Zeitung Heute : Nur nicht unterkriegen lassen

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Von Christian Böhme

Jamal Karsli darf weiter für die FDP-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag arbeiten. Für den Zentralrat der Juden in Deutschland ist das alles andere als eine Überraschung. Keiner hatte nur andeutungsweise darauf gehofft, geschweige denn damit gerechnet, dass der Landesvorstand der Freidemokraten für den Rauswurf des umstrittenen Düsseldorfer Abgeordneten stimmen würde.

Darüber waren sich Präsident Paul Spiegel und seine Mitstreiter aus dem Präsidium schon klar, bevor die mehr als dreistündige Sitzung des FDP-Landesvorstands überhaupt begonnen hatte. „Der Karsli bleibt", war die einmütige Einschätzung.

Denn für die Repräsentanten der 110 000 Deutschen jüdischen Glaubens ist eines klar: Jürgen W. Möllemanns Macht und Einfluss ist groß. So groß, dass ohne dessen Einwilligung sich im Fall Karsli nichts bewegen kann und wird. Für Paul Spiegel ist das aber eine zentrale Vorbedingung für ein erneutes „klärendes" Gespräch mit der FDP-Bundesführung. Von einer eindeutigen Entschuldigung Möllemanns für dessen wiederholte Angriffe auf Zentralrats-Vize Michel Friedman, dieser sei selbst für Antisemitismus mitverantwortlich, ganz abgesehen.

Wie es mit der FDP und ihrer Führung weiter gehen kann, weiß man beim Zentralrat auch nicht so recht. Man will zwar den Streit nicht anheizen und freut sich über die Unterstützung vieler namhafter Politiker. Doch eines steht fest: Paul Spiegel ist nicht gewillt, nachzugeben. Und selbst wenn er wollte, um endlich wieder Ruhe zu haben – er könnte nicht. Gebe der Präsident jetzt klein bei, hätte das für ihn und den Zentralrat wohl fatale Folgen. Nach außen und nach innen.

Seit Wochen kämpft Spiegel gegen Möllemann und seine Unterstützer, mahnt mit all seiner Kraft gegen das Aufkommen antisemitischer Ressentiments in der deutschen Gesellschaft. Aus Überzeugung. Ginge er nun auf die FDP einfach zu, ohne dass seine Vorbedingungen für ein Treffen erfüllt sind – niemand würde mehr den Zentralrat und seine Anliegen ernst nehmen. Das neue Konzept der offensiven Interessenspolitik wäre auf einen Schlag am Ende. Und Paul Spiegel selbst wäre unglaubwürdig, auch im Zentralrat und den jüdischen Gemeinden. Einen solchen öffentlichen Gesichtsverlust werden der Präsident und seine Präsidiumskollegen nicht ohne weiteres zulassen. Dafür ist der Streit mit Möllemann aus Sicht der obersten Repräsentanten der Juden in Deutschland zu grundsätzlich und die Unterstützung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft für den derzeitigen Kurs einfach zu groß.

Die vergangenen Wochen waren die härtesten und auch deprimierendsten in Spiegels Amtszeit. Das sagt er selbst. Möllemanns Attacken gegen Friedman hat er wie viele andere seines Glaubens als die größte Beleidigung deutscher Juden seit 1945 empfunden. Einer wie Spiegel, der stets um Ausgleich bemüht ist, sagt so etwas nicht leichtfertig daher. Er fürchtet einfach, es könnte in Sachen Antisemitismus etwas aus dem Ruder laufen. Und Spiegel vermisst den Aufstand der Anständigen, den Aufstand der Demokraten in dieser Debatte. Schon mehrfach haben er und seine Zentralratskollegen die gesellschaftlichen Kräfte – Gewerkschaften, Arbeitgeber und Kirchen – aufgefordert, als Freunde klar Stellung zu beziehen. Laut gerufen hat bisher kaum einer.

Vielleicht ist das der Grund, dass Spiegel seit einiger Zeit wieder häufiger an seinen Vorgänger Ignatz Bubis denken muss. Jahrelang hatte dieser wort- und tatenreich gegen Antisemitismus gekämpft. Doch kurz vor seinem Tod glaubte Bubis, er habe im Grunde kaum etwas erreicht. Paul Spiegel sah das bis zu seinem Amtsantritt überhaupt nicht so, hielt die Einstellung seines Vorgängers für zu skeptisch. „Heute", sagte Spiegel, „verstehe ich ihn besser". Unterkriegen lassen will er sich dennoch nicht – nicht von seinen Gefühlen und schon gar nicht von Jürgen Möllemann.

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