Zeitung Heute : Nur nicht ablenken lassen

Es hängt auch vom Ort ab, wie effektiv Studierende lernen. Die HU bietet viele geeignete Arbeitsplätze an: Bibliotheken, Ruheräume, Denkzellen.

Alle zusammen.
Alle zusammen.

Jeder, der schon einmal hastig Hausaufgaben im Bus erledigt hat, weiß: Zum Lernen braucht man einen angenehmen, möglichst ruhigen Ort. Doch wo lernen Studierende an der Humboldt-Universität am liebsten?

Sophie Strasser, Jura-Studentin im dritten Semester, sitzt mit ihrem Laptop in der Cafeteria des Hauptgebäudes. Das sei nur eine Notlösung, sagt sie. Richtig lernen könne sie hier nicht: „Eigentlich wollte ich in die Bibliothek, aber zu Hausarbeitszeiten muss man um Punkt neun Uhr da sein, wenn man noch einen Platz bekommen will“, sagt Strasser. „Das ist ärgerlich: Du nimmst dir vor zu lernen und brauchst ja auch die Bücher.“ Der Juristin geht es wie vielen anderen Studenten. In der Bibliothek kann sie konzentriert arbeiten, denn zu Hause gibt es zu viele Ablenkungen: „Da fällt einem dann ein, dass man ja schon seit drei Wochen nicht mit der Oma telefoniert hat.“

Laut Holger Walther, dem Leiter der Psychologischen Beratung der HU, zeichnet sich ein guter Lernort vor allem durch zwei Dinge aus: Keine Ablenkungen und eine klare Trennung zwischen Arbeits- und Freizeitumfeld. „Man sollte zum Beispiel nicht im Bett lernen“, warnt Walther, „denn dann denkt das Gehirn abends beim Schlafengehen: ‚Ok, jetzt wird gelernt!’“ Der Kopf könne genau zwischen einer Arbeits- und einer Freizeitsituation unterscheiden und stelle sich dementsprechend darauf ein. Auch das beliebte Lernen im Park sei daher nicht zu empfehlen: „Vielleicht will man sich ja auch ein bisschen ablenken und nutzt das Lernen nur als Vorwand, um raus zu gehen. Aber im Prinzip ist das Selbstbetrug.“

Die Bibliothek hingegen ist ein ausgewiesener Lernort: Rundherum stehen Bücher und alle anderen lernen auch. Dazu kommt der Rechtfertigungsdruck, dass man extra zur Bibliothek gefahren ist – dann sollte man jetzt auch lernen.

Der größte Bibliotheksstandort der Humboldt-Uni ist das Jacob-und-Wilhelm Grimm-Zentrum in der Nähe des Hauptgebäudes. Hier gibt es auf acht Etagen 1249 Plätze zum Lesen und Arbeiten. Dazu zählen auch 120 Plätze in acht Gruppenarbeitsräumen, die täglich für drei Stunden gemietet werden können, sowie elf spezielle Arbeitsplätze für Studierende mit Kindern in der siebten Etage, inklusive Spielbereich. Wer an seiner Abschlussarbeit arbeitet, kann sechs Wochen lang kostenlos eine von 52 abschließbaren Arbeitskabinen mieten. Im ganzen Haus gibt es Wlan für HU-Angehörige, aber auch mehrere Computer-Pools mit 256 PC-Arbeitsplätzen.

Eine ähnliche Ausstattung wie das Grimm-Zentrum hat die zweitgrößte HU-Bibliothek, das Erwin-Schrödinger-Zentrum in Adlershof mit über 300 Arbeitsplätzen. Beliebt zum Lernen, aber auch zum Entspannen, ist das Café „MoPs“, zudem gibt es im nahe gelegenen Johann-von-Neumann-Haus der Informatiker „Denkzellen“. Die mit Computern ausgestatteten Arbeitsräume können ausschließlich Studierende der Berlin Mathematical School (BMS) nutzen. Die Räume sind abschließbar und werden über das „One Stop Office“ der BMS vergeben, bevorzugt an Examensstudenten.

Eher ein Geheimtipp ist auch die kleine, gemütliche Bibliothek des Winckelmann-Instituts für Klassische Archäologie mit einem guten Dutzend Arbeitsplätzen im HU-Hauptgebäude.

Besonders das Grimm-Zentrum ist oft voll, und ruhige Lernecken außerhalb der Bibliothek sind schwer zu finden. Der Mangel an Freiflächen wird schon seit längerem von HU-Studierenden beklagt, unter anderem im Institut für Sozialwissenschaften: „Professoren und Fachschaft diskutieren schon darüber, ob sie Räume besetzen sollen“, sagt Tobias Wandrei, studentischer Studienberater am Institut für Sozialwissenschaften.

Die Situation könnte sich jedoch bald bessern. Die ehemalige Institutsbibliothek, deren Bestände in das Grimm-Zentrum verlegt wurden, soll in naher Zukunft Freiflächen für Studenten bieten, ähnlich wie in der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften: Dort sollen im Laufe des Oktobers in der 2. Etage neu gestaltete Räume mit 150 Sitzplätzen eröffnen, wo früher die Zweigbibliothek der Wirtschaftswissenschaftler war. Auch an anderen Standorten sollen so sukzessive neue Räume entstehen, etwa im Westflügel des Hauptgebäudes, der sich derzeit in Umbau befindet. Geplant sind zwei Aufenthaltsbereiche, ähnlich der Wartezonen im Studierenden-Service-Center.

Doch könnte man nicht einfach in Seminarräumen lernen, die gerade nicht genutzt werden? Das ist nicht so einfach, da die meisten Räume außerhalb der offiziellen Belegungszeiten abgeschlossen werden. Ein Grund dafür seien zahlreiche Diebstähle – etwa von Beamern – im vergangenen Jahr gewesen, heißt es aus der HU-Pressestelle. Manche Fächer – etwa die Wirtschaftswissenschaften – öffnen zu Prüfungszeiten Räume für Studierende. Für Juristen gibt es die Möglichkeit, sich in einem Flachbau auf dem Hof der Fakultät über die Studienorganisation einen der fünf dortigen Räume zu buchen.

Dennoch sind das eigene Zimmer und die Bibliothek für die meisten Studierenden die klassischen Lernorte, auch für Antje Roß: Die Studentin für Internationale Beziehungen bezeichnet sich selbst als „Mischlernerin“. „Mal bin ich zu Hause, mal in der Bibliothek; je nachdem, wovon ich gerade genug habe.“ Die 26-Jährige sagt aber auch: „Wie produktiv ich bin, hängt vom Lerndruck ab. Wenn man Druck hat, lernt man an jedem Ort gut.“ Erik Wenk

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