Obama : Spaziergang bei Nacht

Präsident Obama und die Last der Entscheidungen – eine fiktive Kurzgeschichte von Adam Haslett

Adam Haslett

Er öffnete die Tür, die vom Flur des Westflügels zum Säulengang führte, und ließ Jones vor ihm hinaus treten. Schon spürte er, wie sich die Haut seines Hinterkopfs löste und sein Kiefer sich entspannte. Die freudige Erwartung allein brachte schon Erleichterung.

Während sie einige Schritte den Gang entlang gingen, zog der sich verdunkelnde Südrasen ihre Blicke an und lenkte sie auf den angestrahlten Obelisken unten auf der National Mall. Die Stadt war still.

„Keine leichte Entscheidung“, sagte Jones, seine Hände hinter dem Rücken verschränkt.

Der Präsident nickte. In seiner Jacketttasche rollte er den Filter der Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger. Reggie war heute nicht da, da war es nicht leicht gewesen, an eine ranzukommen. Vor ein paar Stunden, gegen Mitternacht, wollte er im Schreibtisch seiner Sekretärin suchen, aber der war abgeschlossen. Er hatte sich gerade in Richtung der Kommunikationsabteilung aufgemacht, wo ein Berater, der oft bis spät arbeitete, ihm schon oft ausgeholfen hatte, da wurde er von Summers abgefangen, der neue Zahlen über Großhandelslagerbestände im Südwesten unterm Arm trug und dem noch nicht mal aufgefallen wäre, dass er es eilig hatte, wenn er ihn in einem Trainingsanzug joggen gesehen hätte. Bis Larry die Tragweite der Zahlen dargelegt hatte, konnte er über seine Schulter hinweg schon Jones sehen, der ihm bedeutete, dass sie ihn unten bräuchten.

„Die Jungs in Greenwich Village – wie lange sind die schon under cover für uns unterwegs?“, fragte er und spielte mit dem Feuerzeug in seiner anderen Tasche. Wie lange wohl seine Vorgänger, diejenigen, die nicht Chef der CIA gewesen waren, gebraucht hatten, sich daran zu gewöhnen, Sachen zu sagen, die aus einem Bond-Film stammen könnten? Der Job verlangte praktisch unendlich viele Rollen von ihm. Und jede musste bis zur Perfektion gespielt werden. Zu überzeugen und hinter den Worten zu stehen und jedes Publikum besser zu kennen, als es sich selbst kennt – das war die Gabe. Es war die Fähigkeit, seine eigenen Vorlieben zu kennen und ihm so Zeit zu geben, kurz innezuhalten und andere zuerst ins Rampenlicht treten zu lassen, während er abschätzte, wie viel seiner selbst er diesmal geben sollte, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Gedanken, die er jetzt nicht mitteilen konnte – Jim Jones hatte kaum Sinn für Ironie. Ein Mann, der es in Washington und bei den Marines zu etwas gebracht hatte. Ein fester Teil des Systems. Und bei seinen knapp zwei Metern einer der wenigen Berater, dessen Augenhöhe nicht unter seiner lag.

„Ein Jahr“, sagte Jones. „Und das Video ist glasklar. Die Bestätigung ist überflüssig.“

In dieser stillen Herbstnacht lag hier im Garten ein zarter Duft spätblühender Rosen in der Luft.

Der Krieg ging weiter, gab ihm keine Atempause. Es war jetzt über zwei Monate her, dass er McChrystals Bericht bekommen hatte. Seit Wochen belagerten ihn seine Berater mit widersprüchlichen Aussagen darüber, was ihn auf der anderen Seite einer Entscheidung erwartete, und währenddessen brachen immer mehr Notfälle und Tragödien über ihn herein. Und Entscheidungen wie die, vor der er jetzt stand.

„Im Juni habe ich hier feierlich ein Gesetz unterzeichnet“, sagte der Präsident. „Den Family Smoking Prevention and Tobacco Control Act. Haben Sie davon zufällig was mitbekommen?“

„Nein, Sir“, sagte Jones.

„Keine Werbung innerhalb von 300 Metern von Schulen und süße Geschmacksrichtungen sind verboten. Mit zehn Füllern habe ich das unterschrieben.“

Jones nickte.

„Rauchen Sie?“

„Früher mal.“

„Ich würde Ihnen eine anbieten“, sagte er und zückte die Zigarette, „aber ich habe nur die eine.“

Die Vorfreude war herrlich. Die Rechte schützend um das Ende der Zigarette gehalten zündete er sie mit der Linken an. Zuerst kam die Hitze auf den Lippen, dann die Wärme im Mund, und dann, ganz langsam, füllten sich seine Lungen. Ein tiefer, genussvoller Zug, und sofort stieg eine Ruhe in ihm auf, die vom Nacken ausging und sich wie ein Schwall herrlich kühles Wasser über sein aufgeheiztes Hirn ergoss. Endlich – für einen erlösenden Augenblick hielt die Zeit an, blieb die Welt stehen.

Die Mädchen waren im Bett. Die Telefone waren still, die Reporter nach Hause gegangen.

Das Ausatmen allein war Meditation.

Die Geschwindigkeit, mit der er von einem Auftritt zum nächsten, von einer Aufgabe zur nächsten schnellte, war immer schwindelerregender geworden. Seltsamerweise wurde die Ausführung der einzelnen Programmpunkte dadurch umso erfüllender. Nicht nur per Hand jeden Abend ein paar Briefe von Bürgern zu beantworten, sondern exakt zu wissen, wie man durch das dunkle Auge der Kamera Aufrichtigkeit vermittelt, während man für die Website des Weißen Hauses erklärt, was es einem bedeutet, diese Briefe zu lesen – in der Präzision in all diesen Dingen lag ein gewisser Reiz. Der allerdings auch Überreizung mit sich brachte.

Eine Zigarette ließ all dies kurz anhalten. Und für einen Atemzug verband sie ihn, selbst hier, inmitten all der Pracht und Gravitas, mit den früheren Gegenleben: der Junge, dem seine Schulnoten egal waren, der Erstsemester, der den jungen Linken zuhörte, wie sie Nietzsche und Foucault zitierten, der Kurzgeschichtenschreiber allein auf seinem Zimmer nach einem Tag der vorgetäuschten Fortschrittsgläubigkeit (kniet, und ihr sollt beten), der für ein paar Stunden am Abend glaubte, ein wohlformulierter Satz könne die Menschen frei machen. Das war vor dem strukturierenden Einfluss von Michelle; vor der ordnenden Macht eines konkreteren Lebensziels. Für einen Augenblick wieder das leichte Leben des Faulenzers und Zynikers. Das dunkle, wirre Zuhause mit dem Versprechen einer ganz eigenen Art von Geborgenheit.

Er nahm noch einen Zug und aschte in den Flaschendeckel, den er von seinem Schreibtisch mitgenommen hatte.

„Wie lange haben wir noch?“

„Eine Stunde“, sagte Jones. „Vielleicht noch nicht mal.“

Er drehte sich um und winkte seinem Geheimdienstler.

„Kommen Sie“, sagte er zu Jones. „Wir gehen ein Stück spazieren.“

Das Biest hielt vor dem Südportikus, und die beiden Männer stiegen hinten ein. Sie bogen in die 17. Straße, fuhren an der Corcoran Gallery vorbei und dann nach rechts in die Constitution Avenue.

„Sie mögen es gar nicht, wenn ich das mache.“

„Kann ich verstehen.“

„Kriegen Sie auch mal Morddrohungen?“

„Ein paar Untergebene wollten mich, glaube ich, mal umbringen, aber dann war ihnen eine Beförderung doch wichtiger.“

„Von den meisten erzählen sie mir gar nichts. Wenn man einmal bei 500 ist, was sind da schon 50 mehr oder weniger? Da gehen Einzelne in der Menge unter.“

„Hier können Sie halten“, rief der Präsident dem Fahrer zu. Die drei Autos kamen vor dem Eccles Building zum Stehen; er ließ das Fenster herunter und blickte auf die breiten Stufen der Notenbank.

„Brauchen Sie noch etwa Kleingeld? Habe gehört, dass die das hier drucken.“

Jones lächelte knapp.

„Ich steige hier aus. Kommen Sie?“

„Schon o.k., Mr. President. Das ist Leon, der gerade anruft. Gehen Sie ruhig.“

Mit drei Agenten vor sich und drei hinter sich überquerte er die Constitution Avenue, schritt durch die Bäume und auf den Weg am Reflecting Pool. Es war jetzt fast drei Uhr morgens, und der Park war leer. Es war keine Chicagoer Straße am Tag mit bekannten Gesichtern, die man grüßen konnte, aber es genügte. Die Stille und die frische Luft und die Zeit, den Gedanken freien Lauf zu lassen.

Er war gerade ein paarhundert Meter weit gegangen, ganz im seichten Wind und dem Geräusch seiner Schritte auf dem Parkweg versunken, als er zu seiner Rechten Bewegung ausmachte. Dann sah er, wie sich eine Gestalt in der Dunkelheit von einer Bank erhob.

„Sind Sie das?“, sagte die Stimme.

Die Agenten hatten den Mann bereits umringt, einer hielt seine Arme in die Höhe, während zwei andere ihn auf Waffen durchsuchten.

„Lassen Sie uns weitergehen, Mr. President“, sagte der Leiter der Truppe und nahm ihn beim Arm.

Der Eindringling war ein Schwarzer, mit heller Haut, Ende vierzig, Anfang fünfzig, in einer dunkelgrünen Regenjacke und einer Anzughose. „Ich tue Ihnen nichts“, rief er über den Weg hinweg.

„Mr. President –“

„Schon o.k.“, beruhigte er den Agenten. „Ich hab’ alles im Griff.“

„Hallo“, sagte er und ging auf den Mann zu. Er hatte erwartet, die Obdachlosigkeit des Mannes deutlich zu sehen, aber als er näher kam, war er sich nicht sicher. Der Mann war glatt rasiert. Er trug eine schwarze Hornbrille unter einer hohen, schmalen Stirn. Seine Kleider schienen ihm ordentlich zu passen. Der Präsident streckte den Arm aus, und sie schüttelten einander aus einer gewissen Distanz die Hand. Der Mann hatte einen festen Händedruck. Seine andere Hand legte sich sanft auf die beiden umschlossenen Hände, so wie man von einem Geistlichen begrüßt würde.

„Gerade habe ich an Sie gedacht. Und nun sind Sie da.“

„Ich wollte mir die Beine vertreten. Es ist schön hier draußen.“ Er zog seine Hand zurück. „Ihnen noch eine angenehme Nacht, Sir“, sagte er mit einem Lächeln und einem Kopfnicken.

„Ich bin Ihr Nachbar.“

Einen halben Schritt entfernt hielt der Präsident an und drehte sich um.

„Echt? Wo wohnen Sie denn?“

„Nicht weit weg. Wir könnten uns unterhalten. Ich könnte Sie begleiten.“

„Mr. President, ich muss Sie bitten –“

Er hob seine Hand, was den Agenten erneut zum Schweigen brachte.

Sich nicht in der Blase einfangen lassen. Das hatten er und Michelle und Valerie sich immer gesagt. Der Mann hatte nichts Verstörtes an sich. Er wirkte sogar erstaunlich ruhig für jemanden, der gerade den Präsidenten mitten in der Nacht in einem Park getroffen hatte.

„Gut“, sagte der Präsident und deutete neben sich auf den Boden. Der Mann trat vor, leicht gebeugt, eine Hand an seine Seite gelegt. Jede seiner Bewegungen wurde von den Wächtern seziert.

Dann gingen die beiden langsam nebeneinander los, den Weg entlang.

„Sie sind spät noch wach“, bemerkte der Mann. „War wohl ein langer Tag.“

„Das sind die meisten. Sie sind aber auch noch spät auf den Beinen. Arbeiten Sie in der Nähe?“

„Ich arbeite in einem Spirituosenladen. Morgens schreibe ich, oder versuche es zumindest. Heute habe ich eine Kiste in meinem Zimmer durchwühlt und eine alte Taschenbuchausgabe von Kafka gefunden. Es fängt mit einer seiner Parabeln an, ,Eine kaiserliche Botschaft’. Haben Sie das mal gelesen?“

Der Präsident lächelte leise, erstaunt und still begeistert.

„Klar. Vor Jahren.“

„Das ist die mit dem Bauern, der glaubt, dass der Kaiser ihm eine Botschaft gesandt hat, und vielleicht hat er das auch, aber der Weg des Boten ist viel zu lang, als dass er es je aus dem Palast und aus der Hauptstadt heraus schaffen und die Botschaft überbringen könnte. Ich mag, wie er hier mit dem Satz endet: ,Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt.’ Das war es, warum ich an Sie denken musste.“

„Ach, und wieso?“, fragte der Präsident, fasziniert von der nachdenklichen Art des Mannes. Sonst waren Bürger in seiner Gegenwart immer so nervös, dass er ihnen nur wortlos versichern konnte, dass alles in bester Ordnung war – im Prinzip einfach nur bei ihnen sein in ihrem Augenblick der Ehrfurcht und sie dann behutsam wieder ihres Weges schicken. Aber die Stimme dieses Mannes hatte etwas Gefasstes, fast schon Endgültiges, und ihr Klang löste etwas im Inneren des Präsidenten.

Der Mann hustete und stöhnte dabei leicht, bevor er antwortete.

„Na ja, es ist so“, sagte er, „wir sind dabei, wieder zu Bauern zu werden. Die meisten von uns. Es gibt die Leute mit dem Geld und die Leute um sie herum, und dann gibt es Sie. Aber wir Anderen, wir sind Bauern. Und wir träumen von Ihnen. Ich träume von Ihnen. Meistens reden wir miteinander, ein bisschen so wie jetzt. Aber das Seltsame ist, dass ich keine Botschaft brauche; ich bin da um zuzuhören. Sie sind es – Sie haben das Bedürfnis, zu reden. Ich bin Ihr Beichtvater.“

Die Agenten hatten Recht, dachte er. Das hier war nicht sicher. Der Mann könnte doch gestört sein. Als Präsident sollte er sich selbst nicht so in Gefahr begeben.

Aber Mitgefühl – das war Teil des Jobs. In winzigen Stückchen musste er es austeilen, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, unter den Sorgen der Anderen verrückt zu werden. Aber wenn er gar keins zeigte, wäre er am Ende. Es war der Teil von seiner sonst so virtuosen Selbsterkenntnis, der sich nie mit derselben Eleganz bewegte. Es hakte, verfing sich, bremste ihn.

„Das mit den Leuten mit dem Geld, das verstehe ich“, sagte er etwas unbeholfen. „Deshalb müssen wir die Bürger zur Organisation ermutigen“, fuhr er fort, hörte aber sofort, dass es eine leere Phrase war.

Der Mann schüttelte den Kopf und atmete schwer aus; vielleicht war es auch ein Seufzer, der Präsident war sich nicht sicher. Er sah den Mann von der Seite an und hatte das unbestimmte Gefühl, ihn von irgendwo her zu kennen. Aus Chicago vielleicht, oder New York. Sein Gesicht hatte etwas Offenes, so als ob der ganze Mensch ganz nah unter der Oberfläche wäre. Und er war in seinem Alter. Aber er konnte ihn nicht einordnen, und wie groß war die Wahrscheinlichkeit schon? Er war übermüdet, dachte er, und fing an, Gespenster zu sehen.

„Was Sie da sagen, das mag schon stimmen“, sagte der Mann. „Aber das ist irgendwann in der Zukunft. Ich meine hier und jetzt. Auf diesem Weg. Sie wollen mir etwas sagen.“

„Kennen wir uns?“, fragte der Präsident.

„Jetzt schon.“

„Ich hätte schwören können ...“

„Ein Weilchen kann ich noch mit Ihnen gehen“, sagte der Mann. „Sie haben noch Zeit, darüber nachzudenken.“ Für eine Weile gingen die beiden schweigend weiter.

„Ihnen muss jeden Tag so vieles durch den Kopf gehen. Ist das Essen so gut, wie man sagt? Ich habe mal gelesen, dass Sie eine direkte Telefonverbindung zur Küche haben und bestellen können, was Sie wollen, rund um die Uhr. Stimmt das?“

Der Präsident lachte leise. „Ja“, sagte er. „Ist schon Wahnsinn. Nichts als Rucola – morgens, mittags und abends.“

Der Mann lächelte kurz, verzog dann aber das Gesicht zu einer Grimasse.

„Können wir uns einen Moment hinsetzen?“, fragte er. Er klang als würde er keuchen, sein Atem ging jetzt schneller.

Sie steuerten auf den Rand des Weges zu, während die Agenten in ihre Mikrofone raunten, ausschwärmten und die Bank von oben bis unten abtasteten. Schließlich kam „Entwarnung“.

„Ah, schon besser“, sagte der Mann, nachdem er sich gesetzt hatte. Er hielt jetzt beide Hände auf einer Seite gegen die Regenjacke gedrückt.

Als der Präsident hinabsah, bemerkte er ein kleines Rinnsal über seine Knöchel laufen, das im Schein der Lampen schwach blutrot schimmerte.

„Sie sind verletzt“, sagte er.

„Geht schon. Das waren nur diese Jungs, die kamen heute Abend in den Laden, als ich gerade zuschließen wollte. Die ärgern mich schon seit Wochen. Ich sitze da, hinter der Scheibe, mit meinen Notizbüchern. Und sie hänseln mich. Ich habe gerade auf den Bus gewartet. Da sind ein paar von ihnen auf mich losgegangen. Ist nichts Schlimmes, nur ein Kratzer, heilt bestimmt von selbst wieder.“

Er öffnete seine Jacke ein Stückweit, und beide blickten auf das blutdurchtränkte T-Shirt hinab.

„Sagen Sie nichts“, flüsterte er. „Noch nicht. Die werden Sie wegführen. Sie müssen einfach nur mit mir hier sitzen. Ist schon in Ordnung.“

Der Präsident fühlte, wie sein Puls schneller wurde; der Anblick des Blutes lähmte ihn für einen Moment. Er hatte noch nie soviel davon gesehen. Der Mann muss unter Schock stehen, dachte er. Er hat sich irgendwie im Schock hierher geschleppt, anstatt ins Krankenhaus zu gehen.

Dann sah der Präsident, wie in Trance, wie seine Hand hinüber driftete und sich auf die Wunde legte. Er war überrascht, wie warm sie war. Und wie uneben die Haut, wie die Falten eines nassen Lappens. Er spürte das Fleisch unter seinen Fingern pulsieren. „Ja, berühren Sie sie ruhig. Ist schon o.k.“ Es fühlte sich an, als würde das Blut in seine Hand einziehen und in den Adern seines Arms aufsteigen. „Sie können es mir ruhig sagen“, sagte der Mann mit zutiefst friedvoller Stimme. „Was auch immer Sie loswerden wollen, mir können Sie es sagen.“

Aber wie sollte er das tun? Wie sollte er sagen, dass er sich zum ersten Mal wünschte, er wäre klein? Klein genug, um in diese Wunde zu kriechen, in den Schmerz selbst hinein, um die unablässige Wachsamkeit aufzugeben. In diesen Mann, der er so leicht selbst hätte sein können, hineinzukriechen und zu verschwinden. Zum ersten Mal fehlten ihm die Worte, der Wunsch selbst zu flüchtig, zu verleugnet um ihn zu fassen.

Er wollte gerade etwas sagen, irgendwas, um den Mann zu beruhigen, aber dann spürte er die Hand eines Agenten auf seiner Schulter. Es ging so schnell; der Präsident schaute zu ihm auf, als sie gewaltsam getrennt wurden, und sah im Gesicht des Mannes nichts als Mitleid.

Bevor er sich’s versah, hatte man ihn schon wieder in das Biest gesteckt, das auf den Rasen gefahren war und jetzt schon wieder zurück auf die Straße und um die nächste Ecke gebogen war.

Jones saß immer noch auf der anderen Seite des Rücksitzes, einen Ordner in der einen Hand, ein Telefon in der anderen. Er hielt sich starr und schweigsam, eine Haltung, die nur sehr unvollkommen seine Ungeduld und Missbilligung der ganzen Angelegenheit ausdrückte.

Als sie vom Auto hinüber zum Südportikus gingen, hörte er das Schreien einer Krankenwagensirene auf dem Weg den Hügel hinunter dorthin, woher sie gerade gekommen waren. Jones und er gingen den Säulengang entlang.

„Wir haben die endgültige Bestätigung erhalten, Mr. President. Wir haben zehn, vielleicht fünfzehn Minuten.“

Mit einem Taschentuch wischte er sich die roten Spuren von den Fingern.

„Die Zielperson ist noch da?“

„Ja.“

„Und die anderen?“

„Die auch. Sie sind alle noch da.“

„Dann los“, sagte er und dreht sich plötzlich um, was Jones, der hinter ihm gegangen war, abrupt zum Stehen brachte, ihn aber sofort Haltung annehmen ließ.

Oben im Wohntrakt war nur noch im Flur und in der kleinen Küche Licht; der Rest lag in gedämpfter Dunkelheit. Er ging zum Schrank, nahm ein Glas heraus und füllte es mit Wasser aus dem Hahn. Dabei merkte er, dass seine Hände zitterten.

Es gab Privatparks, wie der Leiter der Truppe ihm bereits mehrmals gesagt hatte, es gab Friedhöfe, die nachts die Pforten schlossen, Orte, an denen sie ihm mehr Sicherheit bieten konnten, wenn er weiterhin auf diesen unangekündigten Spaziergängen bestünde. Er würde wohl auf sie hören müssen.

Plötzlich fühlte er sich beobachtet, blickte auf und sah seine Schwiegermutter im Bademantel im Halbdunkel des Wohnzimmers stehen und ihn ansehen. Er und Michelle und die Mädchen waren eine gesprächige Familie, immer am Plappern, fast immer voller Energie. Marian aber hatte etwas Stilles an sich, und oft war die Kommunikation zwischen ihnen wortlos – ein Blick oder eine Geste oder eine Berührung. So wie jetzt. Sie kam näher und hielt in der Tür zur Küche an, aber sie belastete den Moment nicht mit Worten. Sie fragte nicht, was er auf dem Herzen hatte, oder ob sie irgendwie helfen konnte.

Vierzig Jahre hatte sie in ihrem kleinen Apartment in Chicago gelebt und mit einer Engelsgeduld ertragen, wie ihr Mann krank wurde und die Schmerzen so stark wurden, dass er sich kaum noch aus dem Bett quälen konnte. Vierzig Jahre, und jetzt das. Dieses Phantasma eines Endes: ihre Enkel, die in Lincolns Haus spielten. Die Mädchen, um deren Leben sie nun Tag für Tag bangte.

Er stellte das Glas ab und umarmte sie, und dachte daran, dass schon bald Kinder im Hindukusch in Stücke gerissen würden, ihre Gliedmaßen in den Trümmern als Wärmeflecken in den Aufklärungsbildern erscheinen würden, ihr Blut den Asphalt benetzen würde, tot aus dem pragmatischsten aller Gründe. Eine Botschaft war gesendet.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh. Adam Haslett lebt als Schriftsteller in New York und ist Autor von „Union Atlantic“. Diese Geschichte erschien zuerst 2009 im „New York Magazine“.

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