Zeitung Heute : Nymphen und Giganten

Studenten geben ein reich illustriertes Buch zur Museumsgeschichte heraus

Sybille Nitsche

Der Aufstand verlief vorerst im Stillen, in Archiven und Bibliotheken, an Schreibtischen und in Seminarräumen: Zwölf Studenten und eine Professorin der TU Berlin machten sich daran, einem wissenschaftlichen Postulat einen weiteren Hieb zu versetzen. Mittlerweile ist das Ergebnis der Revolte publik – in Gestalt eines reich bebilderten, über 500 Seiten starken Buches. „Tempel der Kunst. Die Entstehung des öffentlichen Museums in Deutschland von 1701 bis 1815“ heißt es und bietet eine detaillierte Beschreibung der Museen in Deutschland im 18. Jahrhundert.

Die Provokation, die in dem scheinbar harmlosen Untertitel steckt, erschließt sich vielleicht nur dem Kenner der Museumsgeschichte. Aber das Buch ist eine subtile Attacke auf die rund 200 Jahre alte Lehrmeinung, dass der Louvre das erste öffentliche Museum Europas sei.

Das ehemalige Königsschloss wurde 1793 für die Bevölkerung geöffnet, als ein Akt der bürgerlichen Befreiung während der Französischen Revolution. „Dass auch königliche Sammlungen oder Galerien am Hofe eines Fürsten im 18. Jahrhundert in Europa durchaus Merkmale eines öffentlichen Museums zeigten, diese Auffassung wurde noch bis vor zehn Jahren kaum zugelassen“, sagt Bénédicte Savoy, Juniorprofessorin für Kunstgeschichte an der TU Berlin und Leiterin des Projektes. „Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass es in Deutschland vor 1793 bereits Galerien gab, die keineswegs nur einem erlauchten Kreis von Adligen, sondern auch dem gemeinen Volk den Blick auf eine entblößte Fessel, barbusige Nymphen und muskelprotzende Giganten gewährten“, ergänzt TU-Student David Blankenstein.

Als Bénédicte Savoy zu Napoleons Beutekunst in Deutschland forschte und zusammentrug, was der Feldherr alles nach Paris geschleppt hatte, bemerkte sie, dass ihr für ihre Arbeit etwas Entscheidendes fehlte: eine Beschreibung der Museen, bevor Napoleon die Kunstsammlungen deutscher Fürsten auseinander riss.

Diese Beschreibung liegt nun vor. Um eine fest gefügte Lehrmeinung zu stürzen, bedarf es hieb- und stichfester Beweise. „Zwei Jahre lang haben wir alte Reiseberichte durchforstet und abgeschrieben, uns durch Bücherberge gewühlt, uns mit der Frakturschrift abgequält und gelernt, die Fehlermeldungen des Korrekturprogramms im Computer zu ignorieren, das mit der Rechtschreibung des 18. Jahrhunderts völlig überfordert war“, erzählt Blankenstein.

Das Buch geriet zum Abenteuer, weil es für die zwölf Studenten das erste Buch war, das sie schrieben, und „nicht mal nur so eine Hausarbeit“, wie Blankenstein berichtet. „Die Texte führen durch 13 Sammlungen. Dazu gehören die nicht mehr existierende Gemäldegalerie in Salzdahlum bei Braunschweig, die Dresdner Antikensammlung oder das Museum Fridericianum in Kassel. Sie mussten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen und stilistisch tadellos sein.“ Da hat so mancher der Autoren seinen Text nicht nur einmal geschrieben. „Wir haben jedoch nicht nur eine unersetzliche Materialsammlung vorgelegt, sondern der Forschung eine Quelle neu erschlossen – die Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts“, erläutert Blankenstein. „Das war eine Wahnsinnsarbeit." Fast 200 Auszüge aus Reisebeschreibungen sind nun in dem Band versammelt. Um diesen Schatz zu heben, fuhren die Studenten vor zwei Jahren in das abgeschiedene Städtchen Eutin im Osten Holsteins und vergruben sich in die Aufzeichnungen eines Zacharias Conrad von Uffenbach oder eines August Joseph Ludwig von Wackerbarth. In Eutin befindet sich eine Sammlung historischer Reiseliteratur aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. „Für ihre Arbeit gewissermaßen geadelt wurden die Studenten, weil Edouard Pommier, einer der besten Kenner der europäischen Museumsgeschichte uns erlaubte, einen seiner Aufsätze in unserem Band zu publizieren“, erzählt Bénédicte Savoy. Bei der Präsentation des neuen Buches vor der Richard-Schöne-Gesellschaft für Museumsgeschichte jüngst in Berlin hieß es zudem höchst anerkennend, es sei ein „äußerst wichtiges Handbuch für den Museologen“ entstanden.

Für David Blankenstein hat das Buch darüber hinaus eine ganz persönliche Bedeutung. Er weiß jetzt, dass er Kurator werden will. „Ich habe durch die Arbeit so viel Selbstvertrauen gewonnen, dass ich danach den Mut hatte, ein museologisches Forschungsprojekt in Kanada in Angriff zu nehmen“, sagt er.

Das Buch „Tempel der Kunst“ ist im Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein, erschienen. Es kostet 59 Euro. ISBN-13: 978-3-8053-3637-6.

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