Zeitung Heute : Nur manche mögen’s heiß

Warum soll es Fußballern besser gehen als den Leuten vom Bau – fragt Liga-Chef Hackmann. Er meint die Hitze. Sollten lieber keine Wettkämpfe stattfinden? Jetzt erst recht, sagen die Leichtathleten – und freuen sich aufs Istaf.

Robert Ide Claus Vetter

SPORT – BEI DIESEN TEMPERATUREN?

Von Robert Ide

und Claus Vetter

„In Island gibt es gerade auch eine Hitzewelle“, erzählt Thordur Gudjonsson und lacht. „In meiner Heimat sind fast 20 Grad.“ Der isländische Fußballprofi in Diensten des VfL Bochum hat seinen Humor noch nicht verloren. Doch heute steht ihm und seinem Team ein heißer Nachmittag bevor: Um 15 Uhr 30 wird im Bochumer Ruhrstadion das Bundesligaspiel gegen den Hamburger SV angepfiffen. 38 Grad im Schatten sagen die Meteorologen voraus – doch Schatten wird es auf dem Rasen kaum geben. Nur einmal hat Gudjonsson bei solcher Hitze spielen müssen – im August 1993 trat er mit der isländischen Mannschaft IA Akranes in Albanien an; es war 35 Grad heiß. „In der Halbzeit haben wir kalt geduscht“, erinnert sich Gudjonsson, „trotzdem mussten zwei Spieler wegen Hitzschlags vom Platz getragen werden.“

Kann das in deutschen Stadien auch passieren? Ist es verantwortbar, dass Sportler in der Nachmittagshitze 90 Minuten lang einem Ball hinterherlaufen? Die Forderung von Ärzten und Trainern, die Spiele aus Rücksicht auf die Gesundheit der Profis in die kühleren Abendstunden zu verlegen, hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) abgelehnt. „Die Leute vom Bau müssen auch acht Stunden in der Sonne ackern“, sagt DFL-Präsident Werner Hackmann kühl.

Im Regelwerk sind Spielverschiebungen lediglich bei „höherer Gewalt“ oder aus „zwingenden organisatorischen und sicherheitstechnischen Gründen“ vorgesehen. Hackmann sagt: „Die Profis müssen auch bei 20 Grad minus antreten.“ Das gelte allerdings nur, wenn der Platz bespielbar sei. In der Bundesliga hat es schon häufig Spielabsagen gegeben, weil Rasenplätze zugefroren waren oder unter Wasser standen. Eine Verlegung wegen Hitze gab es dagegen noch nie.

Trinken auf Befehl

Hochleistungssport im Hochsommer – medizinisch ist das durchaus ein Risiko. Sportärzte warnen vor dem hohen Flüssigkeitsverlust. „Bei Hitze fühlt man sich schwer und langsam“, berichtet der ehemalige Bremer Fußballprofi Marco Bode. „Da hilft nur trinken, trinken, trinken.“ Die Mannschaftsärzte verordneten zu Wochenbeginn jedem Spieler, sechs bis sieben Liter Flüssigkeit pro Tag zu sich zu nehmen. In Hannover gehörten in den vergangenen Tagen Eismassagen zum Trainingsprogramm. Die Profis von Bayer Leverkusen wurden in nasse Decken gehüllt. „Dadurch schließen sich die Blutgefäße, die Regeneration des Körpers wird beschleunigt“, erklärt Leverkusens Physiotherapeut Dieter Trzolek. Sogar an die schwitzenden Zuschauer ist gedacht: In Köln, Bremen und bei 1860 München werden mobile Duschen für die Fans in den Stadien aufgestellt, in Bochum kosten die Getränke jeweils einen Euro weniger.

Mancher sieht den Kick in der Hitze nicht so dramatisch. Ottmar Hitzfeld, Trainer des FC Bayern München, sagt: „Viel anstrengender als 90 Minuten Fußball ist das, was die Fahrer in diesem Jahr bei der Tour de France geleistet haben.“ Und es dauert auch länger, wenn Lance Armstrong und Jan Ullrich bei 40 Grad die Pyrenäengipfel hinaufradeln: Bis zu sechs Stunden sind die Fahrer in den Bergen unterwegs. Der ehemalige Radprofi Dietrich Thurau kennt diese Quälerei. „Wenn du in der Hitze durchs Gebirge strampelst, sind das enorme Strapazen. Auf den Pedalen fangen die Füße an zu brennen“, erzählt Thurau. „Wenn du dich nicht richtig darauf einstellst und zu wenig trinkst, kann das zum Kollaps führen.“ Deshalb konsumieren die Radfahrer auf einer schweren Bergetappe mehr als zehn Liter Flüssigkeit.

Besser als Gegenwind

Schwitzen gehört zum Sport dazu. Spitzenathleten können mit extremen Belastungen besser umgehen als Hobbyläufer oder Freizeitkicker. Deshalb sind Absagen von Wettkämpfen wegen hoher Temperaturen selten. Auch die Veranstalter des Berliner Leichtathletik-Sportfestes Istaf, das am Sonntag um 14 Uhr beginnt, sehen keinen Grund, die Wettbewerbe zu verschieben.

„Leichtathleten mögen Hitze“, sagt der langjährige Istaf-Arzt Carsten Schlüssen. „Die Muskeln sind warm, die Sehnen sind gedehnt.“ Viele Sprinter und Speerwerfer würden sich sowieso in Höhentrainingslagern in Afrika oder Australien vorbereiten. Nur Langstreckenläufern geht laut Schlüssen bei extremen Temperaturen die Kraft aus. „Den anderen Leichtathleten ist nur wichtig, dass sie keinen Gegenwind haben.“

Der Hochsommer beeinflusst sogar das sportliche Geschehen auf dem Eis. Bei den Klubs aus der Deutschen Eishockey-Liga wird seit Anfang August wieder trainiert. In der Trainingshalle der Berliner Eisbären ist es angenehm kühl – bei maximal 15 Grad. „Die Probleme fangen vor der Eishalle an“, sagt Kotrainer Hartmut Nickel. „Wenn du rauskommst, dann kriegst du einen Hammer.“ Die Spieler müssen beim Verlassen der Eishalle im Bezirk Hohenschönhausen einen Temperaturunterschied von mehr als 20 Grad verkraften. Nach dem Training fällt deshalb die Regenerationsphase in der Kabine länger aus als üblich. „Duschen und dann gleich nach draußen, das ist nicht drin“, sagt Nickel.

Bei Spielen der Eisbären ist es in der großen Halle allerdings sehr warm – auch wegen der Zuschauer. In ihrer dick gepolsterten Spielkleidung geraten die Eishockeyspieler noch stärker ins Schwitzen als sonst. Der Berliner Klub hat wegen der Hitze bis zum Oktober alle Heimspiele auf den Abend gelegt. „Wenn es auf dem Eis mehr als 20 Grad heiß ist, fällt das Atmen schwer“, sagt der ehemalige Nationalspieler Brad Bergen. Aber das habe auch etwas Gutes. „Das Lungenvolumen wird trainiert, das ist dann wie Höhentraining in Davos.“ Oder wie ein Fußball-Bundesligaspiel in Bochum.

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