Zeitung Heute : Nur ein Viertel der Berliner Ärzte impft

Senat erwartet schwache Beteiligung an Immunisierung gegen Schweinegrippe / Zahl der Infektionen steigt

Kai Kupferschmidt Christoph Stollowsky

Berlin - Die von Experten befürchtete zweite Welle der Schweinegrippe hat ganz Deutschland erfasst. Die Zahl der wöchentlichen Neuerkrankungen schnellte zuletzt von 1860 auf 3075 nach oben, teilte das Robert-Koch-Institut (RKI) mit. Mitte des Monats waren es knapp 1600. In Berlin wurde bekannt, dass nur ein Viertel aller von der Gesundheitsverwaltung zur Impfung vorgesehenen Praxen an der Impfaktion teilnehmen wollen. Vor allem wegen der Vorbehalte unter Medizinern gegen den neuen Impfstoff und wegen des aufwändigen Impfverfahrens, das eine extra Impfsprechstunde erfordert, werde nur mit „etwa 500 Ärzten“ gerechnet, die die Immunisierung unterstützen, hieß es bei der Berliner Gesundheitsverwaltung.

Wie viele und welche Praxen sich letztendlich an der Impfaktion beteiligen, kann die Gesundheitsverwaltung bislang nicht sagen. Gesundheitsstaatssekretär Benjamin Hoff unterschrieb am Montag die ersten einhundert Verträge mit niedergelassenen Medizinern, die ab kommender Woche Impfungen gegen die neue Grippe anbieten. Rund 2000 Praxen von Allgemeinmedizinern, Internisten, Kinder- und Hautärzten waren nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und der Behörde vorher als für die Impfaktion geeignet befunden worden und bekamen entsprechende Verträge zugesandt. Zum Wochenbeginn gab es in Berlin 923 bestätigte Infektionsfälle.

Mit der Verdoppelung der Fälle innerhalb von 14 Tagen hänge zusammen, dass nun auch häufiger schwere Fälle auftauchten, sagte RKI-Präsident Jörg Hacker. In Österreich gab es einen ersten Todesfall: In Innsbruck starb ein mit dem H1N1-Virus infiziertes italienisches Mädchen aus Bozen in Südtirol. Die am vergangenen Freitag im Uni-Klinikum Bonn gestorbene 48-jährige Frau hatte nach Recherchen des WDR doch Vorerkrankungen: Angehörige der Verstorbenen berichteten, die Frau habe außer an Bluthochdruck auch an Asthma und einer Lebererkrankung gelitten. Bislang hatte das Krankenhaus erklärt, dass sie als erstes der sechs deutschen Todesopfer der Schweinegrippe keine Vorerkrankungen habe.

Trotz des schleppenden Auftakts der bundesweiten Schweinegrippe-Impfung sehen die Behörden die Aktion auf einem guten Weg. Die Immunisierung sei in allen Bundesländern angelaufen, sagte ein Sprecher des Thüringer Gesundheitsministeriums. Thüringen sitzt derzeit der Gesundheitsministerkonferenz vor. Die deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) unterstützte die Impfkampagne: „Wir halten die Impfung der Bevölkerung für richtig und rufen die Ärzteschaft auf, dies in die Tat umzusetzen.“ Man schließe sich „ausdrücklich und uneingeschränkt“ den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission und des Paul-Ehrlich-Instituts an. Die öffentliche Ablehnung der Impfung sei sachlich nicht nachvollziehbar. Exakte Schätzungen zur Sterblichkeit seien bisher nicht möglich.

Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko rief wegen der Epidemie die internationale Gemeinschaft zu Hilfe. Auch der polnische Ministerpräsident Donald Tusk bat die EU um Hilfe für die Ukraine: Die Situation sei eine „Herausforderung von grenzüberschreitender Dimension“. Die Zahl der Todesfälle in der Ukraine stieg auf 60. In Afghanistan wurde die Schließung aller Schulen und Kindergärten angeordnet.

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