Zeitung Heute : Nur eins zählt

Oliver Kahn galt als unersetzlich – doch Jens Lehmann hat seine Führungsqualitäten längst bewiesen

Stefan Hermanns

Fußball-Bundestrainer Klinsmann hat gewählt: Nicht Oliver Kahn, sondern Jens Lehmann wird bei der WM die Nummer eins im Tor sein. Warum hat er sich so entschieden?


Eigentlich lässt sich die Frage relativ leicht beantworten: Man muss sich nur die jüngsten Spiele der beiden Kontrahenten noch einmal genauer anschauen. Das 2:2 des FC Bayern München im Heimspiel gegen den 1. FC Köln auf der einen Seite, das 0:0 des FC Arsenal bei Juventus Turin auf der anderen. Oliver Kahn kassiert gegen den Tabellenletzten der Bundesliga zwei Tore und sieht bei beiden Treffern, nun ja, etwas unglücklich aus. Jens Lehmann bleibt gegen den Spitzenreiter der italienischen Serie A, der vermutlich besten Liga der Welt, ohne Gegentor.

Wahrscheinlich ist die Antwort ein bisschen zu einfach. Natürlich hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann die beiden Torhüter nicht zwei Jahre durch einen unerbittlichen Konkurrenzkampf getrieben, um dann von der Tagesform im April abhängig zu machen, wer bei der WM im Juni seine Nummer eins ist. Es deutet jedoch einiges darauf hin, dass Klinsmann die günstige Gelegenheit genutzt hat, um die Entscheidung für den Torhüter seines Vertrauens vorzuziehen. In den letzten Tagen hat sich das Klima immer deutlicher zugunsten von Lehmann verändert. Fast tragisch mutete da schon der Versuch der „Bild“-Zeitung an, dem wandelnden Volkswillen eine entschiedene Pro-Kahn- Berichterstattung entgegenzusetzen.

Klinsmanns Feinde vom Boulevard werden nun ein paar Tage lang die alten Verschwörungstheorien bemühen: Dass Klinsmann ein Killer sei; dass er Kahn, die bis dato unumstrittene Nummer eins, mit dem Konkurrenzkampf absichtlich demontiert und wissentlich in eine sportliche Krise getrieben habe; dass auch persönliche Gründe eine Rolle gespielt hätten, weil nämlich Lehmann einst – wie Klinsmann – vom Schweizer Anwalt André Gross beraten wurde und Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, seit Jahren schon ein guter Freund des Torhüters ist.

Jürgen Klinsmann hat in der Tat seit seinem Amtsantritt im Juli 2004 eine latente Vorliebe für Jens Lehmann erkennen lassen. Doch die hat wenig mit persönlicher Sympathie zu tun – so viel Fachverstand sollte man selbst dem Berufsanfänger Klinsmann zugestehen. Jens Lehmann passt mit seiner Interpretation des Torwartspiels besser in die Philosophie des Bundestrainers. Klinsmann schwebt ein offensives und aggressives Spiel seiner Mannschaft vor. Der Gegner soll weit in dessen Hälfte attackiert werden, um den Ball möglichst früh zu gewinnen. Nicht nur die Abwehrspieler müssen dafür weit aufrücken, um die bespielbaren Räume möglichst eng zu halten, sondern auch der Torwart, der in diesem System als eine Art Ersatzlibero auftritt. „High up“ wird dieses Spiel in England genannt, das auch von Lehmanns Klub, dem FC Arsenal, praktiziert wird.

Oliver Kahn hat seine Stärken eher auf der Torlinie. Er verfügt über herausragende Reflexe, die er auch immer wieder imagefördernd für sich eingesetzt hat. Zuletzt ist ihm dies vor zwei Wochen im Länderspiel gegen die USA gelungen, als er beim Stand von 1:0 einen Kopfball aus kürzester Distanz abwehren und damit den Ausgleichstreffer für die USA verhindern konnte. Im selben Spiel aber dokumentierte Kahn auch seine bekannten Schwächen bei der Strafraumbeherrschung. Im Versuch, ein bisschen lehmanniger zu spielen, sprang er kurz vor Schluss unter einem Ball hindurch und ermöglichte den Amerikanern den Treffer zum 1:4.

Oliver Kahn hat schon als junger Torhüter seine Schwächen durch eine vermutlich einmalige Verbissenheit kompensiert. Er hat seine Mannschaften als Verfechter des „Immer Weiter“ zu Höchstleistungen getrieben, und mit seiner Persönlichkeit galt er vielen für die Weltmeisterschaft gerade angesichts der Unerfahrenheit der deutschen Nationalelf als unersetzlich. Doch auch dieses Alleinstellungsmerkmal ist ihm zuletzt zunehmend abhanden gekommen. Jens Lehmann hat seine Führungsqualitäten in London längst bewiesen. Er steht bei Arsenal hinter einer Abwehr, die auch nicht wesentlich älter ist als die der deutschen Nationalmannschaft, und gerade beim Spiel in Turin hat er sich mit seiner unprätentiösen Art als wichtiger Stabilisator erwiesen.

Bei Kahn dagegen war zuletzt nicht mehr genau zu erkennen, welcher Ausbruch fachlich notwendig war und welcher vor allem der Pflege des eigenen Images als Überehrgeizling diente. Wie sehr sich seine Stilmittel abgenutzt haben, hat sich vor knapp einem Monat, im Champions-League-Spiel beim AC Mailand, gezeigt. Nachdem Andrej Schewtschenko einen Elfmeter am Tor vorbeigeschossen hatte, stürzte Kahn auf den Stürmer der Mailänder zu und beschimpfte ihn. Eine Minute später traf Schewtschenko aus dem Spiel heraus zum vorentscheidenden 2:0, Bayern verlor 1:4 und schied aus dem Wettbewerb aus.

Selbst bei der Nationalmannschaft, im Kreis der Elite, hat Oliver Kahn eine Art innere Emigration gewählt, um seine Sonderstellung zu dokumentieren. Ein Kenner der Mannschaft hat einmal gesagt: Wenn die Spieler offen abstimmen müssten, wer bei der WM im Tor stehen solle, würden sie sich für Kahn entscheiden. Bei einer geheimen Wahl fiele das Votum wohl für Jens Lehmann aus.

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