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Das Herz ist ein treuer Diener. Oft aber muten wir ihm zu viel zu. Worauf man bei der Vorbeugung achten muss

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Der Industriemeister Walter K., 43 Jahre alt, hat sein Herz nie bemerkt. Eigentlich kann ihn auch nichts erschüttern. Bis er eines Tages den Druck in seinem Brustkorb spürt. Und sich an seinen Kollegen erinnert, der diesen Schmerz im Arm bekommen hatte, ins Krankenhaus fuhr und am nächsten Tag tot war. Mit 39 Jahren. Walter K. bekommt es mit der Angst zu tun. Er lässt sich untersuchen. Der Arzt stellt Übergewicht und hohen Blutdruck fest – und eine beginnende Herzerkrankung. „Ein Warnschuss“, sagt der Mediziner. „Sie sollten etwas tun.“

Das Herz leidet stumm. Bis es eines Tages aufbegehrt, weil wir ihm zu viel zugemutet haben. Wie bei Walter K. Dabei kann man eigentlich nicht früh genug damit anfangen, ein Auge auf sein Herz zu haben. „Vorbeugung beginnt im Kindergarten“, sagt Helmut Gohlke, Chefarzt am HerzZentrum Bad Krozingen. Denn schon jedes fünfte Kind ist übergewichtig. Aber richtig ist auch, dass es ein „zu spät“ nicht geben muss. Selbst wer älter als 50 ist und schon herzkrank, kann noch viel für sich tun, indem er seinen Lebensstil ändert.

Das Wissen über das, was gut und was schlecht fürs Herz ist, geht vor allem auf epidemiologische Studien zurück – große wissenschaftliche Untersuchungen der Bevölkerung. In ihnen filterten die Wissenschaftler versteckte Risikofaktoren heraus – Lebensumstände, die die Gefahr für das Herz erhöhen. Zu ihnen gehören das Auftreten von Herzleiden in der Familie, hoher Blutdruck, hohes Cholesterin, Rauchen, Zuckerkrankheit, „sitzender“ Lebensstil, Übergewicht, höheres Alter und männliches Geschlecht.

Wer sein Herz schützen will, kann eine Menge tun. Allerdings gibt es auch Risikofaktoren, die man nicht kontrollieren kann. Da ist zum einen das Alter: Bei Männern steigt die Gefahr einer Herzattacke vom 45. Lebensjahr an, bei Frauen ab 55. Gefährdet ist zudem, wer einen Vater oder Bruder hat, der bis zum 55. Lebensjahr herzkrank wurde. Oder aber eine Mutter oder Schwester, die bis zum 65. Lebensjahr erkrankte.

Vorbeugung ist noch immer die beste Waffe im Kampf gegen den Herztod. Zwar kann auch ein gesunder Lebensstil ein Herzleiden nicht mit absoluter Gewissheit verhüten, doch besteht immerhin die Möglichkeit, dass man die Krankheit hinausschiebt oder verzögert. Die folgenden Herz-Risiken hat man ganz oder teilweise selbst in der Hand:

Rauchen: Wer das Rauchen aufgibt, senkt sein Herzrisiko drastisch. Besonders steil fällt die Gefahr im ersten Jahr ab.

Bewegung: Wer sich regelmäßig bewegt, dessen Herz arbeitet besser, zudem sinken Blutdruck und Cholesterin. An den meisten Tagen der Woche sollte man sich wenigstens eine halbe Stunde bewegen (die 30 Minuten können auch aufgeteilt werden, zum Beispiel in dreimal zehn Minuten). „Mit der Bewegung ist es wie mit dem Sparen“, sagt die amerikanische Herz-Spezialistin Ann Bolger aus San Francisco. „Jeder Pfennig zählt. Das beste Training ist eines, das Ihnen gut tut und das Sie immer wieder gern machen.“

Ernährung: Wenig Fett, Cholesterin und Salz, dafür viel Obst, Gemüse und Ballaststoffe – so sieht eine herzgesunde Ernährung aus. Das wiederum heißt nicht, dass man Zeit seines Lebens auf Pizza oder Eiskrem verzichten muss. Sie sollten aber nicht obenan auf der Speisekarte stehen.

Blutdruck: Der obere (systolische) Wert sollte unter 140 liegen, der untere (diastolische) Wert unter 90. Schlechte Essgewohnheiten, Übergewicht, Alkohol und Trägheit können den Blutdruck erhöhen, bei manchen auch zu viel Salz. Wer dem hohen Blutdruck ein Schnippchen schlagen will, sollte in seiner Ernährung Obst, Gemüse und fettarmen Milchprodukten den Vorzug geben.

Cholesterin: Diese fettähnliche Substanz zirkuliert im Blutkreislauf und trägt bei hoher Konzentration zum Herzrisiko bei. Fettarme Ernährung und Sport senken den Cholesterinspiegel. Die manchmal erhobene Behauptung, Cholesterin sei unschädlich, bestreiten Fachleute wie der Herz-Spezialist Gohlke energisch: „Der Risikofaktor Cholesterin ist eindeutig belegt."

Zuckerkrankheit (Diabetes): Bei dieser Krankheit ist der Körper nicht imstande, ausreichend das blutzuckersenkende Hormon Insulin herzustellen oder zu benutzen. Deshalb zirkuliert zu viel Traubenzucker im Blut und erhöht das Herzrisiko. Übergewicht und zu wenig Bewegung können Diabetes auslösen.

Stress: Die Bedeutung von Stress für das Herz scheint auf der Hand zu liegen, ist aber wissenschaftlich nicht eindeutig bewiesen. „Negativ wirkt sich Stress vor allem dann aus, wenn bereits andere Risiken vorliegen, wenn man also zum Beispiel raucht oder hohen Blutdruck hat“, sagt der Chefarzt Gohlke.

Vorbeugung bei den Risiken und medizinische Fortschritte bei der Behandlung von Herzleiden haben sich bewährt. Auf grund dieses Fortschritts leben die Amerikaner heute im Schnitt fünf Jahre länger als noch vor 50 Jahren. Die Chancen des Industriemeisters Walter K. stehen also nicht schlecht – wenn er etwas für sein Herz tut.

Allerdings weiß man noch längst nicht alles. „Wir können anhand der Risikofaktoren etwa 30 Prozent aller Herzattacken vorhersagen", erläutert der Kardiologe Harald Klepzig vom Klinikum Offenbach. „Aber 70 Prozent der Patienten fallen durch jedes Vorsorge-Raster.“ Das bedeutet, dass viele Risiken noch nicht erkannt sind. Klepzig vermutet, dass eine Reihe noch unbekannter Gene erheblich zu Wohl und Wehe des Herzens beiträgt. „Wir stehen erst am Anfang“, sagt Klepzig. „In den Erbanlagen schlummert noch ein großes Geheimnis.“

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