Zeitung Heute : Nusskuchen fürs Jenseits

Von Martin Kilian

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In Bezug auf die amerikanische Todesstrafe ist es stets ratsam, möglichst dumm und nicht erwachsen zu sein. Auch Sie sollten diesen wohlgemeinten Hinweis beherzigen, falls Ihnen bei Ihrer nächsten Reise über den Atlantik nach einem Kapitalverbrechen zumute ist. Denn neuerdings darf nicht mehr hingerichtet werden, wer vor dem 18.Geburtstag mordete. So verfügte es unlängst das Oberste Bundesgericht denkbar knapp mit fünf zu vier Richterstimmen.

Vielerorts kam diese Entscheidung, in deren Gefolge 72 Todesurteile für minderjährige Straftäter aufgehoben wurden, nicht gut an. Schließlich hatte Richter Anthony Kennedy die Mehrheitsentscheidung unter anderem mit dem „überwältigenden Gewicht der internationalen öffentlichen Meinung“ begründet – was amerikanische Konservative in weißglühende Rage versetzte. Internationale öffentliche Meinung? Wie bitte? Zur Hölle damit!

Wir hingegen (Sie bemerken hoffentlich den eleganten Gebrauch des Pluralis majestaticus?) applaudieren diesem Urteil, um sodann zum betrüblichen Teil überzugehen: dass Dummheit Sie zwar vor der Todesspritze rettet, eine Linderung selbiger Dummheit jedoch zum Tod führen kann. So etwa im Fall des Mörders Daryl Atkins aus Virginia: Vor drei Jahren entschied das Oberste Gericht auf eine Klage von Atkins, dass weder er noch andere geistig Behinderte hingerichtet werden dürfen. Bei Intelligenztests hatte es Atkins gerade mal auf einen Wert von 59 gebracht – kaum genug, sich die Schnürsenkel zu binden.

Jedenfalls wurden Verurteilte mit einem Intelligenzquotienten unter 70 künftig nicht mehr hingerichtet. Oder zumindest sollte wie bei Daryl Atkins in einem zusätzlichen Verfahren geklärt werden, wie dumm oder schlau sie wirklich waren, damit Hinrichtungen wie jene von Rickey Ray Rector fortan unterblieben. Rector hatte in Arkansas einen Polizisten ermordet und sich dann in den Kopf geschossen. Er überlebte und wurde trotz erheblicher mentaler Eintrübung zum Tode verurteilt.

Der große Humanitarier Bill Clinton, damals Gouverneur von Arkansas, hätte die Exekution verhindern können, wollte sich aber zu Beginn des Präsidentschaftskampfes 1992 als Befürworter von Recht und Ordnung profilieren, worauf Rector getötet wurde. Bei seiner Henkersmahlzeit hatte er angekündigt, sich den Nusskuchen „für später“ aufheben zu wollen.

Niemand aber kann Nusskuchen ins Jenseits mitnehmen, womit bewiesen war, dass Rickey Ray Rector nicht verstand, welche Himmelfahrt ihn erwartete. Ein Hammer der Extraklasse, aber kaum skandalöser als das, was Daryl Atkins widerfuhr. Der wurde im Lauf der Jahre hinter Gittern nämlich schlauer, weshalb im Staat Virginia nun entschieden wird, ob Daryl Atkins doch noch sterben muss. Statt täglich im Fernsehen dämliche Reality Shows anzustieren, was bekanntlich blöde macht, verbrachte Atkins viel Zeit mit seinen Anwälten, vertiefte sich in die Jurisprudenz – und legte im Oberstübchen kräftig zu.

Ein Test für die Verteidigung ergab einen Intelligenzquotienten von 74, die Staatsanwaltschaft ermittelte kürzlich sogar 76. Atkins, so der Psychologe Dr. Evan Nelson, sei durch die Arbeit mit den Advokaten intellektuell „stimuliert“ worden und habe Lese- wie Schreibfertigkeit verbessert. Jetzt aber könnte ihm diese wundersame Aufhellung seines Verstands zum Verhängnis werden. So spielt das Leben: Man bildet sich fort, wird klüger – und schwupps, schon wird man hingerichtet.

Dank seines IQs von 74 weiß Todeskandidat Atkins natürlich, dass es nicht lohnt, sich den Nusskuchen „für später“ vom Munde abzusparen. 59: Dumm und am Leben. 76: Immer noch dumm, aber tot. Da bleibt einem der Nusskuchen fürwahr im Halse stecken. Mit Gerechtigkeit hat derlei Willkür nichts zu tun. Eher schon kommt Justitia hier als veritable Freak-Show daher. Und nicht den Verurteilten fällt dabei die Rolle der Freaks zu, sondern ihren Henkern.

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