Zeitung Heute : Nur der König ist schneller

Hartmut Scherzer

Selbst ein Haudegen wie Frank Ullrich bekam feuchte Augen. "Unglaublich, unglaublich", sagte der Bundestrainer der Biathleten und schüttelte immer wieder den Kopf. "Damit hatte ich wirklich nicht mehr gerechnet." Mit treffsicherem Schnellfeuerschießen und einer bravourösen Langlaufleistung sicherte der 34 Jahre alte Frank Luck aus Oberhof der deutschen Staffel noch die Silbermedaille hinter den überlegen siegenden Norwegern mit dem alle und alles überragenden Olympiasieger Ole Einar Björndalen, der bei den Spielen von Salt Lake City seine vierte Goldmedaille gewann.

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Tagesspiegel: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Für die Deutschen schien im dichten Schneetreiben von Soldier Hollow alles verloren. Im achten und letzten Wettbwerb drohten sie erstmals leer auszugehen. So weit lag das Quartett, immerhin Olympiasieger in Lillehammer und Nagano, in der 4 x 7,5-km-Staffel zwischenzeitlich nach neunmal Nachladen und einer Strafrunde von Sven Fischer zurück. Doch dann kam Frank Luck, der routinierte Schlussmann. Fischer, als Vierter mit 41 Sekunden von Peter Sendel ins Rennen geschickt, hatte sich nach seinem Malheur am Schießstand wieder so weit nach vorn gekämpft, dass er immerhin als Dritter Frank Luck auf die letzten 7,5 km schickte, mehr eine Minute hinter Norwegen. "So blau war ich noch nie", japste Fischer. So niedrig war der Sauerstoff im Blut. Der Thüringer hatte sich total verausgabt.

Luck, der Russe Pawel Rostowtsew und der Franzose Raphael Poirée stellten sich gleichzeitig und direkt nebeneinander zum letzten Schießen auf. Luck und Poirée schossen schnell und sicher und ließen den Russen stehen. Es entwickelte sich ein packender Zweikampf auf der letzten Laufrunde zwischen dem Franzosen und dem Thüringer. Auf dem letzten Kilometer hängte Luck den Franzosen ab.

"Wenn man die Abstände gesehen hat, gab es berechtigte Zweifel an einem Medaillengewinn", sagte Teamchef Martin Löchle. "Nimmt man die Einzelleistungen, dann war, ausgenommen Frank Luck, jeder an dem Rückstand beteiligt", also Ricco Gross (dreimal nachladen), Peter Sendel (zweimal) und Sven Fischer (dreimal plus Strafrunde). "Aber die Staffel endet erst mit dem letzten Läufer", sagte Löchle.

Luck holte das deutsche Team von einem Nicht-Medaillenplatz zurück. "Das Wichtigste war das fehlerfreie Schießen", sagte der Held der deutschen Staffel. Miserabel hatte das Trio vorher gezielt. Aber als es drauf ankam, schoss Luck schnell und sicher. "Wichtig war auch, dass ich einen schnellen Ski hatte. Ich habe taktiert, um Poirée an der richtigen Stelle anzugreifen, am letzten Anstieg. Danach konnte ich durch das gute Material auf der letzten Abfahrt den Franzosen hinter mir lassen."

Der bangste Moment sei das Warten auf Sven Fischer gewesen. "Da habe ich die Sekunden gezählt." Am Ende kamen die Deutschen mit einem Rückstand von 45,3 Sekunden auf die Norweger Halvard Hanevold, Frode Andresen, Egil Gjelland und Ole Einar Björndalen ins Ziel. Björndalen musste zwar dreimal nachladen, den Sieg brachte das jedoch nicht in Gefahr. "Mein Schießen war nicht perfekt. Aber die anderen drei hatten mir einen komfortablen Vorsprung mit auf den Weg gegeben."

Björndalen war der überragende Athlet. Doch auch die deutsche Bilanz kann sich sehen lassen. Insgesamt sprangen neun Medaillen heraus, fünf durch die Damen, vier bei den Herren. "In dieser Mannschaft steckt Potenzial, das vorher nicht so rübergekommen ist", sagte Martin Löchle. "Auf dem Höhepunkt bei den Olympischen Spielen war sie in der Lage, dieses Potenzial in allen Wettbewerben zu zeigen."

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