Zeitung Heute : Nur wer umkehrt, kommt zum Ziel

Der Weg in ein CO2-neutrales Zeitalter beginnt mit effektiver Technik und neuen Energiekonzepten

Biogas ohne Zukunft? Die Kürzung der Förderung von Strom aus Biogas soll laut Umweltministerium regional zu beobachtende „Fehlentwicklungen“ korrigieren. Die Förderung habe die Nachfrage nach Mais in einzelnen Regionen in die Höhe getrieben.Foto: Vario Images
Biogas ohne Zukunft? Die Kürzung der Förderung von Strom aus Biogas soll laut Umweltministerium regional zu beobachtende...Foto: vario-images

Vor mehr als fünf Jahren, am 30. Oktober 2006, gab der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank, Sir Nicholas Stern, in London eine Pressekonferenz. Er sprach zum Thema Klimaschäden, und seine Methode war ebenso einfach wie seine Botschaft: Er benannte die Probleme und übersetzte die entstehenden Schäden in eine uns allen vertraute Einheit – Geld. Mehr als fünf Billionen Euro dürfte es nach seiner Schätzung Jahr für Jahr kosten, wenn wir im gleichen Umfang wie bisher Klimagase freisetzen würden. Die Summe entspricht 20 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft.

Es mag traurig sein, dass viele Menschen diese Messlatte brauchten. Aber Sterns Zahl war in aller Munde und hat die Diskussion um den Klimawandel und die Lösungen vorangetrieben. Wohlgemerkt: die Diskussion, nicht die Lösung. Denn die Katastrophe ist uns viele Tonnen Treibgas näher gekommen. Die Emissionen in China sind seit 1990 um 300 Prozent auf heute 6000 Tonnen gestiegen. In den USA ist der CO2-Ausstoß im selben Zeitraum um 20 Prozent auf knapp 5800 Tonnen gewachsen. Deutschland liegt hinter Russland, Japan und Indien mit einem Anteil von 3,2 Prozent an sechster Stelle. Sechs Nationen, von denen allein die ersten beiden 40 Prozent des gesamten Treibgases produzieren.

Diese Zahlen und auch die Tendenzen sind nicht ermutigend. Noch immer ist die Welt weit entfernt von einer Senkung des Treibgasausstoßes. Dennoch ist in den fünf Jahren seit Sterns nüchterner Addition einiges in Bewegung gekommen. Die illegalen Abholzungen der Regenwälder gehen zurück. Der Emissionshandel nimmt Gestalt an. Indien treibt seinen ehrgeizigen Klima-Aktionsplan voran. China ist zum wichtigsten Markt für Solarenergie geworden und investiert massiv in erneuerbare Energien. Der Fokus effizienter Maßnahmen ist klarer geworden: Neue Angebote der Mobilität und Klimaschutz in den Metropolen.

Auch auf der Ebene der internationalen Zusammenarbeit zeigte sich nach der Katastrophe der Klimakonferenz in Kopenhagen ein winziger Hoffnungsschimmer. Der Nachfolger im mexikanischen Cancun drohte dramatisch zu scheitern – aber dann besannen sich die Beteiligten in letzter Minute auf eine gemeinsame Erklärung: Die Industrieländer erkannten die Ziele des Weltklimarats an, der bis zum Jahr 2020 eine weltweite Senkung der Treibhausgas-Emissionen um 25 bis 40 Prozent (im Vergleich zu 1990) fordert. Und die Erklärung drängt die Industrieländer zur Aufstockung ihrer Unterstützungsgelder. Für die nächsten drei Jahre soll eine Soforthilfe von 30 Milliarden Dollar in einen Fond für vom Klimawandel besonders betroffene Länder fließen. Ab 2020 soll die Summe auf jährlich 100 Milliarden Dollar steigen.

Ökonomisch ist der Klimawandel schon lange in den Fokus geraten: Immer mehr Unternehmen begreifen den Klimaschutz als einen Markt, mit dem sich gutes Geld verdienen lässt, und viele Kunden nehmen dieses Angebot an. Das zeigt unter anderem die Entwicklung auf dem Markt erneuerbarer Energien. Bezogen auf den gesamten Verbrauch an Wärme, Strom und Kraftstoffen übertraf ihr Anteil 2009 erstmals die Zehn-Prozent- Marke. Auch die Investitionen in Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien stiegen ungeachtet der Wirtschaftskrise auf ein Rekordhoch von über 20 Milliarden Euro. Der Ausbau des Marktes kommt, trotz sinkender Subventionen, rasch voran. Eine neue Studie zu „Kosten und Potenzialen der Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Deutschland“, in der über 300 klimaschonende Technologien bewertet werden, kam zu dem Ergebnis, dass bis 2020 etwa ein Drittel der Treibhausgase in Deutschland vermieden werden könnten – ohne Einbußen für das Wirtschaftswachstum.

Lange Zeit gab es unter Politikern, Umweltschützern und Klimaforschern nur eine Strategie zur Senkung der globalen Erwärmung: die radikale Senkung des CO2-Ausstoßes. Mittlerweile werden auch andere Stimmen laut. Nicht „Angst vor den negativen Effekten des Klimawandels“ dürfe die Debatte bestimmen, forderten beispielsweise die niederländischen Umweltexperten Pavel Kabat und Pier Vellinga im Fachblatt Nature. Der Wandel sei vielmehr eine „Gelegenheit für technische, institutionelle und gesellschaftliche Innovationen“.

Für den Briten Nicholas Stern ist die Strategie eine Frage des Geldes. Je rascher der CO2-Ausstoß gedrosselt wird, desto teurer wird es für die Weltwirtschaft. Er empfiehlt weniger ehrgeizige Ziele. Langfristig werde es reichen, den Anstieg des Kohlendioxid-Gehaltes der Atmosphäre von heute 380 ppm (parts per Million) nicht über 550 steigen zu lassen. Das werde die Menschheit ein Prozent ihrer Wirtschaftskraft kosten – ein Beitrag, der Stern „signifikant, aber handhabbar“ erscheint.

Ob die Umkehr gelingt, hängt allerdings mit dem Verhalten des Einzelnen zusammen. Und da gibt es viele Fragezeichen. Nur ein Beispiel: Pünktlich zur ersten Nachkrisen-Autoausstellung in Detroit ist der GMC Sierra All Terrain HD Concept mit seinen 397 PS, sechs Metern Länge und mehr als zwei Metern Höhe der Star unter den Neuwagen. Der Flirt mit sparsamen Kleinwagen, Hybrid- oder Elektroautos ist schon wieder vorbei. Die meisten Amerikaner lieben es groß, schwer und stark.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar