Zeitung Heute : Nur nicht zurück

Martin Gehlen

Syrien hat einen Truppenabzug aus Libanon angekündigt. Was muss passieren, um interne Probleme aus dem Weg räumen zu können, damit die Proteste in Libanon in eine Demokratie münden?

Nur ein kleiner Zwischenfall oder Auftakt für eine Wiederkehr der blutigen Vergangenheit? Am Sonntagabend wurde im Zentrum Beiruts in der Nähe des Märtyrerplatzes ein 18-jähriger Demonstrant von einer Kugel in die Hüfte getroffen und schwer verletzt. Die Schüsse kamen aus einem Auto mit der Fahne der pro-syrischen, schiitischen Amal-Milizen. Der junge Mann dagegen saß in einem Wagen mit der Zedernfahne, dem Symbol der christlich-sunnitischen Opposition dieser Tage.

Nachdem Syriens Präsident Assad am Samstag den Rückzug seiner Truppen angekündigt hat, machen nun beide Seiten in Libanon mobil. Die Opposition veranstaltete am Montag erneut eine Großdemonstration für den ermordeten Ex-Ministerpräsidenten Rafik Hariri. Im Gegenzug rief der Generalsekretär der schiitischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, für den heutigen Dienstag seine pro-syrischen Anhänger zum Protest ins Stadtzentrum.

Scheich Nasrallah ist ein besonnener Mann. Er weiß, dass eine öffentliche Konfrontation zwischen Christen, Drusen und Sunniten einerseits sowie Schiiten andererseits schnurgerade wieder in einen offenen Bürgerkrieg münden kann. „Das ist eine rote Linie, die niemals überschritten werden darf“, verkündete er darum auch am Montag kurz vor seinem Treffen mit Vertretern der christlich-sunnitischen Protestbewegung. Beide Seiten gehen auf die Straße, aber beide Seiten reden auch miteinander. Denn beide Seiten wissen, dass bei einem Rückfall in Gewalt alle verlieren.

Christen, Sunniten und Drusen hätten mit ihrem Ruf nach Freiheit zwar die Vorherrschaft von Damaskus abgeschüttelt, sich dafür aber möglicherweise einen weiteren Bürgerkrieg eingehandelt. Die Schiiten wiederum würden den erheblichen Zuwachs an politischer Macht und Ansehen aufs Spiel setzen, den sie in den vergangenen 15 Jahren für ihre Volksgruppe erreicht haben. Denn der Kampf der Hisbollah gegen die israelischen Besatzer im Süden sowie das kompetente und korruptionsfreie Agieren ihrer Abgeordneten im libanesischen Parlament haben ihnen Sympathien auch in anderen Bevölkerungskreisen des Landes eingetragen. Nasrallah ist Realist genug zu sehen, dass der Rückzug seiner Schutzmacht Syrien nicht mehr abzuwenden ist. Darum macht er jetzt kalkulierten Druck auf der Straße. Er will von den anderen libanesischen Volksgruppen Garantien für die Zukunft. Denn die wollen nicht nur die Hisbollah entwaffnen. Sie könnten auch versuchen, sich mit den USA und Israel zu arrangieren. Dann aber liefen die Schiiten Gefahr, wie heute Damaskus, morgen zwischen die politischen Mühlsteine des Nahen Ostens zu geraten. Nasrallah ist sich dessen bewusst. Und darum muss er auf Konsens mit der Opposition setzen.

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