Zeitung Heute : „Nur mit Partnern ist Bedeutendes machbar“

Sieben Länder, 80 Partner-NGOs, 90 Projekte: Alberto Cacayan leitet in Thailands Hauptstadt Bangkok das tdh-Regionalbüro

Moritz Kleine-Brockhoff

Bert fragt gerne, wie es später eigentlich weitergehen soll. Er fragt Mitarbeiterinnen im Büro Bangkok. Er fragt die NGO-Kollegen im Norden Thailands. Bert fragt in diesen drei Tagen jeden, der mit organisiert, wie es weitergeht. „Zuerst zum Kinder-Zentrum, nicht wahr? Wann müsste das Taxi denn kommen? Und morgen, der Flug nach Chiang Mai, der ist ganz früh, oder? Werden wir am Fluss erwartet, an der Grenze zu Birma? Wann fährt eigentlich das Boot ab?“. Bert weiß genau, wie es weitergehen soll. Er will nur auf eine höfliche Art sicherstellen, dass alles arrangiert ist, damit später auch alles wie am Schnürchen klappt. Bert, so nennen ihn alle, das ist Alberto Cacayan aus den Philippinen, terre des hommes-Regionalkoordinator für Südostasien. 54 Jahre ist er. Bert arbeitet seit 27 Jahren für NGOs, Mitte der 1990er beriet er erstmals tdh. Die Zusammenarbeit wurde immer enger, 2002 kam die Stellung als stellvertretender Regionalkoordinator und vor einem knappen Jahr der Aufstieg an die Südostasien-Spitze. Zwei Millionen Euro Spenden plus zwei Millionen öffentliches Geld: tdh hat 13 Angestellte und 80 Partner-NGOs in der Region, insgesamt laufen 90 Projekte in Indonesien, Vietnam, Kambodscha, Laos, Thailand, Birma und auf den Philippinen.

Früher waren alle tdh-Regionalchefs Deutsche, heute wird bei gleicher Qualifikation bevorzugt, wer aus der Region stammt. Als Bert seinen Job in Bangkok antrat, da hatte er große Fußstapfen zu füllen. Sein Vorgänger, Walter Skrobanek, war praktisch tdh-Institution. Er hatte schon in Vietnam gearbeitet, wo tdh vor 40 Jahren im Krieg begann, Kindern zu helfen. Als die siegreichen Nordvietnamesen 1975 westliche Hilfsorganisationen verbannten, baute Skrobanek in Bangkok eine tdh-Außenstelle auf und führte sie 30 Jahre lang, bis zur Rente.

„Ich habe hohen Respekt vor Walter“, meint Nachfolger Bert Cacayan, „doch seine Fußstapfen machten mir keine Sorge, weil ich nicht alleine bin. Die tdh-Südostasientruppe und unsere vielen Projekt-Partner sind gemeinsam verantwortlich.“ tdh führt nie alleine Projekte durch, sondern begleitet die Arbeit auserwählter Partner-NGOs. Bert will weitgehend Partner statt Chef sein. Auch, wenn es um Richtungsbestimmung geht. Die Organisation debattiert seit langem über das Zusammenspiel von tdh-Deutschland, Auslandsbüros und Partner-NGOs beim Entscheidungsprozess. „Wir haben begonnen, unsere Partner einzubeziehen, können aber noch weitergehen. Die Frage ist, ob wir ihnen nur zuhören oder ob wir ihre Ideen wirklich umsetzen“, meint Bert. Er ist, auch im Alltag, ein Partner-Fan. Wohl deshalb weist er nichts an und stellt lieber höfliche Fragen.

Das Taxi hält in einer schicken Wohnsiedlung am Stadtrand von Bangkok. „Die Gemeinschaft der Reichen, die hier Villen besitzen, lässt uns zwei Häuser nutzen“, meint Atchara Chan-O-Kul, eine Frau mit kurzen Haaren, die meist strahlt. Atchara arbeitet für die CPCR-Stiftung, für das „Zentrum für den Schutz von Kinderrechten“. Neben dem Haus stehen Kinderfahrräder und ein Wäscheständer mit kleinen T-Shirts. „Die Kinder sind noch in der Schule“, meint Atchara. Sie hilft vor allem Kindern, die in der erweiterten Familie sexuell missbraucht wurden. Lehrer, Ärzte, Polizisten und Sozialarbeiter melden Fälle, CPCR kümmert sich. Zuerst durch Aufnahme und Betreuung, später durch Suche von Pateneltern. „Und langfristig sollen die Kinder alleine zurecht kommen können“, meint Atchara. Sie zeigt den großen Raum, wo die Kleinen essen, malen und spielen können. In Regalen liegen Knetfiguren, auf einer Empore riesige Teddybären. Bert fragt, wie es im vergangenen Jahr lief, wo Probleme liegen und was in Zukunft geplant ist. „Wir haben mehr als 100 Kinder erreicht, fast alle aus zerrütteten Familien“, antwortet Atchara. Sie erzählt von der Gruppe aus Medizinern, Anwälten, Sozialarbeitern und Psychologen, in der jeder Einzelfall diskutiert wird. Das solle so fortgesetzt werden, einziges Problem sei die Finanzierung. CPCR arbeitet seit 25 Jahren, tdh war sofort dabei und hat derzeit bis zum Jahr 2008 Mittel zugesagt.

Die Kinder sind gekommen. Zwei Jungs in Bermuda-Hosen hocken sich mit einem Brettspiel auf den Boden. Zwei Mädchen sitzen an einem Tisch und essen Mangos. Ein weiteres Mädchen, sie ist vielleicht zehn, umarmt Atchara ganz fest und grinst dabei. Dann lässt sie los, holt schnell ihre Malmappe und zeigt ihr jüngstes Werk, eine Zeichnung nackter Babys, die Boxhandschuhe tragen. Ein Baby steckt die Zunge heraus. Ein Junge möchte auch seine Mappe zeigen. Darin sind Komikhelden zum Ausmalen vorgezeichnet, manche sind schon bunt. Einer Komikfigur ist etwas hinzugefügt: eine dicke Beule auf dem Kopf. Der Junge, der sie anfügte, war zu Hause geschlagen worden. Und das Mädchen, das die nackten Babys zeichnete, war vergewaltigt worden. „Diese Einrichtung ist klassisches Beispiel für Soforthilfe“, meint Bert Cacayan, „tdh-Priorität bleibt, Kindern in Not zu helfen, auch wenn wir mittlerweile viele Projektarten haben.“ Bert nennt ein Krisen-Zentrum für Frauen in Kambodscha, ein Wasserprojekt in Vietnam und eine Studie zu Kindersoldaten in Birma als Positivbeispiele. Schwieriger dagegen sei der Wiederaufbau in der Tsunami-Provinz Aceh, wo angesichts der Verwüstungen und auch der schwächeren Partnerstruktur von terre des hommes Projekterfolge erst auf längere Sicht möglich sind.

Der Rahmen für das, was tdh anpackt, wird alle drei Jahre auf der globalen Delegierten-Konferenz in Deutschland abgesteckt. Im Vorfeld treffen sich in jedem Land, in dem tdh arbeitet, alle nationalen Partner-NGOs. Sie bestimmen Gesandte für ein regionales Partnertreffen, wo Delegierte ernannt werden, die nach Deutschland reisen. „Durch die Struktur ist ein Beitrag unserer Partner sichergestellt. Nur mit ihnen ist Bedeutsames machbar“, glaubt Bert. Derzeit, so 2006 entschieden, sind Schutz der Kinderrechte und die Erhaltung von Biovielfalt weltweite tdh-Schwerpunkte, in Südostasien kommen Frieden schaffende Maßnahmen dazu. Überall betreffen Konfliktfolgen auch Kinder.

Ein kurzer Flug nach Chiang Mai in Nordthailand, eine lange Busfahrt nach Westen zum Salween-Fluss, und nun sitzt Bert auf einer Holzplanke an Deck dieses langen, schmalen Bootes, das über hellbraunes Wasser flussaufwärts gleitet. Rechts liegt Thailand, die Mitte des Salweens ist Grenze, das linke Flussufer gehört zu Birma. Ab und an stehen Hütten auf kleinen Lichtungen. Am Wasser liegen zwischen schroffen Steinbänken feine Sandstrände. Auf einer stehen zwei Kinder. Sie winken. Ein paar Meter weiter liegt ein Hausboot am Ufer.

„Wenn der Dammbau beginnt, wird das Militär hier alle Dörfer stürmen und Zwangsarbeiter gefangen nehmen“, befürchtet Paul Sein Twa, ein junger Mann vom tdh-Partner KESAN, einer NGO, die lokalen Widerstand gegen ein Dammprojekt organisiert. Thailand und Birma wollen gemeinsam Wasser stauen, um Strom zu erzeugen. Beide Regierungen machten sich nicht die Mühe, die Menschen über Umweltfolgen zu informieren.

Die Menschen sind Karen, eine ethnische Minderheit mit einer 20 000 Mann starken Armee, die in Birma seit fast 60 Jahren aussichtslos für Unabhängigkeit kämpft. In Thailand, wohin viele vor Gewalt flüchten, wird das Bergvolk nur geduldet – ohne Bürgerrechte. Der thailändische Militärposten besteht aus einem Floss, das am Ufer liegt. Soldaten notieren, wer unterwegs ist. Grenzkontrollen gibt es nicht, schon gar nicht auf der anderen Seite des Flusses, in Birma, wo ein paar Kilometer vom Ufer entfernt gekämpft wird. tdh arbeitet seit langem in dem Grenzgebiet, finanziert NGOs, die das Volk der Karen nicht beim Unabhängigkeits- sondern beim Überlebenskampf unterstützen.

Das Boot legt an der birmanischen Fluss-Seite an. Ein steiler Lehmpfad führt herauf zum Dorf Khoe Kay, wo 100 Karen-Familien leben. Zusammen mit anderen Bewohnern der Gegend haben sie die Gruppe SEE gegründet. Die Abkürzung steht für „Salween Eyes“. Ziel ist es, selbstständiger und mit lauterer Stimme gegen den Dammbau anzugehen. Paul, der NGO-Aktivist, hatte die Karen am Fluss ermuntert, sich zu organisieren. Sie taten es, wollen mit SEE jetzt neuer tdh-Partner werden und entwerfen gerade einen Projektvorschlag. Tdh findet oft per Dominoeffekt neue Partner. Vor vier Jahren, als die Kindersoldaten-Studie in Birma lief, lernten tdh-Mitarbeiter Paul und seine NGO kennen, welche nun den Kontakt zu SEE herstellte.

Poe John, ein dürrer Mann mit wachen Augen, Vorsitzender von SEE, hat in sein Haus geladen. Es ist eine Hütte auf Stelzen gebaut. Zwei Frauen und sieben Männer hocken im Schneidersitz auf dem Boden, Kinder stecken neugierig ihre Köpfe durch die Tür. Früher, erzählen die Männer, hätten sie zwei Tagesmärsche vom Ufer entfernt gelebt. „Wir flohen vor Kämpfen, das Militär brannte unser Dorf nieder“, sagt Porto, der Dorfälteste, „wir verloren unser Ackerland. Hier am Fluss, mit kleineren Feldern, ist es schwierig, zu überleben. Der Staudamm könnte uns durch Überflutung das Wenige nehmen, was wir noch haben.“ Bert nickt und macht Notizen. „Welche Aktivitäten sind mit SEE geplant?“, möchte er wissen, „welche Rolle könnten Kinder spielen?“. – „Wir wollen Protest gegen den Damm organisieren, eine Unterschriftensammlung und einen Demonstrationstag“, erklärt SEE-Chef Poe John, „und wir wollen unsere Dörfer weiter bringen. Wir brauchen Schulen, Gesundheitsversorgung und neue Einkommensquellen. Wir brauchen keinen Damm.“ – „Und die Kinder?“ – „Ein Malkurs ist geplant, die Kinder sollen sich dabei mit der Natur und mit dem Dammprojekt auseinandersetzen.“ Bert wünscht sich etwas mehr, er erzählt von Projekten in anderen Ländern, bei denen Kinder an Flüssen Mangroven pflanzen und Fischvorkommen erforschen. Für SEE bleibt noch Zeit, so etwas oder Ähnliches im Projektvorschlag aufzunehmen. Liegt er schriftlich vor, wird Bert ihn wahrscheinlich annehmen: „Arbeit im Konfliktgebiet, Unterstützung einer Minderheit, Erhalt von Bio-Vielfalt und die Bemühung, Kindern zu einer besseren Zukunft zu verhelfen – alles kommt hier zusammen.“

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