Obama vs. Clinton : Amerika im Postfeminismus

Hillary Clinton verliert ständig - Barack Obama siegt. Dabei galt sie doch als Favoritin – die Frau, die den Kampf einer Generation um Gleichberechtigung krönt. Was ist geschehen?

Christoph Marschall

Hillary Clinton kann offenbar nicht mehr siegen. Und Barack Obama nicht mehr verlieren. Dabei galt sie doch über Monate als die Favoritin – die Frau, die verdientermaßen Amerikas erste Präsidentin wird und den Kampf einer ganzen Generation um Emanzipation und Gleichberechtigung krönt. Doch seit dem Super Tuesday vor zwei Wochen, der beide in ein Patt führte, hat Barack Obama alle zehn Vorwahlen in Folge gewonnen. Wahl für Wahl lässt er sie weit hinter sich, mit knapp unter oder deutlich über 20 Prozentpunkten Abstand. In der Hauptstadt Washington D.C. holte er sogar eine Dreiviertelmehrheit, ebenso am Dienstag in seiner Heimat Hawaii. Selbst in ihrer wichtigsten Wählergruppe kann sie ihn nicht mehr auf Abstand halten: bei den Frauen, die mehr als die Hälfte des Elektorats stellen.

Was ist geschehen? Waren „women’s lib“ und Gleichberechtigung nur schöne Ideale, die Amerikas Bürger lobten, solange sie Theorie blieben, die aber an Charme verlieren, wenn es konkret wird? Oder soll man glauben, die Bürger stimmten in Massen für den Afroamerikaner Obama, weil ihnen die Emanzipation der Schwarzen – einer Minderheit, die nur 13 Prozent ausmacht – noch mehr am Herzen liegt als die der Frauen?

Die USA sind keine Gesellschaft besserer Menschen. Rassenvorbehalte sind immer noch verbreitet, besonders unter Anhängern von Hillary Clinton: einfachen weißen Arbeiterfamilien mit geringer Bildung, die von Abstiegsängsten geplagt werden, und Latinos, die mit den Afroamerikanern um Billigjobs wetteifern. Es gibt auch Schichten, in deren Weltbild starke Frauen nicht so recht passen. Barack Obama liegt bei weißen Männern meist deutlich vor Clinton.

Doch entscheidend für seinen Erfolg und ihr Zurückfallen sind zwei andere Faktoren: die unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden und zwei konkurrierende gesellschaftliche Zielvorstellungen, um die die Wähler der Demokraten ringen. Obama ist ein Sonnyboy und Menschenfischer, dem die Sympathien zufliegen. Hillary wirkt auf viele gefühlsarm und überehrgeizig. Sie hat die höchsten Negativwerte aller Bewerber. Amerika würde nicht pauschal eher einen schwarzen Präsidenten als eine weiße Präsidentin wählen. Sondern Obama schneidet in Sachen Beliebtheit weit besser ab als andere schwarze Politiker, Clinton im Vergleich mit anderem weiblichen Spitzenpersonal unterdurchschnittlich.

Das Rennen spiegelt aber auch einen Generationenkonflikt. Nicht die Frauen generell unterstützen Hillary. Es sind Frauen reiferen Alters, zu deren Lebensgeschichte der Kampf um Gleichberechtigung gehört. Für sie ist es ein übergeordnetes Lebensziel, eine Frau im mächtigsten Amt zu sehen. Die Altersgrenze, ab der Amerikanerinnen mehrheitlich für Hillary stimmen, lag in Iowa bei etwa 55 Jahren – sie verlor. In New Hampshire bei 45 – sie gewann. Bei den jüngsten Vorwahlen über 60 – sie verlor hoch. Jüngere Amerikanerinnen finden Obama attraktiver. Sie brauchen keine Frau im Weißen Haus als Erfüllung ihres eigenen Lebenswegs. Sie erleben die USA bereits heute als ein weitgehend gleichberechtigtes Land: Frauen sind Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, das Abgeordnetenhaus hat eine weibliche Präsidentin, Nancy Pelosi. Zwar gibt es immer noch viele Beispiele der Benachteiligung von Frauen, aber alles in allem ist diese Emanzipationsaufgabe für die jüngere Generation weitgehend gelöst. Amerika hat das Zeitalter des Postfeminismus erreicht.

Das erstrebenswerte Ziel für dieses jüngere Amerika ist eine Gesellschaft, in der alle früheren Barrieren, ob Geschlecht, Rasse oder Herkunft, ihren trennenden Charakter verlieren. In Barack Obama sehen sie weniger einen Schwarzen. Er ist für sie ein Mensch dunklerer Hautfarbe, der über den Lagern steht. Einer, der rechts und links, oben und unten, Schwarz und Weiß, Reich und Arm versöhnen kann. So gesehen verkörpert Hillary Clinton eine Emanzipationsbewegung der Vergangenheit und Obama eine Emanzipationsbewegung der Zukunft. Vor diese Wahl gestellt, finden es Amerikaner wichtiger, die Zukunft zu gewinnen, als alte Schlachten zu schlagen. Sonst wären es nicht die USA.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben