Zeitung Heute : Oasen in der Bleiwüste

Zwei Blicke zurück und einer nach vorn: Die ersten Fotos im Tagesspiegel zeigten dem Leser eine ihm unbekannte Welt

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Am Anfang war das Wort, und nichts als das Wort, schwarz auf weißem Papier. Dicht gedrängt schoben sich die Buchstaben in vier Säulen auf den Zeitungsseiten nach oben, unterbrochen und gekrönt nur durch Überschriften von maßvoller Größe, an denen das Auge immer wieder abzugleiten und orientierungslos umherzuirren drohte. Kein Bild – nirgends.

Wie euphorisch man auch die Gründerväter des Tagesspiegels und ihre Leistung beurteilen mag, auf die ästhetische Qualität ihres Produkts, kulinarische Blattgestaltung, optische Leseanreize haben sie anfangs nichts gegeben, das war wohl auch nicht das Wichtigste zu dieser frühen Stunde. Eher galt es, den journalistischen Blick auszubalancieren zwischen Vergangenheit und Zukunft Deutschlands und der Welt. Zum Beispiel auf der ersten Titelseite vom 27. September 1945 Hitlers Plan „Seelöwe“ und die künftige Struktur des deutschen Föderalismus zusammenzuzwingen.

Ein Dualismus, der auch die Auswahl der ersten Fotos prägte, die man schon nach nicht mal zwei Monaten ins Blatt rückte. Bis dahin war das eine unendliche Bleiwüste, in der nun plötzlich, am 18. November 1945, die erste optische Oase auftauchte: „Majestätisch, wuchtig, schön: die weltberühmte ,Himmelslinie‘ von New York“. Ein Anfang, und wenngleich mehr Himmel als alles andere zu sehen war – es war doch der Himmel über New York. Jener Stadt, in der sich die vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten Amerikas zu bündeln schienen, fast synonym mit dem American Way of Life, dessen Segnungen Zigarette für Zigarette, Schokolade für Schokolade, Nylonstrumpf für Nylonstrumpf auf das geschundene Deutschland niederzuregnen begannen. Gestern hatten die Trümmer Berlins noch geraucht, heute blickte man schon, bislang nur in der Zeitung, auf die Skyline Manhattans, morgen würde man vielleicht selbst hinreisen.

Doch nicht allein die Lust auf Ferne wurde angesprochen, das Foto erfüllte zugleich einen pädagogischen Zweck. Die „Himmelslinie“ stand auch für die Segnungen der Demokratie, schließlich hatte dort – die Reportage unter dem Foto schilderte es anschaulich – kurz zuvor die Wahl des Bürgermeisters von New York stattgefunden, eine im Lande Hitlers in Vergessenheit geratene Prozedur.

Nur drei Tage später folgte das zweite Foto im Tagesspiegel: die Reproduktion eines Gemäldes. Gegensätzlicher könnte die Motivwahl kaum sein. Dem optimistischen Blick nach vorn folgte das fassungslose Starren zurück, auf ein Bildnis Hermann Görings, geschaffen von Klaus Richter. Wieder illustrierte die Aufnahme einen beistehenden Text, in dem Wesenszüge des „unbekannten Göring“ skizziert wurden, die zu schildern wenige Monate zuvor noch den Kopf gekostet hätte. Wie das Bild, eine schonungslose Charakterstudie, entstanden war, wie es ins Blatt gelangte, blieb offen, obwohl dies spannend genug gewesen wäre. Richter hatte 1941 den Auftrag angenommen, Göring für ein neues Luftwaffen-Kasino zu porträtieren, sich aber eine persönliche Sitzung des Reichsmarschalls ausbedungen. Der 1887 in Berlin geborene, 1948 hier auch gestorbene Richter, Corinth-Schüler, Mitglied der Berliner und der Freien Secession, 1937 bis 1940 Vorsitzender des Vereins Berliner Künstler, war damals als Porträtist beliebt, hatte sich zudem mit NS-Propagandakunst und strammer Gesinnung bei den Machthabern beliebt gemacht. Ende August 1941 wurde ein Treffen mit Göring im Führerhauptquartier vereinbart, es dauerte zwei Stunden. Richter hatte es verstanden, Göring, der solche Sitzungen hasste, mit Anekdoten über Tizian, Cranach und deren Modell Karl V. zu unterhalten, der Vergleich dürfte ihm geschmeichelt haben. Göring gestattete es seinem Porträtisten sogar, am Nachmittag versteckt an einem Treffen mit Hitler und dem Duce teilzunehmen, die zu einem Kurzbesuch ins Hauptquartier nach Ostpreußen gekommen waren. Dabei entstanden Skizzen des über die Juden tobenden Hitler, die Richter später in zwei Bildern ausführte. Sie gerieten noch schonungsloser als das Göring-Porträt, das übrigens nie abgeliefert wurde.

Es zählt jetzt zum Bestand des Stadtmuseums Berlin, bei Kriegsende gehörte es noch dem Künstler. Der Kontakt zum Tagesspiegel, so vermutet Dominik Bartmann, im Museum verantwortlich für die bildende Kunst, kam über Edwin Redslob zustande, einen der Tagesspiegel-Gründungsväter, der als Kunsthistoriker und ehemaliger Reichskunstwart Richter sicher kannte. Zudem weiß Bartmann von einem Porträt Redslobs, das Richter einmal gemalt hat.

Auch die dritte Illustration im Tagesspiegel, erschienen am 24. November 1945, setzte sich mit jüngster deutscher Vergangenheit auseinander: dreimal Eva Braun, offiziell und privat, dabei neckisch über die nackte Schulter lächelnd, zweimal Hitler-Memorabilia, die Uniform vom 20. Juli 1944 und ein Aufnäher des Berliner Schneiders. Erneut geht es um eine dunkle Seite des NS-Regimes, war doch Eva Braun, wie erläutert wird, die „Frau, die jahrelang im Schatten, völlig unbekannt und unerkannt das Leben mit Hitler teilte“. Zweifellos habe sie bei Hitlers Entscheidung, in Berlin zu bleiben, eine wichtige Rolle gespielt – und damit den Krieg indirekt verkürzt, der sich bei einer „Verteidigung des erweiterten Obersalzberggebietes“ noch jahrelang hingezogen hätte. Eva Braun soll also auf dem europäischen Kriegsschauplatz eine ähnliche Funktion gehabt haben wie die Atombombe in Asien? Eine kuriose Interpretation im frühen Tagesspiegel. Vor der Geschichtsschreibung hatte sie keinen Bestand.

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