Zeitung Heute : Null Promille in der Wüste

Barbara Bierach

Dubai liegt in der Wüste. Aber nix Tausendundeinenacht, sondern moderne Metropole mit tausenden von offenen Stellen: Bauingenieure, Banker, Mediziner, alles dringend gesucht. Eine Frankfurter Ärztin schreibt nach drei Jahren am Golf im Internet: „Äußerst angenehme Arbeitsbedingungen, steuerfreies Top-Gehalt, 350 Tage Sonne und blauer Himmel, einfach empfehlenswert.“ Hierzulande dominieren dagegen schlechtes Wetter und Ärztestreik. Manche Leute fragen sich folglich ernsthaft: Wo ist eigentliche Wüste? Im Nahen Osten oder in Teutonien?

Hans beispielsweise. „Das hat ja wohl gar nicht gepasst“, sagte er seinem deutschen Chef beim Kündigen des Arbeitsvertrags. „Wieso das denn?“, meint der. „Ich fand unseren Gedankenaustausch immer spannend“. „Nö“, darauf Hans: „Du hast mich herumgeschubst und jetzt schubse ich halt mal zurück.“ Hans ist Architekt und geht für geplante drei Jahre mit Kind und Kegel in den Nahen Osten. Für die Kleinen bedeutet das internationale Schule statt unterfinanziertes Gymnasium, für ihn Sand und Sonne statt Regenmatsch auf der Baustelle. Kulturschock statt schockierend arrogante Chefs. Dünen statt Jobwüste.

Hört man den Leuten zu, die den Arbeitsvertrag in der Heimat zerreißen, um ins Ausland zu gehen, gewinnt man den Eindruck, dass der Sand vor allem im Getriebe zu Hause steckt. Christian arbeitete für eine Agentur, mit deren Chefs er nie einen Gesprächstermin bekam. Oder wenn, dann nach vier Wochen Wartezeit, in denen das Rendezvous fünf mal verschobenen wurde. Nachdem seine Kündigung auf dem Tisch war, kam er dagegen sofort ins Allerheiligtum für ein einstündiges Gespräch. Dabei offerierte ihm der Boss das doppelte Gehalt, falls er noch einen Monat länger bleibt, weil so viel Arbeit ansteht. Toll, wenn man erst unter der Tür erfährt, wieviel die eigene Meinung und Leistung wert sind.

Katharina dachte vier Wochen lang über ein Abschiedsgespräch mit ihrem Chef nach. Sie hätte ihm gerne noch gesagt, wo er ihrer Meinung nach Kosten sparen könnte, ohne dem Service zu schaden und was aus ihrer Sicht das Arbeitsklima verbessern könnte. Statt eines Termins bekam sie eine E-Mail von ihm mit der Bitte, doch auf seine Mailbox zu sprechen, was sie auf dem Herzen hat. Da hat sie selbstverständlich nie angerufen.

Dubai steht für Aufbruchsstimmung bei null Prozent Arbeitslosigkeit und einer westlich orientierten wirtschaftlichen Elite. Schwache Chefs gibt es allerdings auch da. Dumm ist hier: Wenn man einem solchen vor Ort begegnet, kann man seinen Kummer nicht mal ordentlich begießen, denn auch da gilt null Prozent.

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