Zeitung Heute : „Nur vor Hemingway hatte ich Angst“

Sie sah John F. Kennedy mit Elizabeth Arden flirten und fotografierte Gary Cooper. Wie aus der Societyfotografin Inge Feltrinelli Italiens berühmteste Verlegerin wurde.

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Inge Feltrinelli, 74, wuchs in Göttingen auf. 1959 heiratete sie den Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der als Erster Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“ herausbrachte. Feltrinelli wurde zum linksradikalen Revolutionär, er starb 1972 unter ungeklärten Umständen. Seine Frau führte den Verlag weiter und baute die größte Buchhandelskette Italiens auf.

Interview: Ulf Lippitz Sie feiern in diesem Jahr den 50.Geburtstag Ihres Verlags. Ihr Sohn Carlo, der das Unternehmen mit Ihnen leitet, sagte einmal, die Gabe der Feltrinellis bestehe darin, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Das finde ich wundervoll selbstbewusst. Ich würde es anders formulieren: Giangiacomo Feltrinelli, der den Verlag gründete, hatte die Gabe, schon vor dem Zeitgeist eine Welle zu entdecken. Er verlegte südamerikanische Autoren, bevor sich alle Welt dafür interessierte. Denken Sie daran, dass wir Gabriel García Márquez 1969 als erster Verlag außerhalb Lateinamerikas druckten. Aber Leute wie wir können uns gar nicht um Trends kümmern.

Was meinen Sie damit?

Wir, das sind Menschen, die Bücher wirklich lieben. Wir verlegen auch solche, von denen wir wissen: Davon verkaufen sich nicht mehr als 500 Stück, aber es handelt sich um ein großartiges Buch. Kafkas „Betrachtung“ wurde 1913 von Rowohlt verlegt. Nach zwölf Jahren waren 800 Stück verkauft – und später wurde er einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts. Was sollen wir mit Moden anfangen?

Aber ganz unabhängig davon sind Sie doch auch nicht, immerhin sind Sie mit 22 Jahren als Fotoreporterin von Hamburg nach New York gegangen, ein Zentrum der Avantgarde.

Ich wollte raus aus Deutschland. Ich wollte die genialsten Menschen der Welt treffen. Das war die Zeit von Ludwig Erhard, die Menschen waren sehr dumpf, sie hatten keine kulturellen, sondern nur wirtschaftliche Interessen, alle wollten ein Auto und einen Kühlschrank haben.

Das war die Zeit des Wirtschaftswunders.

Eine sehr spießige und apolitische Ära. Ich hatte das Gefühl, ein Land wie Amerika kann mir mehr geben als Deutschland. Kulturell war Deutschland vollkommen grau und uninteressant. Im New York der 50er Jahre hingegen versuchten alle Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen zu leben. Da wollte ich dabei sein. Ich konnte nur Schulenglisch, aber ich habe die Sprache dann richtig gelernt, indem ich Krimis von Agatha Christie im Original gelesen habe. Diese ungeheure Hektik in New York war ansteckend. Jeder rannte in der Stadt umher, wollte etwas schaffen. Ich hatte ja zuvor schon bei der Fotografin Rosmarie Pierer in Hamburg gearbeitet, in New York hatte ich dann meine Rolleiflex dabei. Und die Amerikaner waren sehr hilfsbereit. Journalisten haben mich an die Hand genommen, so nach dem Motto: „Wir wollen dem kleinen Mädchen jetzt mal die Stadt zeigen.“ Sie haben mich überallhin mitgenommen, wo man nur mit Presseeinladung hineinkam.

Was waren das für Feste?

Einmal war ich auf dem Ball des Herzogs von Windsor. Da habe ich mir vorher ein Ballkleid gekauft, so ein richtig ausladendes aus Tüll mit einer großen Stola. Unter der Stola versteckte ich die Kamera und den Akkumulator. Das waren damals vier Kilo, die man mit sich herumschleppen musste. Aber die Mühe hat sich gelohnt. In Deutschland konnte ich die Fotos wunderbar verkaufen. Da entstand beispielsweise das Foto mit dem jungen John F. Kennedy und Elizabeth Arden…

…der Gründerin des Kosmetikimperiums.

Man sieht sie auf dem Foto mit ungefähr einem Kilo Brillanten – und er flirtet mit ihr, weil er als Senator Geld braucht. Kennedy saß den gesamten Abend nur bei diesen alten Damen, die wie Weihnachtsbäume behangen waren und bezirzte sie. Ich fragte meine Freunde: „Wer ist denn das?“ Jeder sagte: „Ach, das ist so ein viel versprechender junger Mann.“ Aber den Namen kannte kaum einer.

Sie waren noch sehr jung und fotografierten berühmte Leute wie Gary Cooper, Marc Chagall und Simone de Beauvoir. Waren Sie da nicht manchmal nervös?

Nein, überhaupt nicht. Nur vor Hemingway hatte ich Angst. Der hatte eine fast mimosenhafte Aura. Er wusste genau, mit wem er sprechen wollte. Er wollte ja nicht einmal fotografiert werden.

Und wie kamen Sie dann an Hemingway heran?

Da half mir eine Empfehlung seines Verlegers Rowohlt. Ich erinnere mich an eine tolle Geschichte, als Hemingway nach dem Krieg in Berlin war. Ernst Rowohlt rannte in die nächstgelegene Buchhandlung und sagte: „Gebt mir mal zehn Mark aus der Kasse! Ich hab’ den Hemingway im Café sitzen, dem muss ich seine Tantiemen bezahlen.“ Damals hatte ja kaum ein Verleger viel Geld. Der schüttete Hemingway einen Tag lang mit Whiskey zu, bis er ihm am Abend das Geld übergeben konnte, das er aus verschiedensten Buchhandlungen zusammengeschnorrt hatte. Aber meine Lieblingsgeschichte ist eine mit James Baldwin…

… dem afroamerikanischen Schriftsteller, der mit „Giovannis Zimmer“ berühmt wurde.

Wir haben ihn in den frühen 60ern einmal nach Rom geholt, wo er ein Fernsehinterview geben sollte. Mein Mann Giangiacomo, die Journalisten und ich kamen vormittags ins Hotel, da sagte der Portier: „Herr Baldwin ist nicht hier und hat heute Nacht nicht hier geschlafen.“ Die Presse witterte sofort einen Skandal: ein Neger, schwul, ultralinks, einfach verschwunden. Wir waren verzweifelt. Die Polizei wollten wir nicht holen, also riefen wir am Nachmittag einige Freunde an – darunter der US-Schrifsteller Gore Vidal, der auch in Italien lebte. Ich fragte ihn vorsichtig: „Sag mal Gore, kennst du Restaurants in Rom, wo sich, sagen wir mal, amerikanische Schriftsteller gerne treffen?“ Er antwortete: „Du meinst schwule Restaurants.“ – „Ja.“ – „Solche Restaurants frequentiere ich nicht. Wie komme ich dazu? Das habe ich überhaupt nicht nötig.“ Er wurde richtig böse, und ich musste mich entschuldigen. Aber Baldwin blieb verschwunden.

Wann tauchte er wieder auf?

Zwei Tage später! Er war die Nacht zuvor noch in Rom herumgebummelt, da haben ihn zwei flotte Schweden in ein Auto eingeladen – und sind mit ihm an die Côte d’Azur gefahren. Er kam ganz happy wieder, als wäre nichts geschehen. Und wir saßen in Rom und befürchteten, dass Baldwin ermordet worden wäre!

Ihr Mann Giangiacomo Feltrinelli war berühmt für seine linke politische Gesinnung. Hatten Sie sich mit Politik beschäftigt, bevor Sie ihn kennen lernten?

Nein, aber das hat sich grundlegend geändert. Als ich 1960 nach Italien ging, wurde ich sofort in politische Diskussionen verwickelt. Mailand war ungeheuer faszinierend. Es gab keine Trennung zwischen Kapitalisten und Intellektuellen. Der Chefredakteur der kommunistischen Zeitung „L’Unità“ war ein schicker Mann in einem maßgeschneiderten Anzug. Ich lud ihn mit unserem guten Freund Roberto Olivetti ein...

…dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der Elektronikfirma Olivetti…

…sie diskutierten dann den ganzen Abend und umarmten sich, als sie gingen. Die Leute waren Antifaschisten – wenigstens die, die wir kannten. Die Widerstandskämpfer haben Italiens Kultur nach dem Krieg aufgebaut. Ich hatte mich zuvor nur für meine Karriere interessiert und verstand gar nichts von Politik. Am Anfang habe ich mich passiv beteiligt und viel zugehört. Dann begann ich langsam in die Gespräche einzusteigen, sagte meine Meinung zu politischen Kandidaten und habe viele Zeitungen gelesen.

Sie arbeiteten mit Ihrem Mann im Verlag. Woher kam Ihre Liebe zum Buch?

Gelesen habe ich immer viel. Meine Begegnung mit dem Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt 1953 war ausschlaggebend für meine Liebe zur amerikanischen Literatur. Er war mein „Guru“. Die Leidenschaft für Hemingway und viele Amerikaner der 30er Jahre hat er in mir geweckt.

Ab 1969 kämpfte Ihr Mann auf der Seite der extremen Linken, mietete konspirative Wohnungen, legte Waffenlager an. Und Sie ließ er einfach zurück?

Giangiacomo wollte die Welt verändern. Meine Welt war der Verlag, den ich bewahren wollte. Wir haben uns damals sehr gestritten.

In Ihr Tagebuch schrieben Sie damals : „Er ist verloren.“

Trotzdem sind wir bis ans Ende seines Lebens Freunde geblieben. Er hatte Recht, als er in den Untergrund ging. Er hatte Angst vor einem Coup der Rechten. Die politische Lage war ja sehr gespannt. Ultrarechte Parteien bereiteten sich mit Terroraktionen auf einen Umsturz in Italien vor. Denken Sie nur an die Verschwörung des Carabinieri-Generals Giovanni De Lorenzo.

Er plante 1964 einen Umsturz, der drei Jahre später aufgedeckt wurde. In diesem Klima ging Feltrinelli in den Untergrund. Er nahm eine andere Frau mit.

Das stimmt. Aber das waren zwei neue Welten, in denen wir lebten.

Feltrinelli starb unter nie geklärten Umständen bei dem Versuch, einen Hochspannungsmast nahe Mailand zu sprengen. Wie kamen Sie zurecht, als Sie plötzlich ganz alleine dastanden?

Meine Jugend als kleine Fotoreporterin hat mir sicher geholfen, nicht aufzugeben. In dieser Zeit habe ich den Grundsatz gefasst, mich jeden Tag neu zu erfinden, um vorwärts zu kommen. Aber schon als Giangiacomo in den Untergrund ging, war das eine große Verantwortung für mich, weil ich den Verlag weiterführte. Nicht allein, sondern mit von ihm ausgewählten Mitarbeitern. Wir waren ein Team. Es war eine harte Zeit, ich hatte außerdem einen kleinen Sohn, den ich erziehen musste. Aber es gab keinen anderen Weg. Ich habe das als Pflicht empfunden. Man hatte mich 1969 zu Giangiacomos Stellvertreterin gewählt, aber er war offiziell immer noch Präsident des Aufsichtsrates. Nach seinem furchtbaren Tod 1972 wurde ich Präsidentin. Mein Sohn Carlo ist jetzt der Verleger. Die großen Entscheidungen fällen wir zusammen. Aber er hasst öffentliche Auftritte und Präsentationen. Mir hingegen macht das Spaß.

Stammt von Ihnen die Idee, Feltrinelli auch als Buchhandelskette zu etablieren?

Wir wollten dem Verlag ein ökonomisches Rückgrat geben, die Idee mit den Buchhandlungen stammt noch von Giangiacomo. Als er gestorben ist, gab es sieben – in Kürze werden wir 86 Läden haben, weitere 18 sind in Vorbereitung. Die großen Mega-Stores sind eine Leistung meines Sohnes Carlo. Er hat verstanden, dass die kleinen Läden zwar wunderschön sind, aber nicht stimulierend genug für junge Leute. Daher mischte er ab den frühen 90ern die Feltrinelli-Buchhandlungen mit den Ricordi Media Stores, in denen es vor allem Musik gab.

Sie sagen, dass Sie sich nicht um Trends kümmern, aber geschäftstüchtig sind Sie offenbar.

Nein, nicht besonders. Ich bin ein guter Katalysator und kann Aufgaben delegieren. Aber für das Geschäftliche sind unsere Manager verantwortlich.

In den frühen 70ern stellten Sie das Programm des Verlags um – weg von der strikt linken Ausrichtung. War das eine Reaktion auf den Tod Ihres Mannes?

Nein, wir publizierten einfach am Publikum vorbei. Wir mussten uns von vielen Sachbüchern über den Marxismus, zum Beispiel über Probleme von Streiks in Kalabrien, lösen. Der Verlag brauchte eine Erweiterung.

Sie wandten sich Themen wie Ökologie und Feminismus zu und holten in den 70er Jahren viele Frauen in den Verlag. Sind sie die besseren Mitarbeiter?

Als ich anfing, gab es im ganzen Verlag zwei Frauen – das waren Sekretärinnen. Heute sind fast alle Redakteursposten mit Frauen besetzt. Männer sind im Umgang mit Autoren weniger sensibel. Einfach, weil sie eitler sind und unter einem Konkurrenzdruck stehen, den Frauen nicht haben. Dabei muss man mit Schriftstellern sehr diplomatisch umgehen.

Frau Feltrinelli, Sie haben den Großteil Ihres Lebens in Italien verbracht und bezeichnen sich als „milanese“ . Woran erkennt man eine Mailänderin?

Man ist solide, arbeitet viel und hart. Das berühmte Laisser-faire, das man den Italienern zuschreibt, gibt es nicht. Wenn wir nach Rom müssen, werden wir nach zwei Tagen wahnsinnig. Nichts klappt, alles ist so schwierig zu organisieren.

Mailand ist auch die Stadt, in der Silvio Berlusconi seinen Aufstieg in den 80er Jahren begann. Können Sie sich an den Berlusconi von damals erinnern?

Den hab ich ignoriert. Für uns war er ein Immobilienhändler. Ich erinnere mich nur, dass ich ihn auf einer Biennale in Venedig Mitte der 80er angegriffen habe. Auf einer Party sagte jemand: „Das ist Berlusconi, der hat gerade den Canale Quattro gekauft“, einen privaten Fernsehsender. Da lief damals nur „Dallas“. Ich habe ihm gesagt, dass er das Volk nicht so verdummen kann mit schlechtem Fernsehen, er solle doch mal eine anständige Sendung machen – zum Beispiel über Bücher. Wer soll das denn machen, hat er mich gefragt. Na, einer der begabtesten und witzigsten Leute in Italien, Umberto Eco, habe ich geantwortet. Da hat er nur gesagt: „Der ist zu teuer.“

Sagen wir, Sie treffen Umberto Eco heute auf einen Plausch. Fragen Sie sich, ob es ein Fehler war, Berlusconi nicht ernst genommen zu haben?

Nein, wir sprechen darüber, wie es sein wird, wenn Berlusconi nicht mehr Premier ist. Wir können diesen Mann einfach nicht ernst nehmen.

Sie haben Berlusconi einmal einen „glänzenden Verkäufer“ genannt. Können Sie sich so einen Mann bei Ihnen im Verlag vorstellen?

Nein. Wir brauchen zwar dringend gute Verkäufer, aber keine Egomanen.

Sie werden in diesem Jahr Ihren 75. Geburtstag feiern, und noch immer arbeiten Sie rund um die Uhr für den Verlag. Wann bleibt da Zeit zu lesen?

Die ganze Außenarbeit des Verlages liegt noch in meinen Händen. Aber wenn ich mal um acht Uhr ins Bett gehen kann und der Fernseher läuft ohne Ton, dann ist Lesen das Schönste für mich. Ich lese drei, vier Bücher gleichzeitig. Gerade habe ich das Buch von Simonetta Agnello Hornby gelesen, „Die Tante Marchesa“. Außerdem den letzten Band der Biografie über Graham Greene – ein Schriftsteller, der mich fasziniert. Es ärgert mich, dass er nie den Nobelpreis bekommen hat.

Ermüdet Sie die viele Arbeit nicht manchmal?

Ich rase unentwegt zu literarischen Veranstaltungen, dieser Tage zur London Book Fair und danach auf den Salon du Livre in Paris. Seit November bin ich auch im Stiftungsrat der Familie Unseld, der der Suhrkamp-Verlag gehört. Aber Reisen liegt mir im Blut. Es hält mich jung.

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