Obama : Am Ziel

Triumph und Tragik, Hoffnungen, Ärger und Fragen - das brachte der Dienstagabend den Amerikanern. Dabei ging fast unter, dass es auch ein Dienstagabend war, der Geschichte schrieb Als sie endet, sind die Beobachter erst verblüfft, dann verärgert.

Christoph Marschall[Washington]
Obama
Stiller Sieg. Nach dem Sieg gegen Clinton will sich Barack Obama nun auf John McCain konzentrieren. -Foto: AFP

Am Ende fiel die Entscheidung viel schneller als erwartet. Doch dann kam alles noch einmal ganz anders. Und seitdem versuchen Bürger und Medien sich einen Reim auf das alles zu machen.

Die erste Überraschung des Abends: Die letzten beiden Vorwahlen spielten keine Rolle mehr für die Kandidatenkür, denn die Superdelegierten griffen früher als prognostiziert in den Ablauf ein. Am Morgen des letzten Tages in diesem Auswahlprozess, der sich über quälend lange fünf Monate hingezogen hatte, brauchte Barack Obama noch 41 Delegiertenstimmen für die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Kurz bevor die Wahllokale in Montana und South Dakota schlossen, fehlten ihm nur noch vier. Im Stundentakt hatten sich weitere Superdelegierte auf seine Seite gestellt.

Seit Tagen wusste Amerika: Hillary Clinton kann ihm die Kandidatur nicht mehr nehmen. Zum ersten Mal in der Geschichte der USA stellt eine der beiden großen Parteien einen Afroamerikaner an die Spitze. Gut 140 Jahre nach Abschaffung er Sklaverei und gut 40 Jahre, nachdem die Schwarzen die vollen Bürgerrechte bekommen hatten, wollen die Demokraten einen Mann mit dunkler Hautfarbe zum Präsidenten machen. Das wäre die historische Vollendung des langen Kampfs um Freiheit und Gleichberechtigung.

Besonders hartnäckige Politikfans hatten sich einen Spaß daraus gemacht, die dramaturgischen Bögen der beiden Reden zu karikieren, die Clinton und Obama nach der Entscheidung halten würden. Die USA haben gewisse Traditionen, was man in solchen Situationen sagt: Wie großartig das Rennen und wie großartig der Gegner war – die Partei dürfe sich glücklich schätzen, solche Persönlichkeiten in ihren Reihen zu wissen. Was auch immer es an Verletzungen gegeben haben mag, nun werden die Reihen geschlossen, denn bei der Hauptwahl im Herbst geht es gegen das andere Lager. Auch die Reihenfolge gehört zum Ritual: Erst spricht die Unterlegene, dann der Sieger.

Die zweite Überraschung ging fast unter: der regionale Favoritensturz in South Dakota. Nach den Prognosen hätte Obama dort gewinnen sollen, aber von Beginn der Auszählung an übernahm Hillary Clinton die Führung und gab sie nicht mehr ab. Es ist eine weitere Warnung an die Demokraten: Nach sieben Jahren unter George W. Bush sehnt sich Amerika zwar nach einem Wechsel, aber Obama steht kein strahlender Siegeszug bevor. Er stößt auf vielfältige Vorbehalte. Der Nutznießer des langen und zeitweise erbitterten Wettstreits zwischen Clinton und Obama könnte am Ende der Republikaner John McCain sein. Sein Bild und seine Botschaft verbreiten die Fernsehsender, als sie am Dienstagabend den Countdown bis zur Schließung der Wahllokale in South Dakota herunterzählen: McCain spricht parallel in South Carolina und wettert gegen Obama. Der verspreche in betörenden Wortgirlanden die Wende, aber man könne ihm nicht trauen. Vor Wochen schon haben die Republikaner vom parteiinternen Vorwahlkampf um die Kandidatur auf Hauptwahlkampf gegen die Demokraten umgeschaltet.

Doch South Dakota, Montana und die McCain-Rede in South Carolina sind für die Fernsehmoderatoren nur bessere Pausenfüller an diesen Abend. Die beiden Hauptschauplätze für sie sind New York, wo Hillary Clinton sprechen soll, und St. Paul in Minnesota, wo Obama den Abend verbringt. Was gibt es Schöneres für die Einschaltquote als Triumph und Tragik?

Um 21 Uhr 30 Ostküstenzeit tritt Hillary Clinton mit Ehemann Bill und Tochter Chelsea unter ohrenbetäubendem Jubel ihrer Anhänger auf die Bühne in New York. Im schwarzen Anzug sieht er ein wenig danach aus, als trage er Trauer. Doch den Eindruck konterkariert sie im marineblauen Kostüm, vor allem aber mit einem breiten, strahlenden Lächeln, das beide Zahnreihen freilegt.

Ihre Eingangsworte folgen der Erwartung. Sie gratuliert Barack Obama – freilich nicht zum Sieg, sondern zu seinem „außergewöhnlichen Wahlkampf“. Sie nennt es „eine Ehre“, dass sie gegen einen so großartigen Kontrahenten antreten durfte – und sie bezeichnet Obama als „meinen Freund“. Einen Augenblick lang könnte man wirklich meinen, sie rufe zur Versöhnung auf und wolle, dass sich die Partei hinter dem Kandidaten Obama vereine. Doch je länger sie spricht, umso klarer wird: Sie hält keine traditionelle „concession speech“, mit der Unterlegene ihre Niederlage eingestehen. Sie zeichnet eine politische Karte der USA, die nur eine Siegerin kennt: Hillary Clinton. Sie spricht von den 18 Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern, die ihr die Stimme in den Vorwahlen gegeben haben. Sie nennt nur die Staaten, wo sie gewonnen hat, unterschlägt aber die weit größere Zahl von Regionen, wo Obama vorne lag.

Spätestens, als Clinton die Frage „Wer ist der beste Kandidat?“ zum entscheidenden Wahlmotiv ausruft und jede Stimme für sich als „Gebet für unsere Nation und ihre Zukunft“ interpretiert, ist die dritte und größte Überraschung dieses Abends absehbar. „Wir machen weiter, um das Weiße Haus zurückzuerobern.“ Sie werde „heute Abend keine Entscheidung“ treffen. Das enttäuscht alle, die auf eine Unterwerfungsrede im Interesse der Partei gehofft hatten, begeistert aber ihre in New York versammelten Fans. Die skandieren nun: „Denver! Denver! Denver!“ Sie soll also nicht aufgeben, sondern die Entscheidung nach Denver tragen, den Schauplatz des Nominierungsparteitages in der letzten Augustwoche.

Kann sie wirklich hoffen, die Superdelegierten umzustimmen, die sich in großer Mehrheit für Obama ausgesprochen haben? Gewiss, sie dürfen ihre Entscheidung bis zur letzten Minute ändern. Aber warum sollten sie das tun? Dann folgt der Aufruf zur offenen Rebellion gegen das Vorwahlergebnis. Ihre Anhänger sollten ihr doch, bitte, E-Mails schreiben, wie sie sich verhalten solle. Es klingt nicht so, als rechne sie mit Millionen Zuschriften, Obamas Sieg endlich anzuerkennen.

In den Fernsehstudios reagieren die Moderatoren und ihre Studiogäste erst mit Verblüffung, dann mit Ungläubigkeit, schließlich sogar mit Ärger. Warum verweigert sie die gute Tradition, warum spaltet sie die Partei? Was will Hillary erreichen: Obama zwingen, sie zur Vizepräsidentin zu machen? Oder zur Sonderbeauftragten für die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung? Oder die Zusage einer besonderen Machtstellung im Senat als Preis für ihren Rückzug, um von da aus die nächste Kandidatur 2012 oder 2016 anzustreben? Dann retten sich die Interpreten in Sarkasmus: Immerhin sei Clinton nicht so weit gegangen, Obama die Vizepräsidentschaft anzubieten.

Doch schon schalten die Sender zum nächsten Schauplatz und zum Sieger. Die Halle in St. Paul, Minnesota, ist zum Bersten gefüllt: 18 000 jubeln drinnen, noch einmal 15 000 draußen vor den Toren. Hand in Hand mit seiner Frau schlendert Obama ans Mikrofon. Michelle trägt ein Kleid in Pink und eine dicke Perlenkette. Wie Hillary bedient auch er sich aus den bekannten Elementen seiner Wahlkampfreden in den zurückliegenden 16 Monaten, aufgehängt an den Schlüsselvokabeln „change“ und „hope“. Amerika braucht eine neue politische Richtung. „Weil ihr euch nicht von Zweifeln leiten lasst, sondern von Hoffnung, kann ich heute Abend hier stehen und sagen: Ich werde der Präsidentschaftskandidat der Demokraten sein.“

Die folgenden 25 Minuten sind ein einziges Werben um die Einheit der Partei, um Hillarys Wähler und um die offizielle Unterstützung durch seine Kontrahentin. Obama lobt Clinton in den höchsten Tönen. Eine „Freundin“, eine „Patriotin“ sei sie. „Sie hat schon jetzt Geschichte geschrieben“, und wenn Amerika demnächst eine allgemeine Krankenversicherung einführe, dann „wird dieser Sieg im Kern ihr Erfolg“ sein.

Doch die Vizepräsidentschaft bietet er ihr nicht an. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Michelle kategorisch dagegen ist – nach all dem Gift, dass Hillary und Bill Clinton im Vorwahlkampf gegen ihren Mann verspritzt haben. Die politischen Berater sind geteilter Meinung, ob der Nutzen eines Obama-Clinton-„Tickets“ die Risiken überwiegen. Sie könnte ihre Anhängerschaft, die wohl sonst zumindest teilweise am Wahltag zu Hause bleibt, für Obama erwärmen. Aber Bill mit seinen Frauengeschichten und rapide sinkenden Sympathiewerten gilt als Belastung. Und ein Vizeposten für Hillary würde auch viele abschrecken, die sich nur deshalb neuerdings für Politik interessieren, weil Obama einen ganz neuen Stil verspricht. Die Clintons gelten als Repräsentanten von „old politics“ – und die soll Obama nach dem Willen vieler Fans doch gerade beenden.

Doch davon spricht der Sieger an diesem Abend nicht. Die Partei, sagt Obama, sei nicht gespalten. Dank eines großartigen Vorwahlkampfs mit „dem besten Kandidatenfeld, das wir je hatten“, seien die Demokraten „so stark wie nie zuvor“. Ein paar Breitseiten gegen McCain sind auch dabei: Anstatt zu fragen, wie oft Obama die US-Soldaten im Irak besucht habe, solle der doch mal jene Städte Amerikas besuchen, die unter der Wirtschaftskrise leiden und denen die im Irak verschwendeten Steuermilliarden fehlen.

Obama greift tief in die Gefühlskiste, verspricht keine leichte, strahlende Zukunft, sondern Blut, Schweiß und Tränen. Amerika müsse sich jetzt an den größten Herausforderungen seiner Geschichte orientieren: Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten, Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, Bürgerrechtsbewegung – und über sich selbst hinauswachsen wie die Generationen damals. „It’s our time!“ Jetzt „liegt es an unserer Generation, eine bessere Welt und ein besseres Amerika zu hinterlassen, als wir übernommen haben“.

Das Rededuell gegen John McCain an diesem Abend hat Obama klar gewonnen. Das war keine Überraschung. Ein Berater der Republikaner stöhnte hinterher, die Präsidentenwahl sei Gott sei Dank kein Redewettbewerb, sonst müssten sich die Republikaner ernste Sorgen machen. Für den Augenblick ist das größte Hindernis auf Obamas Weg ins Weiße Haus nicht John McCain, sondern Hillary Clinton. Wie soll er ohne ihre Unterstützung und die ihrer 18 Millionen Vorwahl-Wähler die Hauptwahl gewinnen? Einerseits. Und andererseits: Kann er überhaupt gewinnen, wenn er sie zu seiner Vize macht? Die Republikaner haben Tonnen an Angriffsmaterial gegen die Clintons bereit liegen. Auch das ist keine Überraschung.

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