Zeitung Heute : Nur das Licht ist noch rot

Pekinger Barbesitzer gründen eine Zelle der KP – Kommunisten sind sie nicht

Harald Maass[Peking]

Wenn über den geschwungenen Dächern des Kaiserpalastes die Nacht hereinbricht, erwacht eine kleine Straße im Osten von Peking zum Leben. In Neonschrift leuchten Namen wie „Easy Pub“ und „Milan Nightclub“ an den niedrigen Häusern auf. Technobass dröhnt nach draußen, wo Händler geschmuggelte Zigaretten verkaufen und Frauen in zu kurzen Röcken den Männern vielversprechend zulächeln. Und manchmal sitzt der Bar-Manager Xu Jian mit Freunden und Kollegen in einem Lokal des Vergnügungsviertels zusammen. Sie sind Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas, und sie lassen sich von Funktionären die Reden der KP-Führer vorlesen.

Sanlitun, wie die Pekinger das Bar- und Kneipenviertel nennen, ist vielleicht einer der kapitalistischsten Orte der Volksrepublik. Gegen Geld wird hier bis früh in den Morgen fast jede menschliche Lust befriedigt, hier tanzen wohlhabende Pekinger zu Musik aus den US-Hitparaden und trinken importierten französischen Schnaps. Was soll ausgerechnet hier die Kommunistische Partei? „Wir wollen das Ansehen unserer Straße verbessern“, ruft Xu Jian mit lauter Stimme. Er muss die Lautsprecher übertönen.

Am großen KP-Parteitag, der gerade in Peking stattfindet, nimmt er nicht teil. Wie immer sind nur führende Parteikader geladen und wie immer sitzen die Delegierten in grauen Anzügen unter dem roten Stern im Sitzungssaal der Großen Halle des Volkes. Auch sie lauschen Reden der KP-Führer. „Man soll sich darauf verstehen, das Denken bei der Befreiung des Denkens zu vereinheitlichen, und mit dem sich entwickelnden Marxismus die neue Praxis anleiten“, sagt Staats- und Parteichef Jiang Zemin in seiner Eröffnungsrede am Freitag. Verstanden hat das wohl niemand. Die 2114 Delegierten klatschen trotzdem Beifall. Wie einst zu Maos Zeiten singen sie sozialistische Lieder, diskutieren über kommunistische Dialektik. Nur: Mit China hat das alles nichts mehr zu tun.

Die Rolle der KP in China versteht besser, wer Xu Jian zuhört, der im „Boy and Girls“-Klub arbeitet und im Sommer die erste Parteizelle in Sanlitun gründete. Zwei Mal im Monat treffen sich seitdem ein Dutzend Kneipenmanager, Barmädchen und Türsteher zur Parteisitzung. Die meisten sind Anfang 20. Da ist der Kassierer Meng von der „Palmenbar“, der gleichzeitig das Organisationsbüro der Sanlitun-Parteizelle anführt. Die Barbesitzerin Bai Jin ist die Vorsitzende des Anti-Korruptions-Ausschusses. Xu Jian darf sich Parteisekretär nennen. Politik interessiert sie nicht. Die KP ist für sie eine Art Interessenvertretung, ein Karriere-Sprungbrett.

In China heißt sie nur „dang“ – die „Partei“. 66 Millionen Chinesen sind Mitglied der KP, sie ist die größte politische Massenorganisation der Erde, das Machtzentrum der Volksrepublik, alleinherrschend und unfehlbar. Wer in China etwas werden will, kommt an der Partei nicht vorbei. Von Marx und Lenin wissen Maos junge Erben kaum etwas. Nach zwei Jahrzehnten marktwirtschaftlicher Reformen ist Chinas Kommunismus zu einer leeren Phrase ausgehöhlt.

Xu ist fünf Jahre lang in Wuhan Soldat gewesen und dort irgendwann in die Partei gegangen. Mit Überzeugung oder Politik hatte das nichts zu tun. „Meine Vorgesetzten waren zufrieden mit meiner Arbeit, deshalb durfte ich beitreten“, sagt Xu. Er ging nach Peking, und arbeitete sich in den Bars von Sanlitun zum Manager hoch. Bis drei Uhr morgens steht er jede Nacht im „Boys and Girls“-Klub, beruhigt die Betrunkenen und versucht, die mongolischen Prostituierten fern zu halten.

Anfang der 80er Jahre entstanden in Peking die ersten privaten Restaurants, die den Staatsbetrieben Konkurrenz machten. Die Einrichtung war spartanisch, zu trinken gab es einheimisches Qingdao-Bier. Mit der Öffnung des Landes begann die Marktwirtschaft zu florieren und mit ihr das Nachtleben. Heute gibt es in Sanlitun Hunderte private Restaurants und Unterhaltungsbetriebe, von edlen Disco-Lounges mit britischen DJs über schmierige Karaoke-Bars bis zu japanischen Feinschmecker-Restaurants. Die Kellner und Barmädchen haben weder Krankenversicherung noch eine soziale Absicherung. Wer krank wird, bekommt kein Gehalt. Wer dem Chef widerspricht, steht auf der Straße.

Der Schwur auf den Kommunismus ist für Xu und seine Freunde eine Formalität. Er sitzt in der Bar und sagt „wir lesen regelmäßig die wichtigen Parteidokumente und diskutieren darüber“, an den Wänden der Bar hängen nackte Frauenbeine, die Werbung für JimBeam-Whisky machen. Xu und seine Freunde von der Parteizelle kämpfen nicht für den Kündigungsschutz der Angestellten oder eine bessere Bezahlung. Sie sehen sich als die Interessenvertreter der Barbesitzer. „Wir wollen dafür sorgen, dass es hier zivilisiert zugeht“, sagt Xu.

Die Klassenfeinde von einst sind die Parteimitglieder von heute. Den ersten Schritt dazu machte Staats- und Parteichef Jiang Zemin, als er die KP für Unternehmer – also Kapitalisten – öffnete. Nach zwei Jahrzehnten marktwirtschaftlicher Reformen sind solche ideologischen Sprünge für Chinas Kommunistenführer kein Problem mehr. Der verstorbene Reformpolitiker Deng Xiaoping rief den Chinesen einmal zu: „Reich werden ist ehrenhaft!“

„Als ich aufgewachsen bin, gab es nur einmal in der Woche Fleisch“, sagt eine 29-jährige Kellnerin, die in Sanlitun ein Bier für umgerechnet vier Euro serviert. Heute gibt es in Peking sechs Dutzend McDonalds Filialen, laufen in Schanghai Geschäftsleute mit Kaffee in Pappbechern durch Hochhausschluchten. Irgendwann wird China die roten Fahnen mit dem Hammer und der Sichel einrollen. Mao wird vielleicht eines Tages seinen Sarkophag auf dem Platz des Himmlischen Friedens verlassen müssen. Bis dahin wird jedoch noch einige Zeit vergehen. Denn für die Partei ist der Sozialismus die letzte Legitimation der Macht, auch wenn die Ideologie nur noch auf dem Papier steht. Chinas Kommunismus? „Im Prinzip heißt das, Chinas Wirtschaft weiter zu öffnen und das Land zu entwickeln“, erklärt Xu. Das passt zu Jiang Zemins Rede auf dem Parteitag: Das Denken bei der Befreiung des Denkens vereinheitlichen.

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