Zeitung Heute : Nur Innovation bringt mehr Gäste

Gerd W. Seidemann

Deutsche Anbieter verpassen Chancen - Donaureisen leiden unter Kosovo-KonfliktGerd W. Seidemann

Zwar hat das Geschäft mit Kreuzfahrten 1999 nochmals deutlich zugelegt, doch "betrachtet man das Marktpotenzial, muss man zu dem Schluss kommen, dass die Kreuzfahrtanbieter einen beträchtlichen Anteil davon nicht nutzen". So die Folgerung von Alf Pollack, der für den Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verband (DRV) eine Studie über den deutschen Kreuzfahrtmarkt erstellte, die jetzt in Berlin vorgelegt wurde. Der Weg aus der Nische führe nur über innovativere Seereiseangebote, wie sie internationale Schiffe in den mittleren und unteren Preissegmenten machten. Gleiches gelte auch für die Flusskreuzfahrten, die sich besonders schwer tun, ein jüngeres Publikum anzusprechen.

Bei den Passagieren in der Hochseekreuzfahrt gab es ein Plus von acht Prozent und beim Umsatz gar eine Steigerung von knapp neun Prozent. Der Studie zufolge erzielte der deutsche Markt für Hochseekreuzfahrten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,3 Milliarden Mark mit 331 000 Passagieren. Die Zahl der Passagiernächte stieg um vier Prozent auf 3,4 Millionen. Das Wachstum habe sich bei Zahlen und Umsatz parallel zum deutschen Pauschalreisemarkt entwickelt, so Pollack.

Bei den Preisen kam es bei einer minimalen Erhöhung um 0,9 Prozent zur Stagnation. Da inzwischen bei den meisten Kreuzfahrten die An- und Abreise zumindest teilweise inklusive sei, ergebe sich beim Durchschnittspreis ein leicht "schiefes Bild". Tatsächlich seien die Preise für Kreuzfahrten gesunken. Da jedoch immer mehr Passagiere "wärmere Destinationen" bevorzugten, fielen die Kosten für die Transportlogistik entsprechend höher aus. Der durchschnittliche Reisepreis liegt bei 3905 Mark. Die durchschnittliche Tagesrate wurde für 1999 mit 379 Mark errechnet und lag damit um 4,7 Prozent über dem Preis von 1998. Der Durchschnittspreis auf nur in Deutschland angebotenen Schiffen lag bei 4188 Mark, während es international 3297 Mark waren.

Der DRV registrierte auch einen anhaltenden Trend zu kürzerer Reisedauer. Kurzreisen von ein bis acht Tagen nahmen zu, während lange Fahrten von 16 Tagen und länger weiter rückläufig waren. Die durchschnittliche Dauer einer Kreuzfahrt wurde mit 10,3 Tagen ermittelt. Im Vergleich zu 1998 sei dies ein Rückgang von 0,4 Tagen, hieß es. Beim Alter der Kreuzfahrer hat es laut DRV keine gravierenden Veränderungen gegeben. Stärkste Gruppe bildeten die Reisenden im Alter von 56 bis 65 Jahre, gefolgt von der Altersgruppe 41 bis 55 Jahre. Die 26- bis 40-Jährigen machten mit 19 Prozent einen ebenso so hohen Anteil an den Kreuzfahrern aus wie die über 65-Jährigen. Auf deutschen Schiffen liegt das Durchschnittsalter bei 53,5 Jahren, auf internationalen bei 50 Jahren.

Leichte Verschiebungen gab es bei den Kreuzfahrtgebieten. Während die in Übersee - hier vor allem US-Gewässer und die Karibik - ein Plus von 1,9 Prozent verzeichneten, nahmen die europäischen um diesen Anteil ab. Bevorzugtes Revier deutscher Kreuzfahrtgäste blieb mit 32,7 Prozent das Mittelmeer trotz eines leichten Rückgangs von 0,7 Prozent. Mit einem Minus von 3,5 Prozent verloren der Ostseeraum und Norwegen.

Für die internationale Flusskreuzfahrt war 1999 nach DRV-Angaben ein schwieriges Jahr. Vor allem der Kosovo-Krieg habe sich auf das Geschäft ausgewirkt: Wegen zerstörter Brücken sei die Donau bei Novisad nicht passierbar und das Donau-Delta nicht zu erreichen gewesen. Mehrere Schiffe kamen deshalb nicht zum Einsatz. Unklar ist weiterhin, wer den Fluss wieder passierbar mochen soll und, vor allem, wer dafür zahlt. Bis auf weiteres bleibt die klassische Donaukreuzfahrt also auf den Abschnitt zwischen Passau und Budapest beschränkt.

Bedingt durch seine Größe kann es sich der deutsche Kreuzfahrtmarkt leisten, ein eigenes, nationales Angebot mit eigenen und gecharterten Schiffen zu unterhalten, das von deutschen Reedereien und Seereiseveranstaltern bereitgestellt wird. Diese Kreuzfahrten werden nahezu ausschließlich in Deutschland und zum kleinen Teil auf den deutschsprachigen Quellmärkten Österreich und Schweiz vertrieben. "Allerdings konnte die Ausweitung des Angebots um 20 Prozent nur mit Preisnachlässen vom Markt verdaut werden", heißt es in der DRV-Studie. Die Veranstalter konnten im vergangenen Jahr 138 706 Passagiere verzeichnen, eine Steigerung von 22 Prozent. Gleichzeitig hat sich die durchschnittliche Reisedauer erheblich reduziert, was vor allem jedoch auf die eingeschränkte Donauschifffahrt zurückzuführen ist. Somit lagen die "produzierten" 1 042 788 Passagiernächte nur 0,4 Prozent über dem im Vorjahr erzielten Volumen. Entsprechend des vorhandenen Angebotsmixes sind fast drei Viertel aller Passagiere mit Schiffen der populären Budget- beziehungsweise Mittelklasse auf Flusskreuzfahrt gegangen. Mit vermehrter Indienststellung von Neubauten der Premium- beziehungsweise Luxusklasse entwickelt sich jedoch verstärkt, so die Studie, auch ein Angebotssegment für gehobenen Ansprüche.

Der mit 138 706 Passagieren erzielte Umsatz lag bei knapp 259 Millionen Mark und damit gut 18 Prozent über dem Vorjahr. Im Preis enthaltene An- und Abreisearrangements spielen bei der Flusskreuzfahrt keine so große Rolle wie bei den Hochseekreuzfahrten, obwohl russische und außereuropäische Flüsse auch im Pauschalpaket angeboten werden. Der durchschnittliche Verkaufspreis lag mit 1865 Mark etwas über dem Vorjahrespreis, allerdings verkürzte sich die durchschnittliche Reisedauer um 2,6 auf 7,5 Tage. Die Tagesraten erhöhten sich also um etwa 18,1 Prozent auf rund 248 Mark. Beliebtester Fluss war auch 1999 die Donau, obwohl der Kosovo-Krieg den Veranstaltern erhebliche Einbußen bescherte. Auch die politische Situation in Russland hat sich negativ auf das dortige Fahrgebiet ausgewirkt. Erfreulich aus Sicht der Veranstalter ist, dass Nilfahrten "wieder voll in Schwung" kamen und ihren Marktanteil von drei Prozent 1998 auf 13,5 Prozent steigern konnten.

Das Durchschnittsalter aller Teilnehmer an Flusskreuzfahrten wurde mit 57,3 Jahren errechnet, liegt also erheblich über dem von Hochseekreuzfahrern. Stärkste Altersgruppe waren einmal mehr die "Best Ager" zwischen 56 und 65 Jahren, gefolgt von den "Senioren" älter als 65 Jahre, die 30 Prozent der Kundschaft von Flussschiffen ausmachen.

Als Fazit wagte Pollack einen Ausblick, zumindest für die Hochseekreuzfahrt: "Da die Schiffe immer größer werden und mehr Abwechslung bieten, wird das Schiff allein künftig zur Destination, besonders bei einem jüngeren Publikum." Da große Schiffe mit mehreren Tausend Passagieren zudem wirtschaftlicher zu betreiben seien als kleine, werde die Preisentwicklung entsprechend günstig sein, um auch Jüngere an Bord zu holen, für die sonst eine Kreuzfahrt gar nicht in Frage käme.

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