Zeitung Heute : Ob du’n Weib bist oder Mann

REIMZEIT Sigrid Grajeks Hommage an Claire Waldoff „Ich will aber gerade vom Leben singen ...“.

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Wejen Emil seine unanständige Lust





Mein Emil der meckert mir so bregenklötrich an,

mein Emil, der kennt keene Scham.

Mein Emil, der sagt mir: Ick bin ja nu dein Mann, /und ick möchte von die Ehe ooch wat ham.

Ick möchte dir hübscher und niedlicher,

mit eenem Wort appetitlicher,

da würde ick mir viel mehr amüsiern,

jeh zum Doktor, sagt er, laß dir operiern!

Ick laß mir nicht die Neese verpatzen

wegen Emil seine unanständige Lust,

ick laß mir nicht das Fett aus de Oberschenkel kratzen

wegen Emil seine unanständige Lust.

Wie ick bin hat der Emil schon immer jewußt,

na, da hätter mir eben nich nehmen jemußt.

Ick lasse keenen Doktor ran an meine Brust

wegen Emil seine unanständige Lust.

Die Emma von Meiers jing zu Doktor

Veilchenfeld

und ließ sich uff hübsch operiern.

Die dusslige Emma jab dem Veilchenfeld

ihr Jeld,

und nu gloobtse kann se jeden Mann

verführn.

Man hat ihr vermanscht inne Charité,

die war ja schon mies, aber nu erst, nee.

Jetzt hat die'n Bauch wie'n Kerl, haha,

und ’n Podex wie'n sechzehnjähriges Girl.

Ick laß mir nicht die Neese verpatzen

wegen Emil seine unanständige Lust ...

Ick würde doch mein Leben nich zu so'n

Doktor geh'n,

ick hab für so'n Blödsinn keen Jeld.

Ick denk darüber nach und ick kann det nich versteh'n,

wieso euch Männer so'n vermanschtet Ding jefällt.

Aus Liebe ans Messer? Da lach ick nur,

'n richtiger Mann sagt: Ick will Natur!

Und macht er nich von selber hmtamatam,

da hilft euch ooch de neue Brust nich uff'n Damm.

Ick laß mir nicht die Neese verpatzen

wegen Emil seine unanständige Lust ...

9.5., 29 Uhr

BKA-Theater

Sie kam von Gelsenkirchen nach Berlin, um zu einer echten Icke-Ikone zu werden. Claire Waldoff vertritt den freiheitlichen Geist der „wilden Zwanziger“ an vorderster Kabarettfront. Auf der Bühne wie im richtigen Leben kultivierte sie den „kessen Vater“, jenes androgyne Nachtschattengewächs, das sie im Chanson „Hannelore“ von Horst Platen und Willy Hagen besang: „Keiner unterscheiden kann, ob du'n Weib bist oder Mann“. Heute, da der lesbische oder schwule Habitus normaler Bestandteil des Alltags ist, führt Sigrid Grajek mit Herrenhaarschnitt, schmalem Schlips und Stefanie Rediske am Klavier durchs Leben der libertären Claire – befreundet mit Zille und Tucholsky, umjubelt, umstritten und von Goebbels ausgebremst, bis sie sich Ende der 1930er-Jahre mit ihrer Lebensgefährtin nach Bayern zurückzog. Trefflich interpretiert Grajek 22 Waldoff-Lieder – kaum bekannte oder Knüller wie der hier abgedruckte von Paul Strasser und Julian Arendt – ohne der Versuchung zur Imitation zu erliegen. Die ausgebildete Schauspielerin, die auch als Comedyfigur Coco Lores unterwegs ist, denkt nicht daran, mit Claires bekanntem Krähen („Hermann heeeßt er ...“) in die Parodie abzurutschen. Gut so! eNTe

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