Zeitung Heute : Nur kein Leerlauf

Berliner Unternehmen setzen auf Energieeffizienz. Dabei geht es nicht nur um den Klimaschutz.

Valerie Schönian

63 Prozent der in Berlin angesiedelten Firmen wollen der steigenden Umlage für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) etwas entgegensetzen. Das jedenfalls geht aus dem im August veröffentlichten Energiewende-Barometer der Industrie- und Handelskammer zu Berlin (IHK) hervor: Mehr und mehr Unternehmen wollen in Energieeffizienzmaßnahmen investieren. Dass solche Investitionen viel bringen, weiß auch Armin Seitz, Geschäftsführer der Moll Marzipan GmbH aus Neukölln. Das Unternehmen mit 90 Mitarbeitern ist Mitglied des 2010 ins Leben gerufenen Berliner Energieeffizienz-Tisches. „In diesen drei Jahren haben wir etwa zwanzig Prozent Energie eingespart und dementsprechend viel CO2“, sagt Seitz. Das rentiert sich. So investierte die Moll GmbH 30 000 Euro in vier Frequenzumrichter. Sie trugen dazu bei, bereit binnen Jahresfrist 25 000 Euro einzusparen. Ansonsten sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die zu einem effizienten Energieverbrauch beitragen: Wärmeleitungen isolieren, Leckagen im Druckluftsystem beseitigen, Druck im Luftsystem sowie Betriebstemperaturen senken. Insgesamt investierte die Firma laut der IHK Berlin 200 000 Euro – doch sie spare dafür jedes Jahr 80 000 Euro ein, heißt es aus der Kammer. Die Geräte laufen mit einer höheren Auslastung; zugleich misst ein Energiemanagementsystem alle Verbräuche und zeigt Einsparpotentiale.

Auch das Pierburg Werk setzt auf ein Energiemanagementsystem, um seinen Stromverbrauch zu überwachen. Der Automobilzulieferer mit 350 Mitarbeitern in Mitte wurde schnell fündig: „Die ersten Auswertungen waren für uns selbst überraschend", sagt Projektverantwortlicher Olaf Karstedt. So wurden Leerlaufverluste bei den Transformatoren festgestellt und daraufhin zwei von sechs Geräten abgeschaltet. Das habe im ersten Halbjahr 2013 mindestens 300 000 Kilowattstunden eingespart. Nun geht es das Feintuning des Heizungssystems. Das Pierburg-Werk will außerdem am Nutzungsverhalten arbeiten. Die Mitarbeiter sollen bald auf Bildschirmen sehen können, wie viel Energie eine Maschine gerade verbraucht und wie viel Geld das kostet. Das solle zu einem bewussteren Umgang mit den Ressourcen führen.

Auch Solarstrom kann eine rentable Investitionsmöglichkeit sein. Die größte Photovoltaik-Anlage der Stadt steht auf dem Dach des Berliner Großmarktes in der Beusselstraße: Auf 40 000 Quadratmetern speisen 5500 Solarmodule Strom in das Netz ein. Das entspricht nach Unternehmensangaben dem Verbrauch von 600 Haushalten und spare 800 Tonnen CO2. „Das ist für uns nicht nur Klimaschutz, sondern auch ein Standortvorteil“, sagt Geschäftsführer Andreas Foidl. Denn die PV-Anlage biete auch Planungssicherheit für die eingemieteten Firmen: Steigen die Stromkosten zu stark an, dürfte der Markt seinen Strom zu einem festgelegten Abnahmepreis direkt vom Dach beziehen. Was der Großmarkt noch tun kann, untersucht gerade die Berliner Energieagentur GmbH. Möglich sei nach deren Energiekonzept ein Blockheizkraftwerk oder eine sogenannte Hackschnitzelanla- ge. Mit der könnte der Markt seine eigenen Holzabfälle verheizen. Im Industriegebäude des Möbelherstellers Artis steht eine solche Anlage schon jetzt. Mittlerweile beheizt die Firma damit sogar ein weiteres 500 Quadratmeter großes Bürogebäude nebenan. Und das Haus am Platz der Luftbrücke hat eine zweite Besonderheit: Es ist aus Holz. „Wir haben nicht so entschieden, weil es unbedingt günstiger ist, sondern weil es intelligenter und langfristiger ist", sagt Wolf Deiß, Geschäftsführer des 30-Mann-Betriebes. Auch auf diesem Dach steht eine PV-Anlage, durch die Artis in neun Monaten 16 Tonnen CO2 eingespart und 30 Megawatt produziert habe. Trotz aller Einsparungen: Die EEG-Umlage trifft die Firmen.

Die Moll-GmbH hat sie allein 2013 rund 60 000 Euro gekostet. „Die Steigerung hat die diesjährige Energieeinsparung aufgezehrt“, sagt Geschäftsführer Seitz. Valerie Schönian

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!