Zeitung Heute : Nur ein Piks

Die meisten schweren Krankheiten sind hierzulande ausgerottet. Das verführt zum Leichtsinn: Impfungen sind nicht mehr sehr gefragt. Doch wer sich nicht schützt, gerät in Gefahr. Denn Masern und Hepatitis gibt es vor der Haustür – und die Grippe nebenan.

Hartmut Wewetzer

Sind Masern harmlos? Eine lästige, aber letztlich nützliche Kinderkrankheit, die der Reifung von Körper und Persönlichkeit einen Schub gibt? Noch immer halten sich solche Vorstellungen oder werden von Gegnern des Impfens propagiert. Das Ergebnis sind immer wieder aufflackernde Mini-Epidemien, wie zuletzt im niedersächsischen Landkreis Verden. Hier kam es in einem anthroposophischen Kindergarten und Schulkomplex Anfang des Jahres zu mehr als 100 Masernfällen, ein Kind im benachbarten Landkreis Osterholz erkrankte sogar an einer Masern-Hirnentzündung (Enzephalitis).

Der Jugendliche mit Masern-Enzephalitis wurde wieder gesund. Nicht immer aber geht es so glimpflich aus. In den Niederlanden erkrankten vor drei Jahren tausende Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft, die das Impfen ablehnt. Zwei Kinder und ein Jugendlicher starben an dem vermeintlich harmlosen Leiden. Auch im impfmüden Italien gab es vor einem Jahr eine Masern-Epidemie, die mehrere Todesopfer forderte.

Fazit: Die Masern sind längst nicht immer harmlos – bei jedem Tausendsten wird das Gehirn befallen –, und sie betreffen auch nicht nur Kinder. Ganz im Gegenteil: Erwachsene erkranken nicht selten schwerer.

Befürworter des Impfens werden deshalb nicht müde, immer wieder auf seine Vorzüge aufmerksam zu machen. So wie dieser Tage mit der „1. Nationalen Impfwoche“. Noch bis zum Sonnabend reist ein „Impfzug“ durch die Lande, um „Impfmuffel“ wachzurütteln.

Dabei müsste es in Zeiten, in denen täglich von der neuen Atemwegsinfektion Sars die Rede ist, eigentlich ein Leichtes sein, die Bürger vom Impfen zu überzeugen. Die Geschichte der Medizin zeigt: Kein anderes Verfahren hat mit so geringen Mitteln und mit so wenig Komplikationen so vielen Krankheiten den Garaus gemacht wie die Impfung.

Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. Vor dem Zweiten Weltkrieg starben in Deutschland jedes Jahr zusammen mehr als 10000 Kinder an Masern, Keuchhusten und Diphtherie. Heute sind Todesfälle durch diese Krankheiten eine Seltenheit. Die Pocken sind seit 1979 ausgerottet, die Kinderlähmung steht kurz davor. Auch Röteln und Mumps sind selten geworden. Das wiederum verführt zum Leichtsinn: warum noch mit Impfen vorbeugen, wenn eine Krankheit scheinbar gar nicht mehr vorhanden ist? Dabei wird leicht vergessen, dass manche Infektionen gerade wegen des Impfens rar geworden sind.

Länder wie Deutschland gelten als impffaul, Finnland dagegen liegt nicht nur in der Pisa-Studie vorn. Mit hartnäckiger Impfstrategie, akribischer Gesundheitsüberwachung und Aufklärungsaktionen wurde erreicht, dass seit 1996 kein einziger Fall von Masern neu im Lande auftrat – mehr als zehn Jahre vor dem von der Weltgesundheitsorganisation gesteckten Ziel, die Masern in Europa bis 2007 auszurotten.

„Von der Masern-Elimination sind wir im Vergleich zu Finnland noch weit entfernt“, sagt Sieghart Dittmann von der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin. Denn hierzulande sind rund 90 Prozent der Kinder gegen das Masernvirus geimpft – in Finnland dagegen 96. Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

Das Prinzip der Impfung, vor rund 200 Jahren von dem Engländer Edward Jenner erstmals gegen die damals verheerenden Pocken angewandt, ist genial einfach. Geschwächte Krankheitserreger oder ihre Bruchstücke werden in Kontakt mit der Körperabwehr gebracht. Die ist daraufhin in der Lage, gezielte Maßnahmen gegen die potenzielle Gefahr zu ergreifen. Manchmal allerdings entpuppt sich auch eine bewährte Impfung als Gefahr. So wurde die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung mit lebenden Viren wegen zu großer Infektionsgefahr gegen einen Totimpfstoff ausgetauscht.

Auch im Zeitalter von Gentechnik und molekularer Medizin ist das Impf-Prinzip alles andere als überholt. Eher zeigt sich, dass moderne Medizin und Impfung sich hervorragend verknüpfen lassen. So wird der Impfstoff gegen Hepatitis B gentechnisch hergestellt und ist damit garantiert erregerfrei.

Auch das Spektrum der Impfungen ist gewachsen. Zukünftig könnte der Impfschutz gegen Papillomaviren Frauen vor Gebärmutterhalskrebs wappnen – genauso wie der gegen Hepatitis B auch das Leberkrebs-Risiko senkt. Schließlich versucht man, das Erfolgsprinzip Impfung auch auf nicht ansteckende Krankheiten anzuwenden, zum Beipiel gegen Krebs. Mit bislang eher bescheidenen Erfolgen. Fehlgeschlagen sind bisher auch alle Versuche, gegen Malaria oder die Immunschwäche Aids einen Impfstoff zu finden. Viellicht klappt’s bei Sars besser.

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