Zeitung Heute : Nummern statt Namen

Thomas Gehringer

Mit "Bautzen ist Teil meines Lebens" erinnert der WDR an den Stasi-KnastThomas Gehringer

"Ich gehe nicht nach Bautzen. Das tue ich meinen Nerven nicht an." Auch 35 Jahre nach der Entlassung meidet Häftling Nr. 2359 das einst berüchtigtste Gefängnis der DDR, in dem die Insassen nicht mehr mit dem Namen angesprochen wurden, sondern nur noch eine Nummer waren.

Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest war eben diese Nummer. Nach einigen kritischen Texten wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung" wurde er 1958 verurteilt. Bis 1964 saß er in "Erich Mielkes Privatknast", so der Häftlings-Jargon, hinter Gittern - Bautzen II war direkt der Berliner Stasi-Zentrale unterstellt. Der Fernsehjournalist Klaus Schwagrzinna erinnert zehn Jahre nach der Wende in "Bautzen ist Teil meines Lebens" (WDR Fernsehen, 27. Oktober, 22 Uhr 30) an den DDR-Knast, in dem überwiegend politische Gefangene "ein ganz strenges Regime" (Loest) erdulden mussten. Dem Film kommt zugute, dass Schwagrzinna 1989 per Zufall in Bautzen II drehen konnte. Bürgerrechtler hatten ihn und sein Team in den turbulenten Wendezeiten spontan mit in das Gefängnis genommen. Der Direktor, der den bald folgenden Sturz des SED-Regimes offenbar kommen sah (und heute Versicherungen verkauft), ließ das Westfernsehen ohne Genehmigung aus Berlin herein, präsentierte seine Gefangenen in den Zellen und trat sogar selbst vor die Kamera - ein denkwürdiges Stück Zeitgeschichte. Damals lernte Schwagrzinna auch den Häftling Gerd Bretag kennen, mit dem er nun zehn Jahre später in die heutige Gedenkstätte Bautzen zurückkehrt. Die Hassausbrüche von Bretag wirken allerdings weit weniger glaubwürdig als die stille Verweigerung Loests, an den Ort der Demütigungen zurückzukehren. Schwagrzinna interviewte den 1981 in den Westen ausgewanderten Dichter an anderer Stelle. Und war auch dabei, als sich Loest mit ehemaligen Mit-Gefangenen noch einmal traf. Dass die Mauern in den Köpfen noch zehn Jahre nach der Wende in Ost und West wachsen, hält Loest im übrigen "einfach für Quatsch. Es wächst Millimeter für Millimeter zusammen".
© 1999

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