat nicht nur gebrannt, sondern es ist auch etwas explodiert, und wenn an der Rückseite von Hitlers ehemaliger Kongresshalle, die Albert Speer gebaut hatte, etwas in die Luft geht, werden viele hier in Nürnberg das Gefühl nicht los, es müsse noch mehr dahinterstecken als nur ein Selbstmord, und spitzen die Ohren. Es horcht in ihnen.

Als der Publizist Alfred Kerr anlässlich des Kriegsverbrecherprozesses erstmals nach seiner Emigration wieder Nürnberg betritt, die Stadt Julius Streichers und die Stadt der Rassengesetze, ist auch er sich nicht ganz sicher, wo er hier eigentlich steht, zwischen des "Führers" Niedertracht und des Volkes Niedergang. Im Juli 1947 schreibt er: "Eine Last liegt auf den Leuten. Es ist, als lebten sie in einer unteren Stadt mit der stumpfen Empfindung, dass es eine obere gibt - von deren Vorhandensein sie immer wissen. Ja, als ob sie mit halbem Ohr immer auf etwas horchten; ohne das zu merken. Es horcht in ihnen." Das ist lange her und dennoch nicht Vergangenheit.

Die Kongresshalle steht am Rande des ebenfalls von Albert Speer gebauten Reichsparteitagsgeländes. Sie sollte das Kolosseum in Rom an Größe übertreffen, ist teilweise aus Granit gebaut und niemals fertig geworden. Seit Jahren parken Gebrauchtwagen im Innenhof, die städtischen Sinfoniker unterhalten ein Büro innerhalb der Mauern, und die Firma Quelle nutzt Hitlers "Wort aus Stein", wie er den Bau nannte, um zu lagern, was sie in ihrem umfangreichen Versandhauskatalog anbietet.

Das riesengroße Areal ist eingewachsenes Städtefleisch. Man kann es nicht einfach so herausschneiden. Aber man kann zumindest einen Pfeil in dieses Fleisch stechen, und das ist den Nürnbergern jetzt gelungen. Mittendrin in dem 30 Meter hohen Bau sitzt er. Abgeschossen hat ihn der österreichische Architekt Günther Domenig. Ein 100 Meter langer Gang aus Stahl und Glas durchbohrt diagonal das Gebäude. Er gehört zu dem 3000 Quadratmeter großen "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände", das Bundespräsident Johannes Rau am 4. November eröffnen wird. Viele Nürnberger hoffen sehr, dass dadurch die schlechten Erinnerungen zumindest gebannt sein werden. Das Zentrum unterscheidet sich von den anderen Gedenkstätten, denn die Ausstellung in der Kongresshalle widmet sich den Mitläufern. Es geht darum zu zeigen, welche Faszination das Dritte Reich und Hitler auf die Deutschen ausübte.

"Schwindel der Leere"

Jahrzehntelang hatte die Kommune sich taub gestellt, wenn es um ihre Vergangenheit und namentlich die Aufmärsche zwischen 1933 und 1938 ging. Über eine Million Zuschauer waren in diesem Zeitraum jährlich zum Reichsparteitag der Nazis in die Stadt gekommen. Erst in den 70er Jahren gab es die ersten Informationsveranstaltungen, in den 80ern dann immerhin eine Initiative des Vereins "Geschichte für alle", der Führungen veranstaltete und eine kleine Ausstellung im Inneren der Zeppelintribüne organisierte: "Faszination und Gewalt". Jetzt ist sie geschlossen worden, künftig soll sie aufgehen im Konzept des neuen Dokumentationszentrums, das Franz Sonnnenberger verantwortet, der Direktor der Museen der Stadt Nürnberg.

Oben auf der Zeppelintribüne, zu der es im Jahr rund 20 Millionen Touristen zieht, wird einem immer wieder klar, warum die Stadt Nürnberg es nicht leicht gehabt hat, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Es herrscht der "Schwindel der Leere", den Ernesto Cardenal ihn empfand, als er auf Hitlers Rednerplatz stand, und den er in einem Gedicht beschrieb. Doch ist ringsherum eben alles noch da - trotz der Inlineskater und wochenendlichen Tourenwagenrennen, trotz des Frankenstadions in der Ferne, in dem der Club spielt, und trotz der Würstchenbude am Dutzendweiher, die so gewöhnlich im Außergewöhnlichen wirkt.

Der Architekt dieser Monstrositäten, Albert Speer, notiert am 28. November 1954 in sein "Spandauer Tagebuch": "Heute machte ich (dem Sanitäter) Toni Vlaer eine Freude und skizzierte ihm aus dem Gedächtnis die Haupttribüne des Zeppelinfeldes in Nürnberg. Zum Dank dafür erzählte er mir begeistert von dem großen Eindruck, den dieses Bauwerk kürzlich auf ihn gemacht habe. Wie entschieden ich mich auch von der Welt, die von dem Parteitagsgelände repräsentiert wird, getrennt habe: Merkwürdigerweise bin ich glücklich, dass das Zeppelinfeld noch nicht zerstört ist. Wie nah ist mir das alles noch!"

Wie nah das alles in Nürnberg noch ist und wie schmerzhaft die Wunde Vergangenheit, belegt der heftige Streit um einen in der Sache fairen Artikel, den der Erlanger Historiker Gregor Schöllgen Ende August in der "Süddeutschen Zeitung" publizierte. Die Abhandlung unterstützte zum einen ausdrücklich, dass die Stadt Nürnberg mit der Schaffung des Zentrums endlich auf dem richtigen Weg sei. Sie monierte aber gleichzeitig, dass sich schon wieder Selbstgerechtigkeit breit mache, wenn Nürnberg - nur, weil es seit ein paar Jahren einen Menschenrechtspreis stifte - sich auch in einer Eigenwerbung zur "Stadt des Friedens und der Menschenrechte" aufschwinge.

Die Stadt steht zu sich selbst

Schöllgens Einlassung war vor allem deshalb ein wenig erstaunlich, weil er maßgeblich am wissenschaftlichen Konzept des Dokumentationszentrums beteiligt war, was aber nicht heißen kann, dass Nachdenken verboten ist. Jedenfalls rief der Artikel, den die Redaktion - nicht Schöllgen - ketzerisch mit "Die Meisterverdränger von Nürnberg" überschrieben hatte, sofort den Alt-Oberbürgermeister Schönlein auf den Plan, der seine Nürnberger wieder in Schutz nahm gegen diese Unterstellungen.

Die Aufregung wird verständlicher, wenn man sich vor Augen führt, dass zwischen der Verwirklichung des Dokumentationszentrums und dem Anstoß dazu ganze sieben Jahre liegen. Fast jeder Plan und jeder Kostenvoranschlag ist von den Gremien der Stadt, des Landes Bayern und des Bundes, die sich die Kosten von 20 Millionen Mark teilen, ohne größere Schwierigkeiten akzeptiert worden. Da passt es schlecht ins Bild, wenn am Ende Unmut kolportiert wird, wo man sich gerade über die Jahre hinweg einig gezeigt hat. Immerhin steht Nürnberg endlich demonstrativ zu sich selbst. Aber nach 56 Jahren ist es dafür auch Zeit geworden.

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