Zeitung Heute : Nur in Grenzen

Die Morde an chinesischen Arbeitern in Kundus zeigen: Die deutsche Truppe ist zu klein für den Kampf

Robert Birnbaum

Die Bundeswehr konnte die Gewalt in Kundus nicht verhindern. Was bedeutet das für die deutschen Soldaten?

Die Lage ist nicht sicher und nicht stabil - die Standardeinschätzung der Bundeswehrtruppen im Afghanistaneinsatz hat sich am frühen Donnerstagmorgen für elf chinesische Bauarbeiter auf grausige Weise bestätigt. Sie starben in ihrem Camp, ebenso wie ein afghanischer Wachmann, im Kugelhagel einer Gruppe bislang unbekannter Angreifer. Fünf Arbeiter wurden verletzt, einer davon erlitt eine schwere Schusswunde. Die Verletzten sind inzwischen in der Obhut deutscher Ärzte und Sanitäter, der Schwerverletzte ist bereits operiert. Denn der Überfall fand nur gut 30 Kilometer südlich von Kundus statt, der Stadt, in der die Bundeswehr ihr erstes Provinz-Wiederaufbauteam unter dem Dach der internationalen Afghanistanschutztruppe Isaf unterhält.

Wer hinter dem Angriff steckt, ist noch unklar. Nach den bisherigen Erkenntnissen hatten sich die Täter – von fünf bis zu 20 Männern ist die Rede – an und in das Arbeitscamp bei Jelaw Gir geschlichen, als der Wachmann sie gegen 1 Uhr 10 entdeckte. Sie schossen den Mann sofort nieder und feuerten danach mit automatischen Waffen wahllos durch die dünnen Zeltwände auf die schlafenden Arbeiter. Zehn, fünfzehn Minuten soll das Massaker nach Auskunft von Überlebenden gedauert haben. Knapp drei Stunden später erfuhr die deutsche Kundustruppe von dem Vorfall und machte sich nach Abklärung mit dem Isaf-Zentralkommando in Kabul zur Hilfe auf. 30 Kilometer bedeuten auf afghanischen Straßen gute zwei Stunden Fahrt, auch wenn der Tatort nicht im unwegsamen Hinterland lag, sondern nahe der „Hauptstraße“, die von Kundus durch den Hochpass des Salang-Tunnels nach Kabul führt.

Die harmlose Erklärung für den Überfall: Räuber, die es auf Besitz und Gerätschaften der Straßenbautrupps abgesehen hatten. Die örtlichen Autoritäten, von Polizeichef Mutaleb Beg bis zum starken Mann der Provinz, dem Kabuler Verteidigungsminister Mohammed Fahim Khan, zeigen sich allerdings davon überzeugt, dass die Täter keine Räuber waren. Sie machten Taliban oder Kämpfer der mit den einstigen Herren des Landes verbündeten Hisb-i-Islami des Rebellenführers Gulbuddin Hekmatyar für das Gemetzel verantwortlich. In der Gegend, in der der Überfall stattfand, soll die islamistische Miliz Stützpunkte unterhalten.

Schon seit langem macht auch der Bundeswehr der Gedanke Sorge, dass Talibankämpfer aus der pakistanischen Grenzregion im Südosten über das Hindukuschgebirge in das fruchtbare Hochtal vorstoßen könnten, in dessen Zentrum Kundus liegt. Dann wäre es mit der vergleichsweise idyllischen Ruhe in den vier Nordostprovinzen rasch vorbei, in denen das deutsche Isaf-Team tätig ist. Welche Folgen das für die Deutschen hätte – „zu früh für eine Bewertung“, heißt es bei der Bundeswehr. Aber allen ist klar, dass die gut 200 Mann in ihrem Lager in Kundus keine Kampftruppe sind. Ihr Beitrag zur Stabilisierung stößt an Grenzen, sobald die Lage ernsthaft instabil würde.

Grund für die sich häufenden Überfälle und Störmanöver bietet der politische Kalender Afghanistans: Demnächst soll gewählt werden, die Wählerregistrierung läuft. Erst vor einer Woche waren in der Nordwestprovinz Badghis drei Europäer und zwei Afghanen aus dem Hinterhalt erschossen worden, obwohl ihr Geländewagen deutlich gekennzeichnet war. Die Hilfsgruppe Ärzte ohne Grenzen zog am Donnerstag drastische Konsequenzen aus dem Tod ihrer Mitarbeiter: Sie stoppte ihre gesamte Arbeit und rief ihre 80 ausländischen Helfer zurück nach Kabul.

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