Zeitung Heute : Nun lächeln Sie doch endlich!

Der Tagesspiegel

Roland Heß wundert sich schon lange nicht mehr. Als der 53-jährige Unternehmensberater in den siebziger Jahren aus dem Norden nach Berlin zog, war der Schreck erst einmal groß. „An die raue, unfreundliche Art der Berliner musste ich mich erst gewöhnen.“ Das galt nicht nur für private Kontakte, sondern auch für den Ton in Kaufhäusern und Behörden, wo lange Wartezeiten ebenso normal waren wie mürrische Beamte. Inzwischen hat sich Heß fast damit abgefunden und nimmt wie selbstverständlich ein dickes Buch zu Behördengängen mit. Aber er hat sich eben nur fast abgefunden: „Man hat die Wahl, entweder wegzuziehen oder etwas zu tun“, sagt Heß. Und weil er die Hauptstadt sehr mag, hat er sich für das Zweite entschieden. Gemeinsam mit den Berliner Wirtschaftsjunioren vergibt er in diesem Jahr zum ersten Mal den Service-Preis „Moving Berlin 2002“. Damit sollen besonders serviceorientierte Berliner Unternehmen, Behörden oder Dienstleister ausgezeichnet werden.

Bis zum 15. April 2002 sind die Berliner aufgefordert, Vorschläge an die Wirtschaftsjunioren zu schicken. Teilnehmen kann jeder Kunde, Bürger, Investor oder Tourist, der von einer Berliner Einrichtung besonders begeistert ist. Sie finden den Fragebogen auf der Internetseite der Berliner Wirtschaftsjunioren, www.wjb.de . Elf Fragen zur Zufriedenheit mit dem Service sollen dort bewertet werden, mit bis zu 100 Prozent. Die Junioren wollen dort unter anderem wissen, wie die Wünsche des Kunden erfüllt wurden und wie die Angestellten mit Beschwerden umgingen. Zusätzliche Punkte gibt es für ein Lächeln, Punktabzug dagegen für die Aussage „Das geht nicht!“.

Rund 20 Vorschläge sind bei Heß bislang eingegangen. Besonders angenehm fielen den Einsendern ein Elektronikladen, ein Bekleidungsgeschäft und ein Restaurant am Kurfürstendamm auf. Auch die Geschäftsstelle eines Vereins und eine Versicherung haben gute Chancen auf den Preis, der im Übrigen mit einer Reise ins Serviceland Japan verbunden ist. Für weitere Preise sucht Heß noch Sponsoren.

Obwohl das nicht Sinn der Aktion war, gingen bei Heß auch Beschwerden ein. Besonders schlecht ist der Service demnach bei der BVG, einem Taxiunternehmen, einem Mobilfunkanbieter und einer Behörde mit übermäßig langer Wartezeit. Noch zehn Jahre brauche Berlin, bis es sich von der jetzigen Servicewüste in eine Oase der Kundenzufriedenheit verwandelt hat, glaubt Heß. Vorausgesetzt, die Veränderung beginne jetzt. Dann werde es auch um die Finanzen der Hauptstadt besser bestellt sein. In eine Stadt, die für ihren guten Service bekannt ist, ziehen Unternehmen schließlich besonders gern, und auch Touristen kommen dann häufiger wieder. Sein Preis, den er ab jetzt einmal jährlich vergeben will, soll ein erster Schritt in diese Richtung sein. Mit den Nominierungen lockt er die Berliner aus der Reserve. Schließlich gehe es bei seinem Preis nicht darum zu meckern, sondern zu loben. Dafür müsse man guten Service und Freundlichkeit erst einmal überhaupt bemerken. Und darin müssen sich die Hauptstädter seiner Meinung nach noch üben. Annekatrin Looss

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